Zeitung Heute : Die netten Herrn Kidnapper

„Sie haben sich bei uns entschuldigt“: Die freigelassenen italienischen Geiseln loben ihre Entführer – und die Nation ist im Aufatmen geeint wie nie

Paul Kreiner[Rom]

Eine dichte Masse von Sicherheitsleuten und Politikern, alle in dunkelblauen Anzügen, und mittendrin sie: Simona Torretta, Simona Pari, in ihren gelb und rosa getönten arabischen Gewändern, buchstäblich die Lichtgestalten dieser Nacht – strahlend, als hätten sie all das gar nicht erlebt, was Italien in den drei Wochen so schockiert und sprachlos gemacht hat. Ausgerechnet sie, deren Enthauptung vor nicht einmal einer Woche schon zweimal gemeldet worden war. Vor sechs Stunden noch waren sie in den Händen ihrer Entführer, die sie nie sehen konnten, weil man ihnen die Augen verbunden hatte, drei Wochen lang.

Nichts hat die Welt von den beiden Frauen mitbekommen, kein Video, kein Kommuniqué der Entführer. Nur dubiose Ultimaten und jene grausame Todesmeldungen im Internet, den „Medienterror“, wie die italienische Regierung das bezeichnet hat. Doch nun, in dieser Nacht zum Mittwoch, schreiten die beiden Italienerinnen, als wäre nichts gewesen, über den römischen Flughafen Ciampino, ihre Mütter untergehakt, Regierungschef Berlusconi ist da, sein Vize Fini, Roms Bürgermeister Veltroni, ein ganzes Land feiert. Das Kolosseum ist hell erleuchtet, wie es nach römischem Brauch immer dann der Fall ist, wenn irgendwo in der Welt ein Todesurteil aufgehoben wird, und vor den Wohnhäusern der beiden Familien in Rom und Rimini halten Freunde und Anwohner applaudierend Nachtwache.

Es war zuletzt sehr still geworden um die beiden Simonas, so als hätte Italien nur noch auf die Bestätigung der Todesnachrichten vom vergangenen Donnerstag gewartet. Doch am Sonntag setzte so etwas wie ein aufgeregtes Summen ein. „Al Rai al Aam“, eine Zeitung in Kuwait – das Land war in dieser Angelegenheit öffentlich gar nicht in Betracht gezogen worden –, hatte unter Berufung auf eine „verlässliche Quelle“ im Irak berichtet, die beiden Simonas seien am Leben und würden so nobel behandelt, wie es der Koran gegenüber Frauen vorschreibe. Sogar Mineralwasser bekämen sie zu trinken, teilte Chefredakteur Ali al Roos mit, „und das in einem Land, in dem Wasser Gold ist“.

Obwohl al Roos zuerst hinzufügte, die Entführer legten es ausschließlich auf den Abzug der italienischen Truppen an und würden keinerlei Verhandlungen führen, kamen offenbar doch Gespräche in Gang. Von einer italienisch-irakischen Begegnung in Damaskus, der Hauptstadt Syriens, war die Rede; „in 16 Richtungen“, sagt Berlusconi, habe man ermittelt. Offenbar hat auch der jordanische König Abdallah II. eine Rolle gespielt, am Tag der Freilassung war er in Rom, Berlusconi dankte ihm überschwänglich. Und immer klarer wurde auch, dass bei der Freilassung Lösegeld im Spiel war, auch wenn das italienische Außenministerium dies dementierte. Von einer Million Dollar war am Ende die Rede.

Doch die Hintergründe der Freilassung blieben auch am Tag danach ebenso im Dunkeln, wie es diese Entführung von Anfang an war: Wer konnte ein Interesse daran haben, zwei Frauen zu verschleppen, die sich als Freiwillige einer humanitären Hilfsorganisation mit ihrem ganzen Leben für das irakische Volk eingesetzt hatten? „Sehr religiöse Leute, aber keine politische Gruppe“, sagte Simona Torretta über die Entführer in ihrer ersten Vernehmung bei den Untersuchungsrichtern in Rom. Aber wer genau? Kriminelle, die sich in der Person ihrer Opfer geirrt haben? Torretta erzählte, man habe sie in den ersten Tagen einer Art Prozess unterzogen, sie stundenlang ausgefragt, was sie denn im Auftrag fremder Mächte im Irak ausspionieren wollten. Irgendwann hätten die Entführer ihren Irrtum eingesehen. Sie hätten ihnen die bestickten, arabischen Kleider geschenkt und ihnen am Ende, noch eine Schachtel Süßigkeiten mitgegeben, für die Reise. „Und dann haben sie sich noch bei uns entschuldigt.“ Überhaupt seien die Entführer immer sehr respektvoll gewesen, ja geradezu herzlich.

Das Schicksal der beiden Simonas hat Italien in einer Weise geeint, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall war, auch nicht bei den beiden vorhergehenden Entführungen italienischer Staatsbürger: Bei den im April gekidnappten Wachleuten murmelten Linke, die vier seien selber schuld, sie hätten eben die Sache der Besatzer verfochten; im August, bei der Entführung und Ermordung des Kriegsgegners und Journalisten Enzo Baldoni grummelte es aus der Rechten, ein Linker habe eben im Irak nichts zu suchen. Die beiden Frauen aber waren über Streitigkeiten dieser Art erhaben. In ihrem Fall arbeiteten Regierung und Opposition erstmals geschlossen und geräuschlos zusammen.

Die Mutter von Simona Torretta war am Tag danach die Erste, die ihre Sprache wiederfand. Sie sei sich vollkommen sicher, sagte sie, dass ihre Tochter in den Irak zurückgehe. „Andernfalls wäre sie nicht meine Tochter.“ Auch Simona Pari meldete sich nach langem Schlaf am Mittwochnachmittag zu Wort. Sie bat ihre Landsleute, bei aller Freude „das leidende Volk im Irak nicht zu vergessen“.

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