Zeitung Heute : Die Nervenkrieger

Das Vorgehen der Geiselnehmer weist auf den Anführer der tschetschenischen Rebellen Bassajew hin

Frank Jansen

Das Geiseldrama in Nordossetien dauert an. Wer sind die Täter?

Der Mann mit dem üppigen schwarzen Vollbart ist das Vorbild der jungen Kämpfer. Schamil Bassajew sei in der tschetschenischen Guerilla der populärste Anführer, sagen Sicherheitsexperten. Und sie gehen davon aus, dass Bassajew die Geiselnahme in der Schule von Beslan mitorganisiert hat. Ohne selbst vor Ort zu sein. „Das ist wie bei dem Überfall auf das Musical-Theater in Moskau“, sagt ein Fachmann. Im Oktober 2002 hatte ein Terrorkommando von 41 Männern und Frauen das Theater „Nord-Ost“ gestürmt und 800 Geiseln genommen. Bei der Befreiung durch russische Spezialeinheiten kamen alle Tschetschenen und 129 Geiseln ums Leben. Bassajew war nicht dabei, bekannte sich aber im Internet zu der „erfolgreichen Operation in der Höhle des Feindes, in seinem Herzen, in der Stadt Moskau“. Bisher hat Bassajew zu dem Geiseldrama in der Schule geschwiegen. Doch die „Sprache“ der Entführung in Beslan, sagt ein Experte, klinge wie die des Angriffs auf das Moskauer Theater.

Dass der im Untergrund lebende, 1997 zum Präsidenten Tschetscheniens gewählte Aslan Maschadow einer der Verantwortlichen sein könnte, halten Sicherheitsexperten für unwahrscheinlich. Maschadow hat sich auch von dem Angriff auf die Schule distanziert. Die Rolle Maschadows im tschetschenischen Widerstand ist allerdings unklar.

Ein weiteres Detail irritiert: In der Schule scheinen sich nicht nur Tschetschenen verschanzt zu haben. Osseten, Inguschen und Russen seien auch mit dabei, sagt ein Minister in Nordossetien. Wenn dies stimmt, wäre die Geiselnahme in Beslan nicht nur ein Indiz für die weitere Radikalisierung des tschetschenischen Widerstands, sondern auch ein Hinweis auf wachsende Solidarität in den kaukasischen Nachbarrepubliken.

Auf einen Flächenbrand hoffen tschetschenische „Feldkommandeure“ wie Bassajew schon lange. Der Rebellenführer fiel 1999 an der Spitze von 1000 Kämpfern in Dagestan ein. Der Versuch, dort einen Gottesstaat zu installieren, wurde jedoch von russischen Truppen nach schweren Kämpfen verhindert. Bassajew musste nicht nur eine Niederlage einstecken, er lieferte auch der Regierung in Moskau einen Anlass, die seit dem Ende des ersten Tschetschenienkrieges 1996 de facto unabhängige Republik mit einem massiven Militäreinsatz wieder zu besetzen.

Wer ist dieser Bassajew? Sicherheitsexperten beschreiben ihn als Abenteurer, der sich nur im Krieg wohl fühlt. Anfang der neunziger Jahre kämpfte Bassajew mit einem Trupp Freischärler auf der Seite der Abchasen, die sich – mit dem Segen Moskaus – von Georgien abgespalten hatten. Später knüpfte Bassajew Kontakte zu den Taliban und Al Qaida. Etwa 40 Kämpfer soll er über Pakistan nach Afghanistan geschleust haben, wo sie für Kleinkrieg und Terror ausgebildet wurden. Vermutlich befinden sich noch heute Anhänger Bassajews im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan, wo sich Osama bin Laden versteckt halten soll. Bassajew selbst sei aber eher ein Nationalist, sagt ein Experte. Der Rebellenführer gebe sich als Islamist aus, weil das Etikett die Unterstützung Al Qaidas und strenggläubiger Saudis garantiere.

In Sicherheitskreisen wird befürchtet, der tschetschenische Terror werde ein Vorbild der weltweiten Bewegung der Dschihadisten (heilige Krieger). Die Überfälle der Kommandos zeigten exemplarisch die große Verwundbarkeit „weicher“ Ziele auf – dazu zählen Schulen wie Krankenhäuser oder auch Theater. Die Geiselnahme hunderter Schüler und ihrer Lehrer und Eltern habe da schaurigen Modellcharakter. „Das ist wegweisend“, sagt ein Experte. Auch wenn weiterhin keine tschetschenischen Angriffe außerhalb Russlands zu erwarten seien, hätten die Geiselnehmer in Beslan „die Perfidie des Terrors weitergedreht“.

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