Zeitung Heute : „Die Natur schummelt nicht“

Wilfried Endlicher erklärt, wie sich der Klimawandel weltweit auswirkt – und wie Berlin zum Vorbild werden könnte

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Foto: privat

Welches Thema steht im Blickpunkt der Berliner Klimakonferenz?

Die weltweit steigenden Temperaturen, die zum Schmelzen des Inlandeises auf Grönland führen können. Infolgedessen steigt der Meeresspiegel möglicherweise rascher als angenommen, bis maximal sieben Meter. Das kann zwar noch Jahrhunderte dauern, aber ist das erst einmal passiert, dann gibt es kein zurück mehr. Viele Millionenstädte an Küsten liegen in geringer Meereshöhe; einen solchen Anstieg könnten sie nicht mehr beherrschen.

Auch Ihre Klimaforschung am Geographischen Institut befasst sich mit Problemen von Millionenstädten.

Wir konzentrieren uns auf die großen Metropolen Berlin und Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, die mehr als 13 Millionen Einwohner hat. Zum einen geht es darum, wie man die Freisetzung der Treibhausgase verringern kann. Zum anderen ist die Adaption an bereits jetzt existierende Folgen des Klimawandels notwendig. Die Hitzewellen 1994 und 2006 in Berlin beispielsweise führten dazu, dass 50 Prozent mehr – vor allem ältere Menschen – starben. An die Hitzeperioden im Zusammenhang mit einer alternden Bevölkerung müssen wir uns anpassen. In Bangladesch herrscht außerdem in den Slums eine hohe und belastende Luftverschmutzung.

Wir hatten in Deutschland einen eisigen Winter. Auch andere Länder erlitten Kälteeinbrüche. Wie ist das mit dem Treibhauseffekt zu vereinbaren?

Das ist ein Problem der lokalen Wahrnehmung. Bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver im Februar war es zum Beispiel außergewöhnlich warm. Global war 2009 das fünftwärmste Jahr seit 1860, seitdem man weltweit verlässlich Temperaturen messen kann. Dass die Temperaturen global weiter ansteigen werden, daran gibt es keinen Zweifel. Das heißt nicht, dass es auch mal kühlere Jahre gibt oder die Temperaturen auch mal stagnieren.

An welchen Folgen des Klimawandels leiden wir schon jetzt?

Neben dem schleichenden Temperaturanstieg nehmen Extremereignisse wie Winterstürme zu. Jüngstes Beispiel ist Xynthia: An der französischen Westküste sind Deiche gebrochen, ganze Landstriche überflutet worden und etliche Menschen ums Leben gekommen. Das waren die Folgen des Orkans sowie vielleicht auch schon des erhöhten Meeresspiegels, der jedes Jahr um einige Millimeter steigt. Denn fast alle Gebirgsgletscher schmelzen, ob in den Alpen, Patagonien oder Tibet. Bis Ende des Jahrhunderts dürften etwa drei Viertel der Schweizer Gletscher abgetaut sein. Ein weiteres Extrem war der Hitzesommer 2003, seit Jahrzehnten die größte Naturkatastrophe in ganz Europa. 50 000 bis 70 000 Menschen kamen dabei ums Leben. Das ist eine Größenordnung, die versteckt ist und neben ökologischen auch medizinische und soziale Dimensionen aufweist.

Warum sind Städte ganz besonders vom Klimawandel betroffen?

Städte haben eine eigene Wärmeinsel, da die vielen Gebäude die Wärme speichern. Die globale Temperaturerhöhung sowie die älter werdende Bevölkerung kommen noch dazu. Allerdings haben wir in Nordostdeutschland für Menschen etwa im Vergleich zum Oberrheingraben ein sehr verträgliches Klima. Auch hat sich die Luftqualität in den vergangenen 30 Jahren deutlich verbessert. Dennoch sind Feinstaub und Stickoxide, die vor allem vom Verkehr verursacht werden, in Städten weiterhin ein Problem.

Lässt sich in der Städteplanung Klimaschutz betreiben?

Ja, durch energetische Sanierung sowohl privater als auch öffentlicher Gebäude. Außerdem muss der öffentliche Nahverkehr attraktiv sein. Berlin müsste Vorbild für die „cool cities“ der Zukunft sein. Da sind wir leider noch nicht am Ziel.

Der Uno-Weltklimarat ist durch falsche Angaben zur Schmelze der Himalaja-Gletscher in die Schlagzeilen geraten. Ist die Klimaforschung denn glaubwürdig?

Fehler passieren, wenn es um ein Menschenwerk geht. Das ist unschön, wurde aber aufgedeckt. Die weltweite Klimaforschung ist transparent, offen und gesichert, und die Daten belegen den Temperaturanstieg. Die Natur schummelt nicht.

Das Gespräch führte Ute Friederike Wegner.

Wilfried Endlicher (62)

ist Professor am Institut für Geographie und Co-Organisator der Klima-Konferenz vom 21. bis 23. April, die die HU aus Anlass ihres 200. Jubiläums veranstaltet.

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