Zeitung Heute : Die Nase in den Wind halten

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lorenz Maroldt

Ich hoffe, es wird mich niemand vor Neid verfluchen, aber während Sie das hier lesen, flitze ich gerade auf einem Brett über die Wellen vor Sotavento, Fuerteventura. Die aktuellen Daten, auch aus der Ferne per Internet jederzeit abrufbar: Wasser 20 Grad, Luft 22 Grad, Windstärke 4 bis 5, sonnig. Sorry.

Am Sonntag hatte ich noch das Büro aufgeräumt, dabei fiel mir eine Broschüre aus dem Jahr 1990 auf: Begleitlektüre zu Berlins Olympiabewerbung. Damals strahlten Tino Schwierzina und Walter Momper, die Bürgermeister der noch geteilten Stadt, hoffnungsfroh dem Besuch des IOC-Präsidenten Samaranch entgegen, und Jochen Schümann, segelnder Olympiasieger, schwärmte von seiner Heimatstadt Berlin: „Meine Landsleute sind ein aktives Völkchen, und der Wassersport ist Volkssport Nummer eins.“

Schümann, echter Köpenicker, hat auf dem Müggelsee segeln gelernt, in einem „Optimist“, der Bootsklasse für die Kleinen. Heute jagt er vor Auckland als Sportdirektor der Schweizer Yacht Alinghi den America’s Cup, und es sieht gut aus für ihn – und für uns: Das Erste überträgt live. Gewinnt Schümann, wird es im Sommer bestimmt noch voller auf den Berliner Gewässern. 1990 schrieb Schümann: „Kaum zu zählen die Berliner, die über Boote der verschiedensten Art verfügen – von der Jolle bis zum Kajak, die vielen, die Surfbretter besitzen, nicht zu vergessen.“

Einer davon war ich. Nur ist das alte Brett, ein HiFly von 1980, heute längst Schrott. Und der schöne Neoprenanzug: Hatte ich den nicht mal dem Dings, na, wie heißt er gleich noch, geliehen?

Also, wenn ich heute, während Sie das hier lesen, vor Sotavento über die Wellen flitze, ist das Brett gemietet und der Anzug wahrscheinlich auch. Am Samstag wollte ich noch schnell einen kaufen, blieb dann aber aus Versehen bis zum Ladenschluss vor dem Fernseher im Surf-Shop Berlin in der Wöhlertstraße hängen: Diese Powerhalsenvideos können einem echt Mut machen.

Was beim Aufräumen im Büro auch wieder zum Vorschein kam, war eine Tagesspiegeltitelseite, die zwar auf den Verdacht des Triumphes hin voll geschrieben, aber wegen der unerbittlichen Tatsache des Desasters nie gedruckt wurde. Sie hätte erscheinen sollen, wenn Schwierzina und Momper und Schümann und wie sie alle hießen damals (erinnert sich noch jemand an Lutz Grüttke?) Erfolg gehabt hätten mit der Berliner Olympiabewerbung. Weil die Entscheidung in Monte Carlo so spät fiel, war die Redaktion auf alles vorbereitet, die Überschrift gedichtet („Olympia in Berlin – die Hauptstadt feiert“), der Leitartikel ausgefeilt („Berlin hat es doch geschafft!“). Auf uns, die wir dabei waren in Monte Carlo, wollte ja keiner hören. Wir wussten beizeiten, also eigentlich schon 1990, als das alles anfing mit dem Bewerbungsrausch: Das wird nichts, so jedenfalls nicht! Man muss eben spüren, woher der Wind weht. Was man mit diesem Wissen dann macht, ist allerdings eine ganz andere Frage. (Nach Diktat verreist)

www.rene-egli.com (Surf-Seite mit Fuerte-Wetterbericht und Live-Webcam – vielleicht sehen Sie mich ja). www.segeln-im-fernsehen.de : Alle TV-Segeltermine, auch die von Jochen Schümann. Surf-Shop Berlin: Wöhlertstr. 1, U-Bahnhof Schwartzkopffstraße.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!