Zeitung Heute : Die Morgenröte der Sternenkunde

Steinzeitliche Kreisgrabenanlagen, Steckkalender und Himmelsgloben eröffnen einzigartige Einblicke in die Wissenshorizonte antiker Kulturen.

Mann des Himmels. Standfigur des Astronomen Tschaitschai, Ägypten, 1323-1319 v. Chr., Grauwacke / Kalkstein, 27,5 x 8 cm
Mann des Himmels. Standfigur des Astronomen Tschaitschai, Ägypten, 1323-1319 v. Chr., Grauwacke / Kalkstein, 27,5 x 8 cmFoto: bpk / Ägyptisches Museum und Pap

Der Horizont begrenzt unseren Gesichtskreis. Er scheidet zwischen Wissen und Nichtwissen und zeigt an, dass unsere diesseitigen Erfahrungen nur die halbe Wahrheit sind. Hinter dem Horizont ist der Himmel in Bewegung, und die Grenzlinie bildet eine natürliche Skala, an der sich die Wanderungen der Gestirne bemessen lassen. Archäologische Funde aus unterschiedlichen Kulturen der alten Welt legen nahe, dass die Himmelskunde mit der Beobachtung des Horizonts begann. Eindrucksvolle Beispiele hierfür sind jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlagen. Diese monumentalen Bauwerke entstanden in Europa in einer Siedlungsperiode ab etwa 4900 vor Christus in großer Zahl. Als Rekonstruktionen sind sie Teil der Ausstellung „Jenseits des Horizonts“, die heute im Pergamonmuseum eröffnet wird und in der Forscher des Berliner Exzellenzclusters „Topoi“ überraschende Blicke auf die Morgenröte der Himmelskunde werfen.

Als Ausstellungsbesucher findet man sich plötzlich inmitten einer neolithischen Anlage aus Graben, Wall und Palisaden wieder. Durch Tore und Öffnungen fällt der Blick auf markante astronomische Phänomene wie den Sonnenaufgang über dem Horizont, den auch der ägyptische Pharao Echnaton einige Jahrtausende pries: „Vollkommen erscheinst du im Horizont des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt!“

Die Sonne geht nicht immer an derselben Stelle auf. Der Ort ihres Erscheinens verschiebt sich Tag für Tag in eine Richtung – bis zur Sonnenwende, mit der sich die Bewegungsrichtung umkehrt. So pendeln die Markierungen des Sonnenaufgangs am Horizont über das Jahr hinweg zwischen zwei Wendepunkten hin und her. Dieser Pendelbogen muss den Erbauern der Kreisgrabenanlage von Ippesheim genau bekannt gewesen sein. Sie hat einen Gesamtumfang von mehr als 200 Metern. Im Pergamonmuseum steht ein verkleinertes, begehbares Modell der Anlage mit fotografischem Horizont. Die Tore waren so konstruiert, dass sich die Sonnenaufgänge zur Sommer- und Wintersonnenwende bestimmen ließen. Lücken in den Palisaden dienten überdies als Sichtfenster für die Beobachtung des Sonnenuntergangs zur Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr und Herbst.

Der Wissenschaftshistoriker Gerd Graßhoff hebt die Bedeutung solcher Zeitmarken hervor. „Der Kalender ist für die frühesten Kulturen gar nicht so wichtig.“ Aber zu wissen, wann der Frühling begann und konstant wärmere Temperaturen einsetzten, konnte über den Ernteertrag und das Schicksal einer Gemeinschaft entscheiden.

Auf der 3600 Jahre alten „Himmelsscheibe von Nebra“ taucht der Pendelbogen der Sonne erneut auf. So jedenfalls deutet Graßhoff die goldenen Randstreifen der Bronzeplatte, die 1999 auf einem Berg bei Nebra in Sachsen-Anhalt gefunden wurde. Sie ist mit einem Sichelmond und goldenen Sternen bestückt, unter denen eine Gruppe von sieben Sternen hervorsticht: die Plejaden. Der Aufgang dieses Siebengestirns war in vielen Teilen der antiken Welt eine besondere Zeitmarke.

Während der Pendelbogen der Sonne nur eine grobe Datierung ermöglicht, wird die Zeitbestimmung präziser, wenn man parallel zum Sonnenaufgang den Aufstieg besonders heller Sterne am morgendlichen Horizont verfolgt. Bekanntestes Beispiel ist Sirius. Mit seinem erstmaligen Aufgang in der Morgendämmerung begann das Jahr im alten Ägypten. Der Stern kündigte die allsommerliche Nilflut an.

Sirius, die Plejaden und andere Sterne wurden in Babylon systematisch beobachtet. Dort brachte die methodische Sammlung und Erweiterung des astronomischen Wissens in Form von Keilschrifttafeln im ersten Jahrtausend v. Chr. wesentliche Durchbrüche in der Himmelskunde. Babylonische Sternenkundler entdeckten, dass die Sonne nur durch einen kleinen Bereich des Himmels läuft, den Tierkreis. Und anstatt die Zeichen erst im Nachhinein zu deuten, gelang es ihnen, die Auf- und Untergänge der Sterne und Planeten am Horizont im Voraus exakt zu berechnen.

„Bei den Tierkreiszeichen handelt es sich um Präzisierungen oder Füllungen des Jahreslaufs der Sonne“, erläutert Graßhoff. Für genaue Berechnungen waren sie unentbehrlich. Auf dieser Basis entstanden die nun im Pergamonmuseum gezeigten öffentlichen Steckkalender und mechanischen Modelle.

Ein römisches Marmorfragment aus dem dritten oder zweiten Jahrhundert v. Chr. ist Gegenstand aktueller Forschungen. Graßhoff ordnet es dem so genannten „Berliner Himmelsglobus“ zu. Der kleine Ausschnitt, der das Sternbild „Leier“ mit dem Hauptstern Wega und seinen vier Kastensternen zeigt, veranschaulicht die Funktionsweise des Globus' als Recheninstrument. Horizontphänomene wie Auf- und Untergänge ließen sich daran einstellen. „Man konnte den Globus wie einen Rechenschieber benutzen“, erläutert der 55-Jährige. Er ist vor anderthalb Jahren aus Bern nach Berlin gekommen und einer von 220 Wissenschaftlern aus 30 Disziplinen, die hier gemeinsam Konzepte von Raum und Wissen in den alten Kulturen erforschen.

Wer auch immer den Himmelsglobus' erschuf, setzte das astronomische Wissen seiner Zeit in Mechanik um und machte es einem größeren Publikum zugänglich. Graßhoff spricht in diesem Zusammenhang von einer „Demokratisierung des Wissens“.

Das gilt gleichermaßen für einen der spektakulärsten Funde, den Mechanismus von Antikythera aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. Mit diesem außergewöhnlich komplexen Räderwerk ließen sich Mond- und Sonnenfinsternisse exakt vorausberechnen. Es verweist bereits auf völlig neue Horizonte des Wissens: auf die Planetarien und Uhrwerke der frühen Neuzeit und eine automatisierte Raum-Zeit-Wahrnehmung. Thomas de Padova

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