Zeitung Heute : Die Multimedia-Teacher kommen

Berlins Lehrer sollen ran an die Computer. 5000 üben nun, wie man Online-Unterricht hält. Ein Masterplan der Senatsschulverwaltung hilft dabei, finanziert mit Geld der Lottostiftung

Alexander Schäfer

Eigentlich sollte der Mathematik-Leistungskurs im Albert-Einstein-Gymnasium wie gewöhnlich um acht Uhr beginnen. Doch nach der Mathe-Doppelstunde hätten Freistunden angestanden. Also beschloss der Kurs, eine virtuelle Mathestunde durchzuführen. Lehrer Rainer Hinterleitner stellte die Aufgaben ins Internet, die Schüler blieben an den heimischen Rechnern sitzen. „Wir schafften mehr Aufgaben als sonst in der Klasse“, sagt Hinterleitner. Das Klassengespräch fand durchaus statt: Man kommunizierte über einen Chatroom. „Die Schüler waren begeistert, weil jeder beim Rechnen sein eigenes Lerntempo hatte und so an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten konnte“, sagt der Mathelehrer.

Damit auch technikscheue Lehrer es lernen, mit neuen Medien im Unterricht umzugehen, hat Berlins Bildungssenator Klaus Böger Anfang des Schuljahrs den „eEducation Masterplan Berlin“ veröffentlicht, ein Weiterbildungskonzept, das Pädagogen befähigen soll, Informations- und Kommunikationstechnik im Unterricht einzusetzen. „Das Programm wird von den Lehrern sehr gut angenommen“, sagt Nikolai Neufert, in Bögers Verwaltung zuständig für den IT-Einsatz in der Schule. Das Masterplan-Projekt, hauptsächlich finanziert durch Mittel der Lottostiftung, unterstützt die technische Ausstattung an den Schulen. „Wir haben in den vergangenen neun Monaten mehr als 600 Notebooks verteilt“, sagt Neufert. „Jede Schule verfügt mindestens über einen eigenen Beamer.“

Beamer und mobile Rechner sind für Rainer Hinterleitner schon fester Bestandteil seines Unterrichts. Als Klassenlehrer einer neunten Klasse unterrichtet er neben Mathematik auch Chemie. „Molekülmodelle oder Ionengitterstrukturen sind als drehbare dreidimensionale Projektionen anschaulicher als Abbildungen im Lehrbuch“, sagt er. Viele Schüler unterstützen ihre Referate mit Multimedia- Präsentationen – eine gute Übung für den mittleren Schulabschluss in der zehnten Klasse. Dass nur Jungen auf solche technischen Möglichkeiten anspringen, kann Hinterleitner nicht bestätigen. „Mädchen machen elektronische Hausaufgaben sogar eher als Jungen.“

Neben der technischen Ausstattung sieht der Masterplan auch Weiterbildung für Berliner Pädagogen vor. Zusammen mit Volkshochschulen werden Kurse veranstaltet. „In diesem Monat begrüßen wir den fünftausendsten Lehrer“, sagt Masterplan-Mitorganisator Bernd Müller, stellvertretender Neuköllner Volkshochschuldirektor. Die Teilnahme der Lehrer ist freiwillig; die Kurse laufen in den Ferien, am Wochenende oder nachmittags. Nach den Sommerferien erwirbt der Teilnehmer ein Zertifikat: „Multimedia-Teacher“. Dazu muss ein europaweit anerkannter Test in Internet-Recherche, Textverarbeitung und Präsentation absolviert werden. Bis 2010 sollen alle Berliner Lehrer diese erste Stufe des Multimedia-Teachers erfüllt haben. Und es können drei weitere Prüfungen bis hin zum Multimedia-Master-Teacher abgelegt werden. Die Teilnehmer kommen aus allen Klassenstufen und Schultypen. Denn E-Learning ist eine Methode für alle. „Es ist durch die individuellen Lernprogramme für jeden interessant – für Hochbegabte an Gymnasien wie für Schüler an Sonderschulen“, sagt Bernd Müller.

Zusätzlich wird Ende August im Internet ein Bildungsportal eingerichtet, das Lehrern, Eltern und Schülern kostenloses Selbstlernmaterial zur Verfügung stellt. Durch ein virtuelles Brandenburger Tor erreichen die Nutzer verschiedene Lernplattformen. Geplant ist auch ein türkischsprachiges Programm. Neben der Deutschen Telekom sind die Schulbuchverlage Klett und Cornelsen beteiligt. Berlin ist stolz auf sein Projekt. „Der Masterplan ist bisher einzigartig in Deutschland“, sagt Nikolai Neufert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar