Zeitung Heute : Die nächste Stufe

Was Tel Aviv schon lange befürchtet hat, ist jetzt Wirklichkeit geworden – ein Raketenanschlag auf eine israelische Maschine

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Kenia und Israel verbindet seit vielen Jahren eine besonders enge Beziehung, die sich von allen anderen Kontakten zwischen dem jüdischen Staat und afrikanischen Ländern abhebt. Jahrzehntelang konnten israelische Maschinen nur in Nairobi auf ihrem Flug in den damaligen Apartheid-Staat Südafrika zwischenlanden. 1998, als die Al Qaida die amerikanische Botschaft in Nairobi (neben der in Tansania) in die Luft sprengte, eilten die Bergungsspezialisten der israelischen Armee herbei und übernahmen die Leitung der Rettungsarbeiten.

Anderseits weisen israelische Experten darauf hin, dass sich der arabische Bevölkerungsanteil in Kenia von der Welt weitgehend unbemerkt auf rund 25 Prozent erhöht hat. Insbesondere Mombasa gilt als Zentrum der Einwanderung aus Jemen, jenem Land also, aus dem auch Osama bin Laden stammt.

Schon unmittelbar nach dem Doppelanschlag erklärten sich alle israelischen Experten überzeugt, dass bin Ladens Al Qaida dahinter stecke. An einen Alleingang der bisher noch recht unbekannten Gruppe „Armee Palästinas“, die sich später zu dem Anschlag bekannte, glauben sie nicht. Die Tat setze hervorragende Informationsbeschaffung, ein hohes Maß an Koordination, mörderischer Fantasie und technischen Fähigkeiten voraus, über welche wahrscheinlich nur Al Qaida verfüge. Außerdem hatte die Organisation kürzlich einen besonderen Anschlag angekündigt, ohne Details zu nennen, während vor einer Woche eine unbekannte extremistische Islamistengruppe im Internet einen Anschlag in Kenia androhte.

Israels Außenminister Benjamin Netanjahu, der sich selbst als Anti-Terror-Spezialist versteht, wertete den Anschlag auf die Arkia-Maschine als eine bedeutende Eskalation des Terrors insgesamt und spezifisch gegen Israel, der jetzt „eine Stufe höher“ gestiegen sei.

Allerdings soll es bereits früher Versuche gegeben haben, israelische Verkehrsflugzeuge mittels tragbarer Stinger-Raketen abzuschießen. Vom Südlibanon aus beschießt die „Hisbollah“ seit Monaten nicht nur israelische Kampfflugzeuge über ihrem Gebiet, sondern hat auch versucht, über die Grenze hinweg israelische Maschinen mit Luftabwehrraketen zu treffen.

Die Gefahr vorausgesehen

Ministerpräsident Scharon hielt sich zurück und berief erst für den Nachmittag die Regierungsspitze zu einer Krisenberatung zusammen. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschläge hatte er dem Ausland-Geheimdienst Mossad die alleinige Kompetenz zur Aufklärung erteilt. Scharon unterließ es bemerkenswerter weise auch, darauf zu erwähnen, dass er selbst der erste Politiker überhaupt gewesen war, der bereits vor Jahrzehnten vor tragbaren Luftabwehrraketen in Terroristenbesitz und der davon ausgehenden Gefahr für die Zivilluftfahrt gewarnt hatte.

Tatsächlich hatte man in Israel schon lange mit einem Anschlag mittels einer von der Schulter aus abgefeuerten „Stinger"- oder Strela-Rakete gerechnet. Die „El Al“ und die Luftfahrtbehörden hatten auf und um alle von israelischen Maschinen angeflogenen Flughäfen Sicherheitsmaßnahmen getroffen, um einen solchen Anschlag zu verhindern. Vor zwei Jahren wurde die Aktion erheblich eingeschränkt oder zum Teil gar ganz eingestellt – aus Geldmangel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!