Zeitung Heute : Die Mordmaschine

Sie hießen „Heil- und Pflegeanstalten“, aber hinter ihren Mauern wurde von NS-Ärzten Euthanasie betrieben. Jetzt will Brandenburg / Havel daran erinnern – und auch an das Mädchen Elvira.

Wolf Thieme[Brandenburg H.]
Kein Gesetz. 1998 hob der Bundestag das Erbgesundheitsgesetz von 1933 auf. Da war Elvira Manthey 67 Jahre alt und trat als Zeitzeugin vor Schulklassen auf. Fotos: privat
Kein Gesetz. 1998 hob der Bundestag das Erbgesundheitsgesetz von 1933 auf. Da war Elvira Manthey 67 Jahre alt und trat als...

Elvira Manthey ist schwer dement und liegt in einem Heim in Lübeck. Sie erinnert sich an nichts und niemanden, sagt mal freundlich „Guten Tag“, mal nicht und liegt zart, zerbrechlich, mit selbst gestrickten Strümpfen in ihrem Bett wie ein kleines Kind. Heinz Manthey, inzwischen auch schon 82, besucht sie so oft wie möglich. Er verwahrt die Akten, die Fotos. Elvira Hempel, wie sie vor ihrer Hochzeit hieß, 1938 bei der Aufnahme in das Mordheim Uchtspringe, als lebenslustige junge Frau nach dem Krieg.

Dann das Foto von Schwester Lisa, die nicht mal fünf Jahre alt wurde. Heinz Manthey blickt auf das Bild eines stillen Kindes. Er weint.

Es hieß Euthanasie, aber es war heimtückischer Mord an Ahnungslosen und Ahnungsvollen, Geisteskranken und angeblich Geisteskranken, behinderten Babys, Kindern und Alten, ausgeweitet auf Juden, sozial „Auffällige“, nicht Systemkonforme und politisch Andersdenkende. Begangen von Ärzten, Pflegern, Krankenschwestern, nicht von Einsatzgruppen oder KZ-Mannschaften. Für die „Aktion T 4“ – benannt nach dem Sitz der Täter in der Berliner Tiergartenstraße 4 – gab es nicht mal ein Gesetz im Nazireich, nur Hitlers Willen. Der hatte schon in „Mein Kampf“ gedroht: „Wer körperlich nicht gesund und würdig ist, darf sein Leid nicht im Körper eines Kindes verewigen.“ Es beginnt mit Sterilisierungen und setzt sich fort am 1. September 1939, Tag des Kriegsausbruchs. Da liefert Hitler ohne jede Rechtsgrundlage den „Gnadentoderlass“ nach.

In Brandenburg an der Havel stand Deutschlands erste Gaskammer. Im Alten Zuchthaus am Nicolaiplatz, als „Heil- und Pflegeanstalt“ getarnt, gab es im Dezember 1939 oder im Januar 1940 – das genaue Datum ist nicht bekannt – die erste „Probetötung“ durch Gas auf deutschem Boden. Im erhaltenen Werkstatttrakt wird am heutigen Freitag eine Euthanasie-Gedenkstätte eröffnet, in der auch aus dem Leben von Elvira Hempel erzählt wird. Das Gedenken kommt sehr spät. Zu DDR-Zeiten kündete nur eine kleine Reliefplatte vom Mord an 9000 Menschen. Erst 1997 wurden hinter dem großen Parkplatz die Fundamente der Scheune, in der auch die Gaskammer untergebracht war, ausgegraben und markiert.

„Alle Brandenburger Straßenbahnlinien, der gesamte innenstädtische Verkehr führte über den Nicolaiplatz, da sollte das Treiben in den Mauern des seit Jahren leer stehenden Zuchthauses nicht aufgefallen sein?“, fragt Hans-Georg Kohnke, Chef des Brandenburger Stadtmuseums.

Auch die grauen Busse aus Beständen der Reichspost auf der Fahrt nach „Ewigheim“ (Fahrerspruch) bogen hier ein. Die Toten wurden anfangs in mobilen ölbetriebenen Öfen unter offenem Himmel verbrannt – Rauchfahnen, bei diesigem Wetter lästiger Geruch. Über Beschwerden gibt es nur Gerüchte. Später wurden weitere 5000 Leichen in den abgelegenen Weiler Paterdamm geschafft, über die Hauptstraße an Brandenburgs Bürgern vorbei. Auch die Anrainer der Chemisch-technischen Versuchsanstalt ahnten, was dort hinter hohen Holzzäunen loderte, wenn der Wind die Richtung wies.

Der Chemiker und Mittäter August Becker, nach eigener Aussage „Fachmann in Vergasungsfragen“, erinnerte sich 1960 an eine Art Duschraum mit Guckloch und 30 nackte Männer – bis heute nicht ermittelt –, die ruhig auf Bänken Platz nahmen und zwei bis drei Minuten später, nachdem das geruch- und geschmacklose Kohlenmonoxid in die Kammer geleitet worden war, angeblich „ohne Schmerzensäußerung“ zusammensanken. Sieben Jahre nach seiner Zeugenaussage dämmert Becker verhandlungsunfähig in einem hessischen Altersheim geistig umnachtet dahin, ein Kandidat für die eigene Mordmaschine, hätte es das Dritte Reich noch gegeben.

Auch Elvira Hempel steht 1940 nackt vor der Brandenburger Gaskammer. Hier walten, getarnt als „Dr. Schneider“ und „Dr. Rieper“, die Tötungsärzte Irmfried Eberl (Suizid 1948 in U-Haft) und Heinrich Bunke, der nach dem Krieg als allseits beliebter Frauenarzt in Celle praktizierte und 1988 wegen Beihilfe zum Mord an 9200 Menschen magere 18 Monate Haft absaß.

Elvira, damals acht, sieht zu, wie Kinder ihres Transports von einer Pflegerin am Oberarm gepackt werden und hinter einer Eisentür verschwinden. Sie weiß nicht, was hier geschieht und wie ihr geschieht, wird am Ärztetisch noch einmal gemustert und darf – so erinnert sie sich in ihrem Buch „Die Hempelsche“ – ihr „hässliches rotes Kleid mit den vielen Knöpfen“ aus dem Kleiderberg ziehen. Sie kommt in letzter Minute davon. Hinter der Eisentür zischt kaum hörbar das Kohlenmonoxid. Ein Fragezeichen hinter ihrem Namen auf der Transport- und Todesliste vom 3. September 1940 mit 52 Frauen und 22 Kindern hat sie gerettet.

„Kein Arzt, kein Psychiater hat nur einen dieser Todestransporte verhindert“, sagt der Historiker Ernst Klee. „Kinder verhungerten, weil Pfleger Lebensmittel verschoben.“ Wenn man die Fotos der verkrampften Opfer in der Gaskammer gesehen und dann die Aussagen der Täter vor Gericht gehört habe, könne man nicht mal Zähne putzen aus Angst, kotzen zu müssen, sagt Klee. Reue, Trauer um die Toten? Nicht bei einem der Täter und Helfer. Sie machten wieder Karriere, bildeten akademischen Nachwuchs aus, waren anerkannt und wohl dotiert.

In einer Zelle des leeren Zuchthauses trifft die Überlebende Hempel noch zwei Fragezeichen-Kinder. Erst 1986 erkennt sie in einem Fernsehfilm die Mordfabrik wieder. Da ist sie 55. Nach der Wende findet sie in DDR-Akten auch ihre verschwundene Schwester Lisa, vergast im August 1940.

Wie hat sie das alles verkraftet? Ihr Ehemann Heinz Manthey erzählt von Platzangst und Alpträumen. „Einmal wäre sie nachts fast aus dem Fenster gesprungen. Ein Nachbar gegenüber hatte das Licht gelöscht, und sie konnte Dunkelheit nicht ertragen.“

Elvira kommt aus einer kinderreichen Familie, der Vater ist Trinker und Herumtreiber, da hat sie gegen das Dritte Reich von vornherein keine Chance. Deutsche Nervenkliniken müssen ihre Kranken melden, auch das Fürsorgekind Elvira Hempel gerät in dieses Räderwerk. Professor Ernst Walter Fünfgeld, angesehener Direktor der Nervenklinik in Magdeburg-Sudenburg, attestiert ihr Debilität und Psychopathie und lässt sie im Alter von sieben Jahren in die Anstalt Uchtspringe bei Stendal, Preußische Provinz Sachsen, einweisen. Für die amtliche Diagnose „Idiotin“ genügten Rechenschwäche, Bettnässen, Lügen, aggressives Auftreten und – offenbar blanker Augenschein – „sicher unterwertige geistige Fähigkeiten“: so das ärztliche Zeugnis, unterschrieben von Fünfgeld.

Gutachter fällten windige Urteile, Sekretärinnen tippten Transportlisten, Schwestern beruhigten die Kranken, die mal fröhlich sangen, mal um Hilfe schrien, Anstaltsärzte drehten am Gashahn. 70 000 Ermordete binnen 20 Monaten in den „Heil- und Pflegeanstalten“ von Brandenburg, Bernburg, Sonnenstein-Pirna, Hadamar, Grafeneck, Hartheim – und dadurch mehr als 21 000 Zentner Käse eingespart, so eine von den Amerikanern 1945 in Hartheim erbeutete Statistik.

Die strafrechtliche Bewältigung vor allem in den 60er Jahren war zum Himmel schreiend. „Unvermeidbarer Verbotsirrtum“, „die Tötung durch Kohlenmonoxid eine der humansten Tötungsarten“, und „einem überzeugten Nationalsozialisten“, so klagt Klee in seinem Buch „Euthanasie im Dritten Reich“, könne nun mal „kein Unrechtsbewusstsein bei der Verübung von Mord zugerechnet werden“.

Elvira Hempel kommt im September 1941 wieder in die Obhut ihrer Mutter. Die Gasmordanstalt Brandenburg ist schon Ende 1940 nach Bernburg verlegt worden, und der Führer hebt den „Gnadentoderlass“ im August 1941 auf, weniger wohl wegen des Protestes führender Kirchenvertreter, mehr weil das vorläufige Planungsziel von 70 000 Toten erreicht worden war und das Personal für den Massenmord im Osten gebraucht wurde.

Die Euthanasie an Erwachsenen ist eingestellt, an Kindern wird sie unauffällig fortgesetzt. Elvira Hempel überlebt einen nochmaligen Aufenthalt in der Anstalt Uchtspringe, wo immer noch „nachts der Totenmann mit der Spritze kam“, übersteht Krieg und Bombenangriffe, wandert durch neue Heime, heiratet, bekommt Kind und Enkelkinder. Jahrzehnte kämpft sie um Einsicht in ihre Akten und die Anerkennung, normal zu sein. Erst 1992 diagnostiziert ein Nervenarzt zwar neurotische Depressionen, aber weder angeborenen Schwachsinn noch eine Geisteskrankheit – das Todesurteil von 1940 –, dafür einen IQ von 105.

Von 1991 an hat sich Elvira Hempel, jetzt Manthey, alles von der Seele geredet. Auf Tonband diktiert sie ihrem Mann die traumatischen Erlebnisse. „Schreiben wollte sie nicht, weil sie sich wegen der vielen Fehler geschämt hat“, sagt Heinz Manthey. Sie sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war, und so liest sich das auch. Einige Verlage interessierten sich für das Manuskript, Lektoren wollten sich über den Text hermachen, „aber wir wollten das proletenhafte Milieu“ (Manthey). Da blieb, bis heute, nur der Eigenverlag, und Heinz Manthey brachte sich bei, wie man ein Buch im Handbetrieb herstellt mit Rüttelmaschine und Handschneider. „Wenn die Erinnerungen hochkamen, musste sich meine Frau hinlegen“, sagt Manthey heute, „aber als das Buch fertig war, wurde sie ruhiger.“

Elvira Manthey tritt vor Schulklassen und im Fernsehen auf, sie ist eine temperamentvolle Rednerin. Ihr Kampf um ein Wiederaufnahmeverfahren wird in Petitionsausschüssen hin- und her geschoben. Mit dem Erbgesundheitsgesetz von 1933 und den Folgen tut sich der Bundestag lange schwer. Das Gesetz wurde zwar außer Kraft gesetzt und geächtet, aber erst 1998 aufgehoben, und endlich, 2007, festgestellt, es sei nie Bestandteil der objektiven Rechtsordnung gewesen.

Heute gibt es keine staatlich verordnete Euthanasie mehr, aber „Kampagnen für den selbstbestimmten Tod“, und es wird über den Sinn von lebensverlängernden Maßnahmen diskutiert. Von der „privaten Nachfrage nach dem Tod als persönliche Chance“, spricht die Sozialwissenschaftlerin Erika Feyerabend in dem Buch „Lebensunwert – zerstörte Leben“ und beklagt „vage Formulierungen wie ‚Wenn erträgliches Leben nicht mehr gegeben ist’, ‚unerträgliche Schmerzen’ oder ‚würdiges Sterben’, aber auch das Primat der Ökonomie im Pflegeheimen, begleitet von der Last der Zuzahlungen oder Erbschaftsambitionen bei Familienangehörigen. So unspektakulär wird das ärztliche Sorgerecht wieder Bestandteil des deutschen Rechtswesens.“

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