Zeitung Heute : Die Mondviole

Erst am Ende zeigt sie ihren wahren Glanz

Ursula Friedrich

Der Name allein sagt, dass es sich um eine besondere Pflanze handelt. Die Mondviole, lateinisch Lunaria. Aber so wird sie selten genannt. Silbertaler oder Judassilberling sind die populären Bezeichnungen für eine Pflanze, die erst am Ende ihres Lebens ihren Glanz zeigt. Davor ist sie zunächst mal violett, kleine, wenig prunkvolle Blüten an etwa 40 Zentimeter langen Stängeln. Im Gegensatz zu allen anderen Blumen im Staudenbeet gilt bei ihr: Verblühtes ja nicht abschneiden. Das Schönste kommt erst.

Wenn die Blüten abgefallen sind, sieht die Pflanze so ärmlich aus, dass man sie am liebsten ausreißen würde. Nur Geduld. Samenkapseln wachsen an ihr heran, ovale Scheiben, durch deren dünne Haut sechs oder sieben Samen schimmern. Die Scheibchen nehmen rote, goldene, violette Farben an. Dann werden sie grau bis schwarz. Jetzt dürfen wir sie abschneiden und gut trocknen lassen. Und dann machen wir uns an die Silberarbeit.

Jede Scheibe besteht aus drei dünnen Scheiben. Nur die mittlere ist durchscheinend wie Perlmutt. Die beiden äußeren werden entfernt. Das ist eine Arbeit wie Flöhemelken, pflegte meine Mutter zu sagen. Aber sie lohnt sich. Zuletzt hat man einen Strauß mit dünnen Zweigen, an denen die Silbertaler hängen.

Wegen dieser, nur wegen dieser Metamorphose, werden die Pflanzen heute noch in Gärten und Gärtnereien gezogen. Seit dem 18. Jahrhundert sind die dekorativen Innenwände der Samenkapseln ein kostbar anmutender Schmuck. Sehen schön aus in Zinnkrügen oder in blauen Vasen, erinnern an Nachtdunkel und Mondglanz. Ich habe einen alten Freund, der mir seit Jahren jeden Herbst seine Judassilberlinge aus seinem Garten bringt. Wegen denen ist Jesus verraten worden. Ach, eine Blume und ein Garten können dich wieder zum Kind machen.

Bleiben wir bei Mondviolen, dem schönsten Namen. Im ersten Jahr ihres Daseins sind sie nur kleine Pflänzchen, die schnell versehentlich als Unkraut ausgerissen werden. Penible Menschen, die ihre Beete sauber jäten, haben deshalb nur selten Mondviolen. Sie stehen gern an halbschattigen Stellen, blühen im zweiten Jahr und hinterlassen Kinder. Mit den Levkojen sind sie verwandt. Aber eigentlich sind sie nur sie selbst, etwas ganz Besonderes.

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