Zeitung Heute : Die Mogelpackung

Ernährungsminister Horst Seehofer will sich nun doch für eine farbliche Nährwertkennzeichnung einsetzen. Wie sollen Verbraucher künftig erkennen, ob Lebensmittel gesund oder ungesund sind?

Rainer Woratschka

Angeblich war es ja nur ein Missgeschick. Verbraucherminister Horst Seehofer wollte eine Lebensmittelkennzeichnung light. Wirtschaftsfreundlich sollte sie sein, freiwillig, und eine farbliche Darstellung der jeweiligen Inhaltsstoffmengen, etwa von Zucker oder Fett, kam ihm auch nicht in – oder besser: an – die Tüte. Sicherheitshalber ließ der CSU-Politiker aber noch mal das Verbrauchervolk befragen. Und siehe da: Eine deutliche Mehrheit wollte exakt die von Verbraucherschützern bisher vergeblich geforderte Ampelkennzeichnung. Rot für einen besonders hohen Gehalt, Gelb für einen mittleren und Grün für einen geringen: 55 Prozent der Deutschen, so erfuhr Infratest, würden ihr Einkaufsverhalten danach ausrichten.

Das Umfrageergebnis gelangte, wie auch immer, an die Öffentlichkeit. Und da ein Verbraucherminister schlecht einen mehrheitlich erklärten Verbraucherwunsch ignorieren kann, kündigte Seehofer am Freitag an, mit den Lebensmittelherstellern nun auch über die bis dato verschmähte Farbkennzeichnung reden zu wollen. Allerdings: Freiwillig soll sie immer noch bleiben. Und die alleinige Information über „Farbtupfer oder -kleckse“ komme auch nicht infrage. Es handle sich nur um die „farbliche Unterlegung einer zusätzlichen vernünftigen Sachinformation“. Alles andere, sagte Seehofer, wäre eine „Irreführung der Bevölkerung“.

Zunächst kommen auf die Packungen also wie geplant und wenn überhaupt pure Zahlen: der Brennwert des Lebensmittels, dazu der Gehalt an Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz. Ergänzt wird dies durch eine Prozentangabe. Sie klärt den Verbraucher darüber auf, wie viel er pro Portion von der empfohlenen Tageszufuhr des jeweiligen Inhaltsstoffes abdeckt. Als Richtwerte nennt das Ministerium 2000 Kalorien sowie 90 Gramm Zucker, 70 Gramm Fett, 20 Gramm gesättigte Fettsäuren und 6 Gramm Salz.

Dass diese Zahlen umstritten sind, ist das eine. Die Zuckermenge zum Beispiel sei viel zu hoch, schimpft die Vorsitzende des Verbraucherausschusses, Ulrike Höfken (Grüne). Das andere ist die Orientierung an Portionsgrößen. Die nämlich sind bisher nicht einheitlich festgelegt. Die Lebensmittelwirtschaft arbeite daran, heißt es im Ministerium. Es sei „ein Problem, dass man mit diesen Größen spielen kann“. Im Klartext: Wirklich vergleichbar sind die Angaben nicht.

Sie wären es, wenn die Nährwertangabe pro Einheit erfolgen würde, wie es übrigens auch die Mehrheit der Verbraucher fordert. Doch dieses Fass wollte Seehofer nicht auch noch aufmachen. Wer sich Sondervorteile verschaffen wolle, dem werde man schon „das Handwerk legen“, versichert er nur. Man brauche nun also immer einen Taschenrechner, um die Angaben zu vergleichen, folgert Höfken.

Was die Verbraucherschützer aber noch mehr ärgert, ist die Freiwilligkeit der Angaben. Seehofer behauptet, dass es trotzdem funktionieren wird. Er rechne damit, dass in wenigen Jahren drei von vier Produkten gekennzeichnet seien. Außerdem sei rechtlich nichts anderes möglich. Das bezweifeln Experten. Beim Gesundheitsschutz – und um den gehe es hier – lasse die EU den nationalen Regierungen großen Ermessensspielraum, sagt der Geschäftsführer von Foodwatch, Thilo Bode. Die fehlende Hersteller-Verpflichtung zeige nur, dass Seehofer das Problem nicht ernst nehme.

Natürlich befürchteten Firmen, die sich auf überzuckerte Kinderprodukte spezialisiert hätten, Probleme durch verbindliche Kennzeichnung, sagt Bode. Manche Cornflakes bestünden bis zur Hälfte aus Zucker. Solche „Auswüchse“ seien aber nur durch einfache und verbindliche Kennzeichnung zu beseitigen. In Großbritannien habe die Ampelregelung dazu geführt, dass Hersteller ihre Rezepturen geändert hätten.

Auch Seehofers Vorgängerin, Grünen- Fraktionschefin Renate Künast, nannte die Pläne „völlig ungenügend“. Es sei „indiskutabel, nur auf eine freiwillige Lebensmittelkennzeichnung zu setzen“, sagte sie. „Freiwilligkeit wird von der Nahrungsmittelindustrie immer unterlaufen.“ Seehofer habe „unter dem Druck der Öffentlichkeit endlich seinen bisherigen Kurs der Totalblockade aufgegeben“. Den entscheidenden Schritt, die Ampelkennzeichnung vorzuschreiben, mache er aber nicht. Dabei sei die „ein klassisches Beispiel dafür, wie man Verbraucher quer durch alle Alters- und Bildungsschichten simpel und eindeutig informiert“.

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