Zeitung Heute : Die Natur erkennen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Seit ein paar Tagen sehe ich nur noch Ahorn. Die ganze Stadt scheint voll zu sein von den Bäumen mit den charakteristisch gezackten Blättern, die im Herbst so wunderschön leuchten und Farbe ins Novembergrau bringen: in strahlendem Gelb, in Goldorange, in flammendem Rot. Da braucht man gar nicht zum Indian Summer nach Neu-England zu fahren. Dass ich den Berliner Ahorn entdeckte, ist Zufall. Eigentlich war ich auf der Suche nach Kastanien mit unzerstörten Blättern. Was haben wir seit dem vergangenen Herbst nicht alles über die Kastanie, die Motte, das Laub gelesen. Über sorgende Hausgemeinschaften, die liebevoll die Unmengen abgefallener Blätter zusammenharken und in Laubsäcken entsorgen und stolz die Gesundung ihres Baumes vermelden. Aber auf meinen eingefahrenen Wegen durch Berlin hatte ich das Gefühl, stets Ahorn gesäumte Straßen zu passieren.

Warum suchte ich überhaupt nach einem Kastanienblatt? Das kam so: Charlotte sollte für den Sachkundeunterricht eine Sammlung von Herbstblättern und den dazugehörigen Früchten anlegen. Frau Meier, die Klassenlehrerin, hatte uns Eltern zur Mithilfe aufgefordert. Wir sollten gemeinsam mit den Kindern losziehen, die Naturalien zu suchen.

Mich stellte das wieder einmal vor ein kleines Problem. Naturkunde gehört nicht wirklich zu meinen Stärken, muss ich leider zugeben. Pflanzen bestimmen, Vogelstimmen erkennen, Blumen benennen – den Stoff aus dem Sachkunde- und Biologieunterricht der ersten Klassen habe ich erfolgreich verdrängt. Wie wahrscheinlich jedes deutsche Schulkind musste auch ich zwar selber eine solche Blattsammlung anlegen. Davon wusste ich nur noch das absolut Unwichtigste: Mein Schnellhefter mit der Blättersammlung war grün. Was seinen Inhalt ausmachte, war hingegen komplett vergessen.

Als ich auf Charlottes Arbeitsblätter mit den Vorlagen schaute, fielen mir zu meiner Verblüffung so manche Details wieder ein: dass Buchen feste Blätter haben, die Bucheckern essbar sind, die Ahornfrüchte über solche Flügelchen verfügen, die man auf die Nase kleben kann. Zurzeit bin ich eine richtige Baumexpertin. Was für ein schöner Nebeneffekt der Schulzeit des Kindes – eigenes, über Jahre verschüttetes Wissen wird wieder freigelegt.

Jetzt freue ich mich auf das nächste Sachkundethema: Da basteln die Kinder einen Stromkreislauf. Ich werde genau aufpassen; denn in Sachen Elektrizität bin ich wohl noch unbeschlagener als in Sachen Baum und Blätter. Aus unserem Sachkundeunterricht weiß ich nur noch, dass wir unter Anleitung der Lehrerin die Metalllaschen der Batterien an unsere Zungenspitzen gehalten haben und das so schön prickelte. Dabei lernten wir, dass Flüssigkeit – also auch Spucke – den Strom leitet. Wir fanden das damals höchst beeindruckend. Ob ich meinem Kind schon mal von diesem Experiment erzählen darf, oder gelten derartige Selbstversuche heutzutage als pädagogisch unklug?

Alle Bäume auf einmal – einschließlich Erklärungen – findet man im Botanischen Garten in Dahlem. Täglich von 9 bis 16 Uhr geöffnet, Eingänge sind Unter den Eichen und am Königin-Luise-Platz. Erwachsene 4 Euro, Kinder ab sechs Jahre 2 Euro.

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