Zeitung Heute : Die nächste Internet-Revolution

Der Tagesspiegel

Von Adrian Schuster

Die so genannte New Economy hat tief enttäuscht. Der Crash am Neuen Markt wirkt nach, und „Dotcoms“ – vormals Synonym für den schnellen Profit im Internet – gelten bei PR-Strategen zurzeit als negativ besetzt: Keine gute Zeit für optimistische Visionen; schon gar nicht, wenn schillernde Szenarien das Internet zur Bühne eines radikalen Wandels von Unternehmensstrukturen und Geschäftsbeziehungen proklamieren.

Und dennoch, der schlechten Stimmungslage zum Trotz hat längst begonnen, was manche Experten die zweite Revolution im Internet nennen. Ihre Hauptakteure heißen „Web Services“ und XML. Umgeben von einer Unzahl fachspezifischer Abkürzungen dürften die dahinter stehenden Software-Konzepte zu den meist diskutierten Themen auf der CeBIT gehören.

Wirklich neu ist die Idee nicht, Programme in kleine Funktionsbausteine zu zerlegen, sie im öffentlichen Datennetz zu verteilen und wie bei einem Lego-Spiel daraus je nach Erfordernis immer neue Pogramme zusammenzusetzen. Neu hingegen ist, dass sich die Großen der Software-Branche diesem Trend verschrieben haben. Microsoft, IBM, SAP und Sun Microsystems rücken unter jeweils eigenem Label das modulare Web Services in das Zentrum ihrer Produktstrategie. Milliardensummen wurden investiert. Und es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Web Services in Unternehmen einen Produktivitätsschub auslösen werden. XML integriert vorhandene Altsysteme.

So schlägt XML innerhalb eines Unternehmens eine Brücke zwischen dem zehn Jahre alten Warenwirtschaftssystem und dem eben installierten brandneuen Internet-Shop. Damit gelangen Kundenbestellungen aus dem Cyberspace praktisch ohne jeden manuellen Eingriff in das Warenwirtschaftssystem, wo sie gemeinsam mit herkömmlichen Bestellungen in der üblichen Weise weiterverarbeitet werden. Hier zeigt sich ein immenser wirtschaftlicher Vorteil von XML: Neue Lösungen können mit wenig Aufwand auf vorhandene Altsysteme aufsetzen. Das spart nicht nur Zeit und Entwicklungskosten, sondern lässt auch früher geleistete Investitionen länger leben.

Sein eigentliches Potenzial entfaltet XML jedoch erst bei der Geschäftskommunikation über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus: Hier geht es gerade nicht darum, bestehende Abläufe zu Lieferanten und Kunden eins zu eins in ihrer hergebrachten Form aufs neue Medium Internet zu übertragen. Die Chancen liegen eher in einer grundlegenden Um- und Neugestaltung der Kommunikationsprozesse.

Für den Zulieferer eines Automobilherstellers können sich die Effekte einer auf Web Services und XML gegründeten Geschäftskommunikation bis in seine Produktion hinein auswirken: Dafür stellt sein Kunde, der Autohersteller, einen ständig aktualisierten Montageplan im Internet bereit. Automatisch erzeugt daraus ein Web Service die Bedarfsanforderungen für alle relevanten Baugruppen und überträgt sie via Internet an den Produktionsplan des Zulieferers. Papier sowie jede damit verbundene menschliche Arbeit und die daraus unvermeidlich resultierenden Fehler kommen in einem solchen Szenario praktisch nicht mehr vor, höchstens noch um den Vorschriften der antiquierten Finanzgesetzgebung genüge zu tun. Damit ist der Hoffnung Raum gegeben, dass die zweite Internet-Revolution hält, was die erste versprach, nämlich, dass sie Unternehmen mehr einbringt als sie kostet.

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