Zeitung Heute : "Die Nachrichten": Immer wenn er Zeitung las

Stephan Lebert

Jan Landers ist Nachrichtensprecher. Er kommt aus dem Osten Deutschlands und hat einige Probleme. Er ist die Hauptfigur im ersten Roman von Alexander Osang, einem der bekanntesten deutschen Journalisten. Osang kommt aus dem Osten Deutschlands, seine brillanten Reportagen sind mehrfach preisgekrönt. Er war lange Jahre ein Star der "Berliner Zeitung", für die er heute noch als Kolumnist arbeitet, und ist mittlerweile in erster Linie für den "Spiegel" tätig.

Wer "Die Nachrichten" liest, hat also zunächst eine Schwierigkeit zu bewältigen, die Schwierigkeit des Blickwinkels. Was ist das für ein Roman? Schreibt da ein Mann aus dem Osten das große, lang ersehnte deutsch-deutsche Prosastück? Oder enthüllt da ein Medieninsider die Welt des Fernsehens und die Welt der Printjournalisten gleich mit? Leider trägt der Autor zu solchen Spekulationen bei.

Am Ende des Buches schreibt er erklärend-verklärend: "Besonderen Dank schulde ich Gabi Bauer, Eva Herman, Ulrich Deppendorf, Jan Hofer und Jens Riewa. Vor allem ihnen möchte ich versichern, dass alle Figuren dieses Buches meiner Fantasie entsprungen sind. Aber das wissen sie ja am besten". Solche Sätze wecken erst die Neugier, und sie sollen dies vermutlich auch. Außerdem tauchen ständig Namen von realen Zeitungen und Zeitschriften auf, zum Beispiel wird ausführlich von einer Reporterin des "Spiegel" erzählt. Okay, ein "Spiegel"-Reporter schildert eine "Spiegel"-Reporterin, das muss doch einfach ein Festessen der Medienszene werden. Who is who - das Spiel kann beginnen?

Die Entstehung eines solchen Nebenschauplatzes ist aus zwei Gründen schade. Erstens scheint es für Literatur selten hilfreich zu sein, wenn die Wirklichkeit derart hineinflackert, dass die Fantasie eingeengt wird. Wer einen Roman über Fußball schreiben will, sollte seine Hauptfigur vielleicht auch nicht unbedingt Franz Beckenbauer nennen. Nebenbei bemerkt: Sonderlich viel Neues erfährt man in "Die Nachrichten" nicht über das Wesen des Journalisten. Sie saufen ziemlich viel in diesem Buch, und alle werden getrieben von der Gier nach Erfolg. So ähnlich hat man das schon mal gehört.

Der zweite Grund, warum die Begleitmusik lästig ist, wiegt schwerer. Die Geschichte des Nachrichtensprechers Jan Landers ist nämlich gut, sie liest sich spannend, sie benötigt kein Getöse. Landers, 34 Jahre alt, arbeitet bei der "Tagesschau" in Hamburg. Ein erfolgreicher Mann, der gemäß seinem Gehalt einen teuren, tollen Loft nimmt, weil er hofft, "die Wohnung würde die richtige Geschichte über ihn erzählen". Das ist sein Thema: Wer bin ich, was macht mich aus? Er trainiert seinen Körper, er kauft Bücher, die auf der Bestsellerliste stehen, er hängt sich einen Druck von Miró an die Wand und leistet sich, wenn es irgend geht, keine eigene Meinung. "Ziemlich" ist sein Lieblingswort. Er schämt sich zuweilen für die Unterwürfigkeit seiner Ostdeutschen und fühlt sich unwohl in Gesellschaft der Wessis. Jan Landers ist die verkörperte Orientierungslosigkeit.

Der Roman ist voll von hübschen Kleinigkeiten, da kommt Maradona genauso vor wie die Fernsehserie "Daktari" und der TV-Held Stanley Beamish aus der zu Unrecht vergessenen Fernsehreihe "Immer wenn er Pillen nahm" - wahrscheinlich das erste Mal, dass es der kleine dünne Stanley Beamish in einen Roman geschafft hat. Angesichts dessen verzeiht man gerne die etwas klischeehafte Beziehung zwischen Landers und dessen Eltern. Und auch die manchmal etwas platten Bemerkungen über die Wessi-Gesellschaft, im Stile von:"Der Parkplatz ist jetzt das Maß aller Dinge. Auf ihm wird festgestellt, wer gut angekommen ist in der neuen Gesellschaft."

Ein Höhepunkt, eigentlich der entscheidende, ist eine Party, die Landers in Hamburg feiert. Es gibt da eine schöne Liebesszene in der Küche, die mit den Sätzen endet: "Landers hatte ihr nicht auf die Brüste gesehen. Er wusste nicht, was sie für Brüste hatte. Ein gutes Zeichen." Aber das Wichtige an dieser Party ist der Morgen danach. Als plötzlich das Telefon läutet und der verkaterte Landers nur ein paar Sekunden lang eine merkwürdige Stimme hört: "Herr Landers, sind Sie das?"

Das ist die Geschichte: Jan Landers, der junge Erfolgstyp aus dem Osten, gerät unter Stasi-Verdacht. Schon der Verdacht reicht aus, dass er beurlaubt wird. Und was sagt er selbst? Er sagt nicht, er war kein Spitzel. Er sagt nicht, er war einer. Er wisse es selbst nicht, er wisse überhaupt nicht mehr, wer er ist. Und kündigt an, er werde in seine Vergangenheit reisen, um herauszufinden, wer er damals war.

Eine wunderbare Stelle. Von da an hätte der Weg zu einem großen Roman führen können. Der orientierungslose Landers klärt in Detektivmanier, wer er einst gewesen war. Stellvertretend für sein Land? Vielleicht hätte es so der DDR-BRD-Roman werden können. Doch merkwürdigerweise betritt Osang diesen Weg nicht. Er lässt nicht zu, dass Landers diese Reise antritt. Als hätte ihn das Zutrauen zu seiner eigenen Figur plötzlich verlassen, verlagert sich das Buch auf einmal zu anderen Figuren. Da werden Journalistenanekdoten von immer neuen Trunkenbolden erzählt, da werden Geschichten von Stasi-Offizieren und Mitarbeitern der Gauck-Behörde augebreitet, die ohne Kraft bleiben. Und Landers? Man verliert ihn aus dem Blick. Das Rätsel, warum er sich so lethargisch verhält, wird jedenfalls nicht gelöst.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Autor zu viele Gedankenstränge im Sinn hatte. Die Medien und die Medienkritik. Die Stasi und die Stasi-Aufklärungs-Kritik. Da war kein Platz mehr für eine einfache Menschengeschichte. Alexander Osang hat in einem Erstling bewiesen, dass er erzählen kann. Er hat nur irgendwann seinen Faden verloren.

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