Zeitung Heute : „Die Movimentos haben ihre Form gefunden“

Bernd Kauffmann ist Künstlerischer Leiter und für die Programmsparten Tanz, Szenische Lesungen und Gespräche verantwortlich

Herr Kauffmann, wie haben Sie eigentlich den Tanz für sich entdeckt?

Meine erste wirkliche Begegnung mit dem Tanz war ein tief persönliches Gespräch mit Maurice Béjart. Das fand 1993 in Weimar statt, wo ich auf 26 Quadratmetern im Nietzsche-Archiv gewohnt habe – in dem Raum wo Nietzsche zu Tode dämmerte. Als mir das bewusst wurde, konnte ich erstmal drei Nächte nicht schlafen!

Béjart hat Nietzsche sehr verehrt. Dessen Gedanken haben auch Eingang in seine Choreografien gefunden.

Als er im Todeszimmer von Nietzsche saß, war er ganz außer sich. Wir haben drei Stunden lang geredet. Er hat mir seine Auffassung vom Tanz auseinandergesetzt, und ich habe die gewissermaßen inhaliert. Béjart hatte tief verstanden, dass man Tanz nicht nur kalt auf die Bühne stellen darf, sondern dass eine wirkliche Verbindung zur Musik und zu allen anderen Künsten geschaffen werden muss.

Wie erleben Sie den Tanz heute?

Ich habe immer ein emotionales Verhältnis zum Tanz gehabt. Nennen Sie es altmodisch, aber ich finde, Tanz muss mich berühren, sonst beginne ich nicht zu denken. Diese Verbindung von Bewegung, Musik und Raum schafft eine Suggestion, die zu einer ganz besonderen Nachdenklichkeit bei mir führt.

Nietzsche hatte ja auch einen sehr emphatischen Begriff vom Tanz. Er fand, dass der die Gedanken befeuert!

Ja, der Tanz muss meinen Kopf, den Körper und das Herz gleichermaßen erreichen. Wir sind in dieser völlig depravierten Welt ja auch immer noch Sinnesmenschen! Wie heißt es sinngemäß bei Nietzsche: Unser Problem ist es, die Welt zu erklären, ohne zu einzelnen Empfindungen als Ursache zu greifen. Dieses Empfinden scheint der Fraktion der hoch intellektuellen Schritte-Verwalter vielfach zu fehlen. Aber mit vielen Choreografen, die ich kennen gelernt habe, bestand da Einvernehmen.

Sie haben ja vor zwei Jahren gesagt, es sei jetzt ein Punkt erreicht, wo Movimentos, das damals noch ein reines Tanzfestival war, inhaltlich kritischer, störrischer werden könne. Haben Sie heute also größere Freiheiten in der Gestaltung?

Ich war nie unfrei. Es ist eine Seltenheit, dass ein solches Triumvirat, eine Dreiercombo, wie ich sie mit Maria Schneider und Otto Ferdinand Wachs bilde, so viel Verständnis und Einigsein erzielt. Nennen Sie es einfach Vertrauen. Wir hatten untereinander nie Schwierigkeiten. Manches zu zeigen war ein Wagnis – etwa „La Pornographie des Âmes“ von Dave St. Pierre – aber das wurde mitgetragen, weil die Qualität unbestritten war. Sicher, manches, was wir in diesem Jahr bieten, hätte man beim ersten Mal noch nicht zeigen können – wie die Arbeit von Wayne McGregor zum Beispiel.

Glauben Sie daran, dass man ein Publikum erziehen muss?

Ich bin kein Pädagoge – ich will das Publikum doch nicht erziehen. Ich will es gewinnen. Nehmen Sie die japanische Gruppe Sankai Juko. Ihre Butoh-Choreografien sind ebenso genial wie anstrengend, zumindest für europäische Zuschauer. Aber die Menschen vertrauen darauf, dass das, was wir zeigen, gut und überzeugend ist. Das ist ein Gütesiegel für unsere Arbeit.

Worin unterscheidet sich Movimentos von den zahlreichen anderen Tanzfestivals?

Die Movimentos setzen bewusst auf internationale, nicht immer große, aber größere Companies, ausdrucksstarke und suggestive Companies. Und das Festival ist durch die Ausweitung auf Musik, Debatten und theatralische Lesungen noch einmal thematisch gefestigt. Außerdem verdeutlicht es die Philosophie eines Unternehmens, einer Autostadt: jenseits dieser Grammatik der vier Räder mit dem Thema Mobilität, das uns alle beschäftigt, anders umzugehen. Und das finde ich klug.

Das Leitthema für 2008 lautet Vertrauen. Hat es sich bewährt, solch einen Leitbegriff für das Programm auszuwählen?

Manchmal definieren sich diese Begriffe ja ex negativo. Denken Sie an die szenischen Lesungen in diesem Jahr: Hans Magnus Enzensberger schreibt in „Der Untergang der Titanic“ vom verloren gegangenen Vertrauen in die Technik, Walter Jens in „Der Fall Judas“ über den Verrat, also das Gegenteil von Vertrauen. Ein Thema wie Vertrauen mg allgemein klingen. Natürlich, Tanz hat mit Vertrauen zu tun, aber das ist ein weites Definitionsfeld. Das Thema soll im Wesentlichen der Bewusstmachung dienen, was uns fehlt. Und dies vertiefen wir dann im szenischen Bereich und in der Debatte.

Was kann uns denn ein Jimmy Hartwig, der mit Thomas Thieme eine szenische Lesung über sein Leben veranstaltet, über Vertrauen, auch über Selbstvertrauen erzählen?

Jimmy Hartwig ist total faszinierend. Er steckt jeden an mit seiner unerschütterlichen Zuversicht. Ich habe ihm nach vielen langen Gesprächen gesagt: Jimmy, du bist für mich das Exempel eines naiven Selbstvertrauens, im positiven Sinne! Du vertraust auf Gott und auf das, was du bist. Und das trotz aller Desaster, die du erlebt hast. Sie wissen ja, er hatte ein bewegtes Leben. Er wurde als farbiges Kind eines Besatzungssoldaten ausgegrenzt, später musste er den Star-Rummel als Fußballer verkraften. Dann kamen Weibergeschichten, Drogen, Skandale, und er leidet an Krebs. Er hat alle Höhenflüge und Bruchlandungen erlebt und gerade das macht ihn so liebenswert.

Dringt denn schon aus der Werkstatt, wie Thieme und Hartwig harmonieren?

Die verstehen sich wunderbar! Die nehmen sich bloß ein paar Sätze aus Interviews, die ich mit Hartwig geführt habe, außerdem ein paar Zeilen aus einem Theaterstück, das Thomas Potzger über ihn geschrieben hat. Und daraus bestreiten sie den Abend. Der eine ist Jimmy, der andere ist Hartwig. Die sind beide so redegewandt und kennen sich so gut, dass der Abend jedes Mal ähnlich werden wird – und doch immer anders: dramaturgisches Coaching halt.

Inwiefern ist Vertrauen für Sie als Kulturmanager ein relevanter Begriff?

Vertrauen hat für mich mit Respekt zu tun. Aber der scheint mehr und mehr abhanden zu kommen. Dabei ist Vertrauen wirklich die Bedingung jedweden Zusammenlebens. Wir leben in einer Zeit, in der nicht das gesprochene, sondern das gebrochene Wort gilt.

Werden die Movimentos Festwochen noch weiter wachsen?

Festivals können zu groß und zu klein sein. Ich glaube, die Movimentos haben ihre Form gefunden, und die sollte so bleiben.

Das Interview führten Sandra Luzina und Patrick Wildermann

BERND KAUFFMANN, Jahrgang 1944, studierter Jurist, fand seine erste wirkliche Begegnung mit dem Tanz durch ein persönliches Gespräch mit Maurice Béjart 1993 in Weimar.

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