Zeitung Heute : Die Nackten und die Nazis

In einer alten „Playboy“-Ausgabe stieß er auf die erste Spur. In einem Film auf die zweite, es wurden immer mehr. Für seinen Skandalroman hat Thor Kunkel jahrelang nach angeblichen NS-Sexfilmen geforscht – Stationen einer Suche.

Bodo Mrozek

Die Geschichte beginnt harmlos. Zwei junge Frauen spazieren in geblümten Sommerkleidchen durch den sonnigen Sachsenwald. Doch im Gebüsch lauert das Abgründige. Es ist „der Fallensteller“, ein Unhold in Karohemd und kurzen Hosen. Als er aus dem Unterholz bricht und sein Seil zum Lasso formt, lodert milder Wahnsinn in seinen Augen. Dann fallen die Hüllen.

Thor Kunkel blickt von seinem Notebook auf. „Sie sollen mit eigenen Augen sehen, worum es hier geht“, sagt er fast feierlich. Auf dem Bildschirm flimmern in grobkörnigem Schwarz-Weiß nackte Tatsachen. Kunkel, geboren 1963 in Frankfurt am Main, ist Schriftsteller. Er steckt in einem dreiteiligen, engen, schwarzen Anzug. Die Filme, darunter „Der Fallensteller“, die er in seinem Computer gespeichert hat, sind Pornos. Allerdings nicht irgendwelche. Sie stammen aus den 1940ern und sind gewissermaßen der harte, faktische Kern seines neues Romans. „Endstufe“ heißt das Buch, das schon vor Veröffentlichung einen erbitterten Streit auslöste.

Es ist nicht leicht, sich mit Thor Kunkel zu verabreden. Seit sich der Rowohlt-Verlag wegen „schwerer Bedenken“ von ihm trennte und er zu Eichborn Berlin wechselte, hat er viel zu tun. 800 Seiten wollen redigiert werden. Der „Spiegel“ las aus dem unveröffentlichten Manuskript „die Wiedergeburt Parsifals als rechter Schläger“ heraus. So etwas interessiert auch im Ausland. Die „New York Times“ hat Kunkel gerade vier Stunden lang interviewt, der britische „Guardian“ und die italienische Tageszeitung „Il Mattino“ berichteten. Auf der Leipziger Buchmesse wird Kunkel den Roman vorstellen, die Startauflage soll 15000 Exemplare betragen.

Für Kunkel begann die Geschichte irgendwann Mitte der 90er Jahre. Beim Blättern in einem „Playboy“ von 1972 fand er eine seltsame Meldung über das „merkwürdigste Pornogeschäft vor dem Zweiten Weltkrieg“: Mit Softpornos, so berichtete die Zeitschrift, wollten die Nazis in Schweden Eisenerz tauschen. Kunkel wurde hellhörig: „Das passte nicht in mein Bild vom Nationalsozialismus“, sagt er. Ein Jahr später stieß er abermals auf die ominöse Geschichte, diesmal in einem Film von Alexander Kluge.

Kunkel rief Kluge an – und saß wenig später im Ruhrgebiet bei dem Filmsammler Werner Nekes auf dem Sofa und sah sich mit ihm Pornos an. Die Filmrollen, auf denen sich brünftige Blondinen von krachledernen Kerls an deutsche Eichen fesseln ließen, hatte Nekes einem Sammler in Hamburg abgekauft. Im Kopf des Autors nahm ein Roman Gestalt an. Einer, der die NS-Gesellschaft in einem vollkommen neuen Licht erscheinen lassen sollte. Dafür erntet er nun scharfe Kritik: Darf man die Nazis als Clique zynischer Hedonisten darstellen, die daheim im Reich Orgien feierten, während an der Front der Vernichtungskrieg tobte? „Hatten die Nazis solche Filme gedreht?“, fragt sich Kunkel.

Zumindest für diese These gab es Hinweise. Nekes hatte die Filme bei einem Sammler gekauft, der sich auf „Naturfilme“ spezialisiert hatte. Kunkel trieb den mittlerweile Verstorbenen Ende der 90er auf. Der berichtete ihm aus dem Hinterzimmer eines Friseurs in Fuhlsbüttel. Dort liefen die Filme bei einem „Kameradschaftsabend“ in den 50er Jahren. Und der Schmalfilmfreund wusste noch mehr: Im Krieg habe man sie angeblich gegen Panzerschrauben und Eisenerz aus Schweden getauscht. Kunkel tauchte nun tiefer in die deutsche Vergangenheit. Größere Geschosse, so fand Kunkel heraus, durchschlugen deutsche Tigerpanzer wie Büchsen. Die Kriegsmaschine verlangte deshalb nach immer besserem, vanadiumhaltigem Erz. Und Tauschgeschäfte waren im Krieg nicht ungewöhnlich.

Kunkel sitzt im Büro des Eichborn-Verlages, nebenan redigieren sie hektisch den Roman. Die Druckfahnen müssen in wenigen Tagen fertig sein. Er ist in Fahrt gekommen. „Ich verfolgte die Spur bis nach Schweden.“ In Kiruna, Nordschweden, fand Kunkel den greisen Prokuristen einer Minengesellschaft, der die Filme kannte. Die unwahrscheinliche Geschichte wurde immer konkreter: Der Bergwerksmann erinnerte sich an Vorführungen im Kreise von Ingenieuren und Mineralogen an dunklen Polarwintertagen. Und er nannte weitere Titel: „Frühlingserwachen“ und „Waldeslust“, einen Farbfilm.

Farbfilme waren selten im Krieg. Das Monopol hatte die Ufa. Sollte es sich hier doch um ein großangelegtes Projekt gehandelt haben: der deutsche Rohstoff Sex gegen den schwedischen Rohstoff Erz? Warum aber sollten die auch nicht gerade prüden Schweden nicht selber Filme für ihre Bedürfnisse drehen – anstatt sie gegen teure Rohstoffe zu tauschen? Eine Frage, auf die auch Thor Kunkel keine Antwort fand. In Zeitzeugengesprächen tauchte der schwedische Graf Oxenstirner auf, ein angeblicher Spion, der erzählt haben soll, ebenfalls deutsche „Sachsenwaldfilme“ gesehen zu haben – „bei einer Familienfeier“. Seine Witwe dementierte, nannte aber einen Cousin, der mit einer Darstellerin mit dem Künstlernamen D’Amora verheiratet war. Weitere Recherchen endeten in Dementis.

Darum konzentrierte Kunkel sich nun ganz auf die Filmproduktion selbst. In des „Führers“ Wohnort Berchtesgaden lebte noch immer der 1942 in Ungnade gefallenen Reichsfilmintendant Fritz Hippler, laut Kunkel „ein äußerst humorvoller Mann“. Er hatte Verständnis für den neugierigen Autor. Die Filme wollte Hippler in den 40er Jahren gesehen haben, bei einem „Herrenabend“ in einem Waldhaus. Ein kriegsversehrter Kameramann bewarb sich damit für die Kulturabteilung der Reichsfilmkammer. Doch ausgerechnet hier, kurz vor dem Ziel, verlor sich auch diese Spur. Hippler verstarb kurz nach dem Gespräch.

Dann aber fand jener Hamburger Filmfreund in einem alten Adressbuch die Nummer eines Tabakhändlers und Hobbyfotografen auf der Reeperbahn, der seine Fotos in der Zigarrenschachtel diskret an Stammkunden verkaufte. Zu den Mädchen, die ihm im Hinterzimmer Modell lagen, gehörte auch eine gewisse Heidi, die dem Gelegenheitsfotografen von ihrer Filmrolle erzählt hatte. „Sie war der fehlende Link zu den Filmen“, sagt Kunkel.

Er fand Heidi in einem Altersheim. Damals, im Jahre 1940, so erzählte sie, habe sie ein freundlicher Herr in Zivil angesprochen. Ob sie sich etwas Geld verdienen wolle. Zunächst habe sie gezögert, doch dann erhielt ihr Freund die Titelrolle des Fallenstellers – sie bekam 220 Reichsmark.Von einer Beteiligung der Nazi-Offiziellen habe sie nie etwas erfahren. Kunkels weitere Detektivarbeit blieb ergebnislos. Vage Indizien führten zu Rommels Afrikakorps, zum Kamerahersteller Siemens, zu einer Petrol-Gesellschaft. Sollten die Filme in Alexandria gegen Ölbohrkonzessionen getauscht werden? Was zeigte der Bey von Tunis in seinem Palastkino? Was wusste die Familie von Bismarck, der der Sachsenwald bei Hamburg gehört?

Viele Fragen, kaum Antworten. Auf Thor Kunkels Bildschirm liegt der Fallensteller erschöpft im Gras, auf das nackte Mädchenbein von Heidi fällt mildes Sonnenlicht. In den Sträuchern hängen Sommerkleidchen und Unterhosen durcheinander. Thor Kunkel klappt seinen Laptop zu.

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