Zeitung Heute : Die Nacht von Lissabon

Er hat es schon direkt nach dem Spiel gewusst. Gesagt hat es Rudi Völler aber erst am Donnerstag um 10 Uhr 30. Wie es zum Rücktritt eines deutschen Lieblings kam

Sven Goldmann Michael Rosentritt[Lissabon]

Es gibt diese berühmte Szene, die eine Fernsehkamera von Franz Beckenbauer nach dem Weltmeisterschaftsfinale 1990 in Rom eingefangen hat: Ein Mann wandelt allein über den Platz, die Hände in den Hosentaschen vergraben, dem Diesseits entrückt. Es ist sein letztes Spiel als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, und Franz Beckenbauer hat es standesgemäß zu Ende gebracht, mit einem 1:0-Sieg über Argentinien. Deutschland ist Weltmeister. Fünf oder zehn Minuten lang spaziert er umher, er will den Augenblick auskosten. Nie hat der sonst so redselige Beckenbauer erzählt, was in diesen Minuten in ihm vorgegangen ist.

14 Jahre später in Lissabon. Es ist kurz nach halb elf am Mittwochabend, als die Europameisterschaft für die deutsche Nationalmannschaft zu Ende geht. Es ist ein demütigendes Ende mit einer 1:2-Niederlage gegen Tschechien, das schon für das Viertelfinale qualifiziert war und deshalb mit der zweiten Mannschaft angetreten ist. Schnellen Schrittes verlässt Völler die Trainerbank. Seine Zeit als Teamchef der deutschen Mannschaft ist zu Ende gegangen, aber außer ihm weiß das in diesem Augenblick noch niemand. Völler lässt sich nichts anmerken, er sucht nicht wie Beckenbauer den Augenblick der Besinnlichkeit, sondern seine Nationalspieler, die gerade in die Kabine flüchten wollen. Mit einer knappen Handbewegung schickt er sie zu den Fans in die Kurve.

Rudi Völler ist 1990 in Rom unter dem Teamchef Beckenbauer Weltmeister geworden. Er hat im Endspiel den Elfmeter herausgeholt, den Andreas Brehme zum Siegtor verwandelt. Der bodenständige Völler ist in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zu Beckenbauer. Er ist kein von Gott gesegnetes Naturtalent, er hat sich alles hart erarbeitet, vom Zweitligaspieler bei 1860 München bis zum WM-Helden von Rom. In einem Punkt aber vereinigen sich Völler und Beckenbauer zu einem in Deutschland einzigartigen Phänomen: Ihr Status in der Öffentlichkeit macht sie erhaben über jede Kritik, auch und erst recht über berechtigte. Beckenbauer kann seine Meinung von einem Tag zum anderen um 180 Grad drehen, ohne dass seine Autorität Schaden nimmt. Otto Rehhagel hat mal erzählt: „Wenn der Franz uns eines Tages erzählt, dass der Ball in Wirklichkeit eckig ist, atmen alle auf: Endlich hat einer mal gesagt, wie es wirklich ist!“ Völler genießt nicht nur Respekt, er wird darüber hinaus auch noch geliebt, bedingungslos. Unter Völler durfte die Nationalmannschaft 0:0 gegen Island und 1:1 gegen Litauen spielen, ohne dass jemand die Schuld daran beim Teamchef gesucht hätte.

Als sich Völler am Mittwochabend den deutschen Fans nähert, schlagen die Pfiffe um in tosenden Applaus. Völler geht weiter, erst zu seinen Spielern in die Kabine, dann zur internationalen Pressekonferenz. Ein Journalist fragt ihn, ob er seinen Vertrag als Teamchef erfüllen will bis zur Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land. Völler weicht aus. Er habe einen Vertrag, sei aber Realist genug zu wissen, dass ein Trainer nach Misserfolgen immer zur Disposition stehe, und ein Misserfolg sei dieses Ausscheiden, keine Frage. Dann folgt der Satz, den an diesem Abend viele unterschätzen: „Ich habe dieses Szenario natürlich im Hinterkopf.“Er meint das Szenario eines Abschieds.

Es wird Nacht in Lissabon, und die Zeitenwende im deutschen Fußball naht. Erich Maria Remarque schildert in seinem Roman „Die Nacht von Lissabon“ das Schicksal eines deutschen Flüchtlings im Zweiten Weltkrieg, der einem Fremden seine rettende Passage nach New York verkauft für die Gelegenheit, ihm in dieser einen Nacht sein Schicksal zu erzählen. Auch Rudi Völler bittet um ein nächtliches Gespräch, keinen Unbekannten, sondern Gerhard Mayer-Vorfelder. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes erfährt auf dem Flug ins Mannschaftsquartier als Erster, was Völler längst entschieden hat: Der Teamchef mag nicht mehr.

Mayer-Vorfelder bittet darum, man möge doch eine Nacht darüber schlafen. Völler winkt ab. Die Entscheidung habe nichts zu tun mit diesem Spiel, sie sei seit langem in ihm gereift, schon in den Qualifikationsspielen zu dieser Europameisterschaft, als erstmals Kritik aufkam. Nicht an Völler, sondern an seinen Spielern. Für den Teamchef macht das keinen Unterschied. Wer einen Spieler angreift, der greift auch ihn persönlich an. Der Teamchef hat seine Familie verteidigt, vor laufender Fernsehkamera in seiner Mist-und-Käse-Rede mit Waldemar Hartmann. Wider besseres Wissen redete Völler ein erbärmliches 0:0 gegen Island schön und legte sich dafür mit Günter Netzer an, dem guten Gewissen des deutschen Fußballs. Das Publikum war verblüfft und hat ihn dann umso mehr geliebt. „Für die Leute kam ich vielleicht als Gewinner rüber“, sagt Völler, „aber wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht so gefühlt habe.“

Kurz nach Mitternacht Ortszeit erreicht die deutsche Delegation das Mannschaftsquartier in Almancil. Zwei Reporter der „Bild“-Zeitung beziehen Stellung vor dem Eingangstor – ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas in der Luft liegt. Die jüngeren Spieler gehen ins Bett, die älteren wie Völlers Vertraute Jens Nowotny, Michael Ballack oder Oliver Kahn sitzen noch unten an der Bar und registrieren, wie Völler weiter diskutiert, mit Mayer-Vorfelder und anderen. Es ist drei Uhr, als der Letzte ins Bett geht. Am Mittwochmorgen dann wird die Mannschaft informiert. Und um 10 Uhr 30 verkündet Völler live via ARD seinen Rücktritt.

In seinem Karriereplan war der Posten des Teamchefs nie vorgesehen. Er war einfach nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – wie früher so oft als Stürmer. Es war im Juni 2000, nach der missratenen Europameisterschaft, da sollte Christoph Daum Bundestrainer werden. Aber weil er aus seinem Vertrag bei Bayer Leverkusen nicht sofort herauskam, wurde ein Interimskandidat gesucht, „und plötzlich haben alle mich angeschaut“, hat Völler später erzählt. Aus dem Übergangstrainer wurde nach Daums Kokainaffäre eine Dauerlösung. Völler führte die Nationalmannschaft zur WM nach Fernost und dort sensationell auf Platz zwei. Ein Platz, von dem er selbst wusste, dass er nicht dem Leistungsstand entsprach.

„Man braucht ja in diesem Job ein gewisses Maß an Egoismus, aber in diesem Fall wäre der Egoismus ein schlechter Freund“, sagte Völler in seiner Abschiedsrede. Und: „Jetzt braucht die Nationalmannschaft einen unbefleckten Mann. Einen, der machen kann, was er will.“ Schöne Sätze, bestens geeignet, den Rücktritt als verantwortungsbewusste Entscheidung darzustellen und nicht als Flucht.

Dann ist es Zeit zum Aufbruch. Um 11 Uhr 45 hebt die Maschine ab nach Frankfurt. Und Völler hat drei Stunden Zeit, in sich zu gehen. Anders als 1990 bei Beckenbauer ist keine Fernsehkamera dabei. Die ursprünglich gebuchten Journalisten hat der DFB allesamt ausgeladen.

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