Die "Mörderhauptstadt" der USA : Auf Streife in Anacostia

Am Dienstag blickt die Welt auf Washington. Was sie nicht sieht: Nur drei Kilometer vom Capitol liegt das verrufenste Viertel der Hauptstadt.

Christoph v. Marschall

Gemächlich lenkt Frantz Desir den Polizeiwagen durch den Abendverkehr auf der Good Hope Road. Das Rot und Blau des sich drehenden Lichts auf dem Autodach huscht über die zwei- bis dreistöckigen Backsteinfassaden rechts und links der Straße in Anacostia.

Das Armenviertel im Südosten von Washington ist für seine Kriminalitätsrate berüchtigt. Am Apartmentblock „Skyland“ biegt Frantz in einen dunklen Stichweg ein und rumpelt im Schritttempo durch die Schlaglöcher. Rostige Autos stehen in den Hinterhöfen, vor manchen Hauseingängen liegen aufgeschlitzte Matratzen. „Public Housing“, sagt der 43-jährige Streifenpolizist verächtlich. Die Sozialwohnungen sind aus seiner Sicht ein Nährboden des Verbrechens. Dort konzentrieren sich Arbeitslose und Drogenkonsumenten – was wiederum Drogenhändler anzieht, die ihre Rivalität mit der Waffe austragen.

Frantz Desir kennt sich da aus. Vor acht Jahren war der drahtige Schwarze aus Haiti gekommen, um Verwandte in den USA zu besuchen. Er ließ sich für den Undercover-Einsatz gegen Drogenbanden anwerben. So hat er die „Public Housing“-Komplexe hassen gelernt. Er habe „einige schwere Jungs hinter Gitter gebracht“, sagt er selbstbewusst. Mittlerweile sitzt er in Uniform im Streifenwagen. Da ist es sicherer und im Winter auch wärmer. Sein ganz persönlicher Aufstieg.

Die verbreitete Einschätzung, die Lage in Anacostia habe sich gebessert, mag er nicht teilen. Ja, die Mordrate sei gesunken. 1991 wurden 482 Menschen allein in Anacostia ermordet. Das brachte Washington den Ruf ein, „die Mörder- Hauptstadt“ der USA zu sein. Die Zahl ging bis 2006 auf 169 zurück, wegen des schärferen Durchgreifens der Polizei, glaubt nicht nur Desir. In seinem Revier hängen Auszeichnungen für die Reduzierung der Kriminalität. Er aber traut der Entwicklung nicht. Heute würden nicht weniger Drogen konsumiert, sagt er. Und „die Respektlosigkeit der Leute hier hat eher zugenommen: kein Respekt vor dem Gesetz, kein Respekt vor dem Leben, kein Respekt vor dem Mitmenschen.“

Vier Stunden Streifenfahrt durch Anacostia vermitteln das Bild eines Viertels in seelischem Notstand und äußerer Verwahrlosung. Bei Dunkelheit trauen sich viele Anwohner nicht mehr auf die Straße. Wenn die Zentrale einen Einsatzbefehl durchgibt, schaltet Frantz Desir das Rot-Blau-Licht auf rasche Rotation und lässt vor Kreuzungen das Martinshorn aufheulen. Meist geht es um Nachbarschafts- oder Mietstreitigkeiten inklusive versuchter Selbstjustiz. Oder um minderjährige Mütter, denen eine andere den Freund und Kindsvater ausgespannt hat. Einmal wird Desir zu einem Verkehrsunfall mit Verletzten gerufen, die Beteiligten stehen offenbar unter Drogeneinfluss.

Frantz Desir hat auf seinen Erfahrungen in Anacostia drastische Schlüsse ge zogen. Die Sozialwohnungen müsse man alle dichtmachen, die Jugendlichen von der Straße holen und sie von Staats wegen zu sinnvollen Beschäftigungen zwingen und der Polizei ein härteres Durchgreifen erlauben. Erstaunlicherweise werden seine rigorosen Empfehlungen auch von vielen Vertretern sozialer Organisationen geteilt.

Am Dienstag blickt die halbe Welt auf Washington, wenn Barack Obama als erster schwarzer Präsident auf den Stufen des Capitols den Amtseid ablegt. Gut drei Kilometer sind es vom Capitol nach Anacostia – kaum mehr als die Entfernung zum Weißem Haus, nur in entgegen gesetzter Richtung.

Weder die Kameras noch Obama werden nach Südosten auf Anacostia schauen. Der Präsident spricht auf der Westterrasse mit Blick auf die nationalen Wahrzeichen. In der westlichen Stadthälfte werden auch die rund zwei Millionen Gäste feiern, die zur Inauguration erwartet werden. Die alteingesessenen Bürger Washingtons haben es sich schon lange angewöhnt, den Südosten zu ignorieren. Dort leben 77 000 der 592 000 Einwohner der Hauptstadt, abgetrennt durch den Anacostia River, über den nur wenige Brücken führen. Mit ihnen und ihren Problemen möchten die Übrigen möglichst wenig zu tun haben.

Das Capitol markiert die offizielle Grenze. Östlich des Gebäudes, in dem der Kongress seinen Sitz hat, tragen alle Straßennamen den Zusatz „East“, in der anderen Richtung den Zusatz „West“.

Besucher der Hauptstadt erleben Washington als ein buntes Gemisch und höfliches Miteinander der Hautfarben und Rassen. Doch die meisten bewegen sich auch nur im Drei-Kilometer-Radius um das Weiße Haus – es liegt 16 Straßenblocks westlich vom Capitol – und reflektieren kaum, dass sie damit den Westteil der Stadt nicht verlassen. Dort sind die National Mall mit ihren Museen, die Monumente und übrigen Attraktionen zu finden. In diesem Umkreis liegt auch ein Großteil der Geschäfts- und Bürohäuser sowie der beliebten Restaurants und Bars, in denen mehrere hunderttausend Pendler aus dem Umland arbeiten. Tagsüber halten sich fast doppelt so viele Menschen in Washington auf, wie nachts innerhalb der Stadtgrenzen schlafen. Das verführt Besucher häufig zu einem Zerrbild von der sozialen Realität – als habe Erwerbsleben und Wohnverhalten Menschen verschiedener Herkunft kräftig durchmischt.

In Wahrheit ist Washington bis heute segregiert, nicht durch Rassengesetze, aber durch ökonomische Barrieren. Man muss einige Zeit hier leben, um die Verteilung der Lebensräume zu verstehen. Der Westen und Nordwesten ist das Gebiet der weißen Mittelschicht: Georgetown, Cleveland Park, Tenley Town, Barnaby Woods. Tagsüber sieht man in den Geschäftsstraßen dieser wohlhabenden Viertel auch Nichtweiße. In den Postämtern, Lebensmittelläden, Kinos, Drogeriemärkten arbeiten Schwarze und Latinos, aber nach dem Dienst kehren sie in die billigeren Gegenden zurück. Je weiter man nach Osten vordringt, desto bescheidener werden die Häuser und desto höher der Anteil an Schwarzen in der Bevölkerung.

Die Hoffnung, dass Washington die inoffizielle Segregation eines Tages überwindet, lebt freilich fort. Der Einzug des ersten Schwarzen ins Weiße Haus gibt ihr neue Nahrung. Dies bestätigen zu fällige Begegnungen auf einer Tour vom wohlhabenden Westen quer durch Washington bis in den armen Südosten.

Terry Carlton ist Barkeeper in „Blues Alley“, einem Jazzclub in Georgetown inmitten von Designerboutiquen und Nobelrestaurants. Obamas Amts antritt markiere „einen historischen Wendepunkt in den Rassenbeziehungen“, sagt der unverheiratete 34-Jährige mit dem Siebentagebart und erzählt von seinem zwei Jahre alten Neffen, der „Obama, Obama“ brabbele, sobald er den künftigen Präsidenten im Fernsehen sehe. Carlton wohnt im Nordosten. Eine Wohnung in der Umgebung des Clubs könne er sich nicht leisten. „Bis mein Neffe erwachsen ist, werden die ökonomischen Grenzen fallen.“

Die nächste Station, 14 Blocks östlich, ist der Dupont Circle. Dort haben sich berühmte „Think Tanks“ mit ihren Politikberatern angesiedelt. Auf dem großen Platz trotzt Novato Tornero dem eisigen Januarwind. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, läuft er Reklame für die Neu eröffnung eines California-Imbisses. „Kein Gelegenheitsjob“, betont der 35- Jährige. Er sei fest angestellt für solche PR-Arbeit. Obama werde die Wirtschaft ankurbeln und ihm weitere Karriere chancen eröffnen. Auch er wohnt nicht hier im Westen, sondern im Nordosten.

Tyron Parker sitzt im Büro seines Sozialvereins „Alliance of Concerned Men“. Es liegt bereits östlich des Weißen Hauses, aber noch vor dem Capitol. Der 59-Jährige hat wegen Drogendelikten im Gefängnis gesessen, sich aber aus eigener Kraft vom Knacki zum Sozialhelfer ge läutert. Wie Polizist Frantz Desir hält es auch Parker für ein Übel, dass die Politik das „Public Housing“ in Anacostia konzentriert und so den sozial labilen Bezirk weiter destabilisiert habe.

Auch Parker sagt, es sei entscheidend, die Jugendlichen weg von der Straße und weg von Drogen und Gewalt zu bringen. Also macht er ihnen in Anacostia Freizeitangebote und vermittelt Waffenstillstände zwischen verfeindeten Gangs. Zu Ehren von Obamas Amtsantritt organisiert er einen Ball. Dieser Tag könne die politische Schwerkraft in der Stadt verändern und „die seelischen Wunden gefährdeter Jugendlicher heilen“, sagt er. Viele Bürger in Anacostia seien zum ersten Mal wählen gegangen, „weil Obama ihnen Hoffnung gibt“. Diese positive Kraft müsse man nun verstärken. „Die Menschen erwarten nicht Geld vom Staat. Sie wollen nur eine faire Chance bekommen. Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Weiter am Capitol vorbei nach Süd osten über den Anacostia River: Bis in die 1960er Jahre war das Viertel, das heute so verrufen ist, eine weiße Mittelklasse gegend. Die Hügel über dem Fluss bieten einen schönen Blick auf die Kuppel des Capitols. Zwei Faktoren haben die Weißen vertrieben: der massenhafte Bau von Sozialwohnungen mit den Folgeproblemen; das drückte den Wert ihrer Immobilien. Und die Rassenunruhen der späten 60er und der 70er Jahre.

Das Frederick-Douglass-Haus zeigt den untergegangenen Charme des Viertels. Der National Park Service erhält das Heim dieses wichtigen Vorkämpfers der Emanzipation von Afroamerikanern als Museum: 1818 als Sklave geboren, gelang ihm der Aufstieg zum US Marshall im District. Museumswärterin Jessica Brown ist Obama-Fan. Noch nie habe sie „eine so intensive Welle von Gefühlen“ in ihrer Umgebung erlebt wie nach seinem Wahlsieg. Vor zwei Jahren ist die 24-Jährige nach Abschluss ihres Geschichts studiums aus Georgia gekommen. Sie bedauert, dass fast nur Weiße das Museum besuchen. Für die Jugendlichen in der Nachbarschaft, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, könnte Douglass doch ein Vorbild sein.

Wie alle anderen Gesprächspartner dieses Tages hofft Jessica Brown, dass Obama Washington zu einem neuen Gleichgewicht verhilft: einer Balance zwischen den Rassen, einer sozialen Balance, einer Balance zum Umland. Nur, ist das realistisch?

Der Kampf um das Gleichgewicht durchzieht die Geschichte der Stadt. Eine dauerhafte Balance hat sie nie gefunden, trotz der wiederholten Bemühungen von Politikern und Stadtplanern im Laufe von 230 Jahren. Die Gründerväter der USA bestimmten 1787 in Artikel 1 Absatz 8 der Verfassung, ein Sonderbezirk von nicht mehr als zehn Quadratmeilen, der zu keinem Bundesstaat gehört, solle Regierungssitz werden.

Kein Staat sollte sich wichtiger als andere dünken, weil er die Verfassungs organe beherbergt. Und umgekehrt sollte die Regierung für ihre Sicherheit nicht von Polizei oder Milizen eines Staats abhängig sein. Der Ort wurde erst 1790 festgelegt, in einem weiteren Kompromiss zwischen dem Süden mit seiner Plantagenwirtschaft und dem Norden mit seinen Manufakturen. Man nannte ihn „District of Columbia“, kurz D. C.

Wie ein Karo liegt D. C. mit der linken, unteren Seite auf dem Potomac, der Fluss bildet hier die Grenze zwischen dem Südstaat Virginia und dem Nordstaat Maryland. Im Bürgerkrieg 1861–65 war Washington erneut Nahtstelle zwischen den Südstaaten, die die Sklaverei praktizierten, und dem Norden, der sie ablehnte.

Nach den Politikern versuchten die Stadtplaner ihr Glück. Sie wollten die Natur des Terrains mit seinen ansteigenden Flussterrassen, den Hügeln und canyon artigen Einschnitten der Zuflüsse bändigen, indem sie dem Distrikt ein rationales System der Straßenführung und Benennung überstreiften. Dichterviertel und Baumalleen sucht man vergebens. Aus gehend vom Capitol, sind die Straßen rechts und links nach aufsteigenden Ordnungszahlen benannt, jeweils mit dem Zusatz E (East) oder W (West).

Einer ähnlich gleichmacherischen Symmetrie folgen die Straßennamen nördlich und südlich des Capitols. Hier sind nicht Zahlen das Ordnungsprinzip, sondern die Buchstaben des Alphabets, mit dem Zusatz N (North) oder S (South). Es beginnt mit der A-Straße bis zur W-Straße. X, Y und Z werden ausgespart. Dann folgen einsilbige Straßennamen von A bis W, darauf zweisilbige und schließlich drei silbige Namen von A bis W.

Das System erleichtert die Orientierung und macht es selbst Ortsunkundigen möglich, eine Adresse ohne Stadtplan zu finden; sie müssen nur das Prinzip kennen. Dieser egalitäre Ansatz, der den vernunftbetonten Geist der Aufklärung atmet, konnte freilich nicht verhindern, dass sich ein ökonomisches Gefälle bildete. Eine P-Straße gibt es im reichen Nordwesten und im armen Südosten. Die soziale Wirklichkeit an den synonym klingenden Orten ist grundverschieden.

Doch Jessica Brown, die Museumswärterin, oder Terry Carlton, der Barkeeper, erwarten von Obama gar nicht, dass er die Gegensätze völlig einebnet. Nur auf etwas mehr Chancengleichheit hoffen sie. Die muss dann freilich auch jeder für sich nutzen. Und ein Aspekt des Obama-Effekts ist dem Polizisten Frantz Desir und dem Sozialhelfer Tyron Parker gleichermaßen wichtig: „Jedem Kind, egal welcher Hautfarbe, sage ich jetzt: Wenn du dich anstrengst, kannst du in diesem Land alles erreichen.“ Seit Obamas Erfolg „kann niemand mehr die Hautfarbe als Ausrede für eigenen Misserfolg benutzen“.

Selbst wenn er als Präsident total versage – „diese Leistung hat er schon erreicht“.

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