Zeitung Heute : Die Nation zeigt Größe

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Von Sabine Heimgärtner, Paris

Der Jubel kennt keine Grenzen. Tausende Franzosen, vor allem Anhänger von Staatspräsident Jacques Chirac, Alte und Junge, darunter viele Demonstranten der jüngsten Kundgebungen gegen Rechts, Linke, Konservative und Parteilose, die ganz normalen Bürger, sie alle rufen auf der Place de la Republique in Paris: „Chirac, Chirac". Minuten nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses geht eine spürbare Erleichterung durch das Land. Das Desaster ist abgewendet, das hässliche Monster des Faschismus, das zwei Wochen lang das Land bedrohte, ist beerdigt. Vorerst.

Der Held des Abends, Jacques Chirac, lässt nach seinem überwältigenden Wahlergebnis bei der zweiten Abstimmung zur Präsidentenwahl nicht lange auf sich warten. Unter frenetischem Beifall betritt er die Bühne, ernst, gefasst und offenbar in vollem Bewusstsein, welche schwierige Aufgabe jetzt auf ihn zukommt, sagt er: „Wir haben eine unglaublich beunruhigende Phase hinter uns, heute aber haben Demokratie und Humanismus gesiegt, wir haben zusammen gehalten, Frankreich hat sich bewährt.“ Rund um den riesigen Platz sind die Fenster der Wohnungen überall geöffnet, dröhnender Beifall, die Menschen winken, halten Leuchtkerzen gegen den Abendhimmel und schwenken Fahnen. Als sich Chirac und seine Frau Bernadette auf einem Balkon zeigen, ist die Menge vor Begeisterung kaum mehr zu halten.

800 Meter weiter, auf der Place de la Bastille, formieren sich die Linken, die Anarchisten, die Arbeiter. Unsicherheit liegt in der Luft – wie soll man mit dem Sieg von Chirac umgehen ? „Keine Gnade mit dem Sieger Chirac“, heißt es auf vielen Spruchbändern. In den Fernsehstudios kommen gleichzeitig die ersten Spitzenpolitiker der linken Parteien zu Wort. Grundtenor: Die Demokratie hat gesiegt, die Republik hat triumphiert, aber: „Wir erwarten, dass Chirac sich für alle gesellschaftlichen Klassen engagiert“, und immer wieder fällt das Wort „Moral".

Mit brüchiger Stimme

Eine Schaltung in den Pariser Vorort Saint-Cloud, wo der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen residiert. Mit brüchiger Stimme dankt er seinen Wählern und beschwört die bevorstehenden Parlamentswahlen im Juni, wo er seiner Partei, nach seinen Worten „die einzige Opposition zum bestehenden politischen System“, erneut Chancen einräumt. Schuld an seiner Wahlniederlage sei ein „gigantisch organisierter Wahlbetrug der etablierten Macht“ und die „Einschüchterung meiner Anhänger durch die Medien und die Parteien".

Ob sich Chirac – der strahlende Sieger dieses Abends mit seinem auf Grund der besonderen Situation erzielten Rekordwahlergebnis – lange in seinem Erfolg sonnen kann, ist fraglich. Er könnte auch mit über 80 Prozent der Stimmen – ein Sieger beim zweiten Wahlgang erreichte meist rund 55 Prozent – leicht der ungeliebte Präsident bleiben, dem immer der Makel anhaften könnte, dass er seine Amtszeit als „kleineres Übel“ und nicht als wirklich beliebtes Staatsoberhaupt fortsetzen konnte. Die vielen linken und parteilosen Wähler, die ihm aus Vernunft und zur Verhinderung eines rechtsradikalen Präsidenten ihre Stimme gaben, werden gewisse Belohnungen für ihr Votum einfordern.

Jetzt werden Reformen eingefordert

Sie werden genau prüfen, ob Chirac seine Wahlversprechen einhält und tatsächlich bereit ist, stärker auf die Sorgen und Nöte der breiten Bevölkerung einzugehen. Den Zweiflern hat er zumindest verbal an diesem Wahlabend den Wind aus den Segeln genommen: „Ich habe Euch verstanden, Wähler, die Politik muss sich ändern.“ Die ersten Stellungnahmen sozialistischer Politiker gingen in diese Richtung. Sie werden dies immer wieder einfordern, Reformen vor allem in den Bereichen Innere Sicherheit, Steuer- und Rentenpolitik.

Schließlich hatte die Mehrheit der Wählerschaft bei der ersten Präsidentschaftswahlrunde vor allem deshalb gegen Chirac und gegen andere Politiker der etablierten Parteien gestimmt, weil sie sich im Stich gelassen und in wesentlichen Fragen nicht gehört fühlt. Aber auch internationale und europäische Entwicklungen haben Frankreichs Bevölkerung verunsichert. Der Übergang zum Euro ist zwar reibungslos verlaufen, die geplante EU-Erweiterung wird klaglos hingenommen und der Trend zur wirtschaftlichen Globalisierung kritisch verfolgt. Seit langem hat man in Frankreich aber das Gefühl, die staatlich Eigenständigkeit an Brüssel abgegeben zu haben. Probleme, die beim Wahlkampf nicht thematisiert wurden, was sich jetzt als großes Versäumnis herausstellte.

„Zeit zu handeln“, heißt das neue Leitmotiv Chiracs. Bislang sieht es allerdings so aus, als gelte dieses Motto ausschließlich für ihn selbst und seine konservative Partei. Die Eile gibt der Wahlkalender vor: Im Juni schon finden die Parlamentswahlen statt, die Chirac mit seiner neogaullistischen Partei vor allem deshalb gewinnen will, um seine nach dem Le-Pen-Desaster geschwächte Position als Präsident zu stärken. Eine neue Kohabitation, die Zwangsehe mit einem sozialistischen Premierminister wie in den vergangenen fünf Jahren mit Lionel Jospin, will der Neogaullist unbedingt vermeiden.

Gestern haben fast alle Franzosen Chirac gewählt. Bleibt die Frage, ob Chirac auch für alle Franzosen Politik machen wird?

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