Zeitung Heute : Die Nacht, in der zwei Leben endeten

Der Mann, der in den Gerichtssaal geführt wird, ist nicht mehr jener große Junge von einst, jener Bertrand Cantat, den Frankreich zu kennen glaubte. Im Prozess um den Tod von Marie Trintignant streitet man um die Schwere seiner Schuld. Und im ganzen Land hat sowieso jeder eine eigene Theorie.

Jens Mühling[Vilnius]

Jeder hat so seine Theorien in dieser Stadt. „Mord, was heißt das schon?“, sagt Martynas und lässt die Selbst- gedrehte vom einen Mundwinkel in den anderen wandern. „Wenn zwei Menschen sich lieben, kann alles passieren.“ Er deutet aus dem Taxifenster auf die pastellbunten Häuserfronten der Altstadt: „Jeden Tag kutschiere ich hier Touristen lang, und keiner von denen ahnt, wie es hinter den Fassaden aussieht. Es stinkt. Es brodelt. Und wenn es so heiß ist wie damals am 26. Juli, dann kriecht die Stimmung aus den Höfen auf die Straße. Dann fangen die Leute an, sich gegenseitig umzubringen.“

Jeder in Vilnius hat so seine Theorien über den 26. Juli: die Nacht, in der der französische Rockstar Bertrand Cantat seine Geliebte erschlug, die Schauspielerin Marie Trintignant. Seit gestern muss sich Cantat vor dem Bezirksgericht Vilnius verantworten, und obwohl die französische Presse seit nunmehr acht Monaten die Biografie des Sängers durchkämmt, scheint heute erst recht niemand mehr zu wissen, wer dieser Bertrand Cantat eigentlich ist. Der sanfte Poet und Weltverbesserer, als den ihn die Fans seiner Rockband „Noir Désir“ verehren? Oder ein notorischer Frauenschläger und Alkoholiker, wie es Maries Mutter Nadine glaubt? Und wer ist, wer war Marie Trintignant? Die dunkle, unergründliche Schönheit des französischen Films, die untadelige Tochter des Cineasten-Geschlechts Trintignant? Oder eine männerfressende Egomanin, die zu Hysterieanfällen neigte?

„Mörder“, sagt die Mutter

Fest steht: Marie Trintignant ist tot, und jener Bertrand Cantat, den Frankreich zu kennen glaubte, ebenfalls. Der Mann, der an diesem Morgen in den Verhandlungssaal geführt wird, ist nicht mehr jener große Junge, der 1980 Noir Désir gründete, weil man damals entweder Fußball spielte oder eben Musik machte. Der Bertrand Cantat von heute sieht aus wie jemand, der seit Jahren nicht mehr richtig geschlafen hat. Wie jemand, der in einer Nacht zwei Leben beendete: das seiner Geliebten und das eigene. Mehrfach wird er gefragt, ob er die Verfahrensweise akzeptiere. „Ich bin mit allem einverstanden, was die Richter für richtig halten“, sagt er leise. Es klingt erschöpft.

In den vordersten Reihen der linken Saalhälfte sitzen Cantats Eltern, daneben seine Schwester Anne und sein Bruder Xavier, der vor kurzem der französischen Presse verriet, dass Bertrand viel weine, weniger um sich selbst als um Marie. Zwei Freunde aus der Band sind da und Cantats Ehefrau, die Ungarin Kristina Rady. Sie alle sind seit Monaten hier, um Cantat nahe zu sein. Seit August sitzt der Sänger im Lukiskiu-Gefängnis, einem heruntergekommenen Backsteinkasten, der wie ein übertrieben auf Osteuropa getrimmtes Filmset aussieht: Eine orthodoxe Kirche steht deplatziert auf der falschen Seite der Gefängnismauer, die Kreuze sind abgebrochen, am Seitenschiff rankt Stacheldraht. Und ganz klein hat jemand „Noir Désir“ an die Mauer geschrieben, mit Kreide.

Rechts im Gerichtssaal sitzen die Trintignants. Es fehlt: Maries berühmter Vater Jean-Louis. Er sei physisch nicht in der Lage, am Prozess teilzunehmen, heißt es, der Tod der Tochter habe ihn zu sehr mitgenommen. Gekommen ist dafür Nadine Trintignant, die Mutter, die mit Marie nicht das erste Kind verlor: Über ihre schon als Baby verstorbene Tochter Pauline hat die Regisseurin den Film „Das passiert nur bei anderen Leuten“ gedreht. Und als das, was bei anderen Leuten höchstens einmal passiert, zum zweiten Mal geschah, schrieb Nadine Trintignant das Buch „Meine Tochter Marie“. Darin nennt sie Cantat 85 Mal „Mörder“.

Obwohl sie damals den Weg in die Öffentlichkeit wählte, beantragt Nadine Trintignant gleich zu Prozessbeginn den Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Gesuch, dem die litauischen Richter nicht stattgeben. Dann wird die Anklage verlesen, Cantats Verteidiger Leonas Papirtis und der Rechtsbeistand der Trintignant-Familie, Kazimieras Motieka, liefern sich die ersten Wortgefechte. Es hat etwas Unwirkliches, das Agieren dieser litauischen Juristen, denn in der ersten Bank, jeweils ganz links und ganz rechts, sitzen mit Olivier Metzner und Georges Kiejman zwei französische Staranwälte. Beide sind nur als Prozessbeobachter zugelassen, gleichwohl nutzten sie im Vorfeld jede Gelegenheit, sich in der französischen Presse als maßgebliche Akteure darzustellen. Und tatsächlich dürften sie ihren litauischen Kollegen das eine oder andere Wort souffliert haben. Kiejman gelingt es gleich zu Prozessbeginn, eine Zulassung als Berater der Trintignant-Familie zu erwirken: Obwohl er kein litauischer Anwalt sei, beschwört er den „Geist der Europäischen Union“, die doch hierzulande unmittelbar bevorstehe.

Kein Glück hat dagegen Olivier Metzner, Cantats französischer Anwalt, der bereits im Vorfeld angekündigt hatte, Marie Trintignants Charakter zum Gegenstand des Prozesses zu machen. Den litauischen Verteidiger lässt er die Vernehmung zusätzlicher Zeugen beantragen: ehemalige Weggefährten Trintignants, die der Schauspielerin eine Neigung zur Hysterie attestieren sollen. Angeklagt ist Cantat wegen „absichtsvoller Tötung“, wofür in Litauen zwischen fünf und 15 Jahren Haft verhängt werden können. Metzner will auf ein „Affektverbrechen“ plädieren, was in Litauen eine „in emotionalem Extremzustand“ begangene und vom Opfer provozierte Tat ist, die mit höchstens sechs Jahren geahndet werden kann.

Nadine Trintignant hält es nicht mehr auf ihrem Stuhl, die von Metzner beantragten Zeugen seien „Lügner“, sagt sie, und Kiejman muss die aufgebrachte Mutter sanft am Ärmel zupfen. Gleichwohl lehnen die Richter das Gesuch ab. Metzners Strategie geht nicht auf, es bleibt bei der festgelegten Zeugenliste.

Eine verhängnisvolle SMS

Dann endlich wird Cantat in den Zeugenstand gerufen. Er erzählt, wie er sich in Marie verliebte: Eine „überwältigende“ Liebe sei das gewesen, wegen der er seine Frau mit zwei kleinen Kindern sitzen ließ. Er erzählt, wie er bei Marie in Paris einzog, wie ihre Beziehung enger und enger wurde. Er erzählt die ganze lange Geschichte, die jeder Franzose inzwischen auswendig kennt, weil sie so oft in den Zeitungen stand. Das Telefongespräch mit seiner Frau Kristina am Vormittag des 26. Juli, bei dem er ihr klar machte, dass er in Zukunft so wenig Kontakt wie möglich zu ihr haben wolle, um Marie keinen Grund zur Eifersucht zu geben. Die SMS, die er am selben Abend auf Maries Handy fand, von ihrem Ehemann, adressiert an „meine kleine Janis“. Es sei ein unglückliches Zusammentreffen gewesen, sagt Cantat: Er selbst habe versucht, Ordnung zu schaffen in seinem Leben, und dann das.

Eine Diskussion sei daraus entstanden, mehr sei es am Anfang gar nicht gewesen. Irgendwann habe er gesagt, er sei müde und wolle schlafen. Und plötzlich sei Marie ausgerastet, noch nie habe er sie so erlebt, beteuert Cantat. Angeschrien habe sie ihn, ihre Augen, ihre Mimik, alles sei verzerrt gewesen, „bis heute verstehe ich nicht, was mit ihr los war“. Schließlich habe sie ihn gestoßen, zusammen seien sie gestürzt, er fiel mit dem Rücken auf etwas Hartes und hatte furchtbare Schmerzen. Und plötzlich habe es ihm den Verstand vernebelt: Er schlug Marie, die immer noch auf ihm lag, viermal ins Gesicht, Ohrfeigen seien das gewesen, mehr nicht. Dann habe er sie von sich gestoßen und sei aus dem Zimmer gerannt, weil er sich beruhigen wollte, weil er sich selbst nicht mehr verstand, noch nie zuvor habe er eine Frau geschlagen, noch nie, sagt Cantat unter Tränen. Als er zurückgekommen sei, habe sie am Boden gelegen und geschlafen.

Aufgewacht ist sie nie mehr. Und als Marie Trintignant am nächsten Morgen gefunden wurde, wies ihr Gesicht Spuren von „Schlägen mit großer Brutalität“ auf, so formulierten es später die Gerichtsmediziner. Ob er sie wirklich nur viermal geschlagen habe, will der Richter wissen. Ja, sagt Cantat, nur viermal. Wie fest er zugeschlagen habe? „Ich weiß es nicht, ich habe keinen Vergleich“, sagt Cantat, es sei ja das erste Mal gewesen. Wie sie denn gefallen sei, als er sie von sich gestoßen habe. Cantat kann sich nicht erinnern. Ob er Alkohol oder Drogen konsumiert habe im Laufe des Abends. Keine Drogen, sagt Cantat, ein wenig Wein und Wodka, er habe sich nicht sehr betrunken gefühlt.

Es ist alles so rätselhaft wie zuvor nach diesem ersten Prozesstag. „Die haben die falschen Fragen gestellt“, wird Martynas später im Taxi sagen. „Wodka, Drogen, an so was sind Künstlertypen doch gewöhnt. Hier in Vilnius kriegst du an jeder Ecke selbst gebrannten Suktinis, fast umsonst, fast immer gepanscht. Wer da die falsche Flasche erwischt, ist nach dem zweiten Glas nicht mehr er selbst.“

Jeder hat so seine Theorien, nicht nur in dieser Stadt. Seit Monaten diskutieren in französischen Internet-Foren selbst ernannte Toxikologen über die Risiken und Nebenwirkungen von Wein und Wodka. Gerichtsmediziner eigener Berufung spekulieren über Knochenfrakturen und Hirntraumata, und emsige Exegeten durchforsten die Texte von Noir Désir nach Frühwarnungen. „Pyromane à temps complet, j’ai mis l’feu à tous ce que j’ai touchè“, heißt es in einem der Lieder. Als notorischen Pyromanen, unter dessen Händen alles in Flammen aufgeht, besingt sich dort Cantat. Sich? Oder eine Kunstfigur? Wenn es da mal eine Trennlinie gab, dann ist sie seit dem 26. Juli vergessen.

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