Zeitung Heute : Die nackte Haut

Es klickt, es tut weh, und manchmal steigt stinkender Rauch auf – El Salvadors Exgangster trennen sich von ihren Erkennungszeichen

Martin Jordan[San Salvador]

Ihr Blick irrt durch das Zimmer – ein Tisch, ein Bett, ein fast leeres Bücherregal –, und er fixiert immer wieder die weiße Maschine, von der ein langer, schwarzer Schlauch abgeht, an dessen Ende so etwas wie eine Pistole befestigt ist. Dann wird sie aufgefordert, die Schutzbrille aufzusetzen, sich hinzulegen und die Zähne zusammenzubeißen.

Ana, 24 Jahre alt, befindet sich im Hospital, im Haus der Stiftung Fundasalva im Zentrum von San Salvador. Draußen steht ein Pick-up, auf der Ladefläche türmen sich Orangen, die zum Verkauf angeboten werden. Daneben haben zwei Männer unter einem Baum ihre Klappstühle aufgestellt. Drinnen deutet kaum etwas auf eine Klinik hin. Keine Ärzte und Krankenschwestern, kein Empfangszimmer, nur ein schmaler Gang mit einer Holzbank, auf der zwei Patienten sitzen. Beide tragen über ihren Schuhen blaue Schutzhauben. Ihnen steht noch bevor, was Ana bereits zweimal hinter sich gebracht hat.

Sie weiß genau, was sie in der dritten Sitzung erwartet: Die Ärztin nimmt gleich die Pistole in die Hand, drückt ab, es macht klick, ein Lichtstrahl entweicht, es tut weh. Bei jedem Schuss zuckt Ana zusammen, auf ihrer linken Wade entstehen kleine helle Flecken, hin und wieder steigt stinkender Rauch auf. Es ist die Tinte, die beim Tätowieren unter der Haut deponiert wurde und nun verdampft, dem Laserstrahl sei Dank.

Ana möchte alle ihre Tätowierungen loswerden: je eine auf den beiden Waden, je eine auf den beiden Oberarmen sowie eine auf der linken Brust. Dringend weg müssen in erster Linie das M und das S auf den Oberarmen. Die Buchstaben stehen für „Mara Salvatrucha“, eine Verbrecherbande. Eine Aussteigerin wie Ana muss sich vorsehen. Deshalb gibt sie ihren richtigen Namen nicht preis, auch gegenüber einer deutschen Zeitung nicht.

Mit elf Jahren kam Ana zur Mara Salvatrucha. Bande der schlauen Salvadorianer heißt das, sie entstand in den 80er Jahren in den USA. Bürgerkriegsflüchtlinge aus Zentralamerika schlossen sich vor allem in Los Angeles zu Gangs zusammen. Nach dem Ende der Kriege schafften die US-Behörden viele von ihnen wieder in ihre Heimatländer zurück, wo sie neue Banden gründeten. Das FBI hält die Mara Salvatrucha für die „gefährlichste Gang Amerikas“. Die salvadorianische Polizei schätzt die Zahl ihrer Mitglieder auf mindestens 10000. Sie begehen Raubüberfälle, handeln mit Drogen und Waffen, erpressen Schutzgeld, entführen und morden. In El Salvador 2000-mal im letzten Jahr.

„Vor allem aus Neugier“ ist Ana damals mit ein paar Jungs aus der Schule mitgegangen, sagt sie. Ana spricht leise, manches ist ihr peinlich. Ihre schwarzen Haare hat sie hinten zu einem Zopf zusammengebunden, vorne hält eine Haarspange ihre Frisur in Form.

Sie spricht über die Aufnahmeprüfung, die alle Neulinge bestehen müssen, um in die Gang eintreten zu können. 13 lange Sekunden muss man sich von drei oder vier Bandenmitgliedern verprügeln lassen – Fußtritte, Faustschläge, Kniestöße, manchmal werden Baseballschläger eingesetzt. Wer das bis zum Ende durchhält, wird aufgenommen.

Ana hält durch, geht nicht mehr zur Schule, reißt von zu Hause aus. Ihr Vater lässt sie suchen, die Polizei findet sie, aber sie haut wieder ab. Auch im Mädchenheim hält sie es nicht lange aus. Immer wieder kehrt sie zur Bande zurück. Warum, das kann sie heute nicht mehr verstehen: „Es ist schrecklich dazuzugehören. Viele sagen, die Mara sei wie eine Familie, aber das ist eine Lüge.“

Ana zählt die Nachteile auf: kein Zuhause, oft auf der Straße schlafen. Sie litt Hunger, musste betteln und stehlen. Als eine von ganz wenigen Frauen in der Clique bestand für Ana stets die Gefahr, von den anderen vergewaltigt zu werden. Hinzu kamen die Angst vor der Polizei und den gegnerischen Gangs sowie der Zwang, Drogen zu verkaufen. Die Einkünfte aus Drogenhandel und Diebstählen mussten in der Regel den Chefs abgeliefert werden.

„Ich habe damals nie daran gedacht, dass das Ausbeutung ist“, sagt Ana. Früher hat es ihr auch nicht allzu viel ausgemacht, jemanden sterben zu sehen. Einige Male hat sie miterlebt, wie getötet wurde, sagt sie. Unter den Opfern waren auch die eigenen Leute. Das war, als Ana 15 war. Sie beschloss auszusteigen.

Neun Jahre später will Ana die Vergangenheit endgültig vergessen machen. Deshalb lässt sie sich die Tätowierungen entfernen. Die Ärztin, Marisela Moreno, kann pro Woche rund 50 Patienten behandeln. Derzeit kommen 240 Menschen zu ihr, weitere 400 warten darauf, etwa 70 Prozent davon sind ehemalige „Mareros“, die bisweilen von Kopf bis Fuß tätowiert sind. Die Wartezeiten, um ins Programm der staatlich unterstützten Stiftung Fundasalva aufgenommen zu werden, sind lang.

Den Grund dafür kennt Marisela Moreno genau: „Es hat sich eine Kultur der Angst vor tätowierten Leuten entwickelt. Sie finden keine Arbeit, weil man denkt, sie seien Mareros. Selbst Leute, die nie einer Gang angehörten, haben Probleme mit der Polizei. Sie werden im Bus oder auf der Straße verhaftet und auf der Wache registriert.“

Davon kann auch Jorge Dominguez berichten. Er hat schon viele Absagen erhalten, nicht einmal als Automechaniker war er erwünscht. Der 34-jährige Familienvater war nie Mitglied einer Bande. Dennoch möchte er seine Tätowierungen loswerden: „Sie sollen weg“, sagt er.

Um eine Tätowierung zu entfernen, sind im Durchschnitt vier Sitzungen nötig. Jede Sitzung kostet zehn US-Dollar. Anas Vater bezahlt das, er hat sie nach ihrem Ausstieg aus der Bande wieder zu Hause aufgenommen. Ana ist überzeugt, dass sie bald wieder ohne Angst auf die Straße kann, dass sie wieder Röcke und T-Shirts tragen wird, dass sie bessere Chancen hat, Arbeit zu finden und eine Familie zu gründen. Sie sagt: „Ich möchte es schaffen, wieder jemand zu sein.“

Das ist ein pathetischer Satz. Aber für jemanden, der finanziell vom Vater abhängig ist, keine Ausbildung gemacht und noch nie richtig gearbeitet hat, für jemanden, der will, dass das sich ändert, vielleicht der einzige, der zu sagen ist.

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