Zeitung Heute : Die neue Bescheidenheit

Wie Journalisten mit der Jobflaute umgehen: Viele improvisieren, und einige denken an einen Jobwechsel

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Von Katja Winckler

Die Situation ist skurril: Entlassene Edelfedern klopfen bei Tageszeitungen, PR-Agenturen und Kundenmagazinen an – in der Hoffnung, ein paar Zeilen schreiben zu dürfen. Bis vor kurzem hatten sie noch Top-Positionen. Axel Wermelskirchen weiß von vielen ehemaligen Kollegen, wie sie sich abmühen: „Ich lese sie in anderen Blättern, aber nur sporadisch.“ Er war früher gemeinsam mit Florian Illies Leiter der „Berliner Seiten“. Heute ist er Politikredakteur im Berlin-Büro der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Der Wechsel gelingt nicht jedem. Journalisten müssen sich etwas einfallen lassen, wenn sie arbeitslos geworden sind. Alternativen gibt es genügend – innerhalb und außerhalb der Medienbranche. An Kreativität, Flexibilität und Mobilität kommt keiner mehr vorbei. Denn der Markt für Journalisten in Berlin ist eng geworden: Der Axel-Springer-Verlag hat hunderte freie und angestellte Mitarbeiter entlassen. Bis Ende kommenden Jahres müssen weitere gehen. Der Fernsehsender TV. Berlin meldete kürzlich Insolvenz an, 100 Mitarbeiter wurden entlassen. Und: Die Jobkrise trifft nicht nur die schreibende Zunft. Immer mehr Werbeagenturen schließen ihre noch vor zwei Jahren hoffnungsvoll eröffneten Hauptstadt-Dependancen. Multimedia-Agenturen wie etwa Pixelpark trennen sich von rund 100 Mitarbeitern.

Hoher Beratungsbedarf

In der ersten Not machen entlassene Journalisten und Werber nichts anderes als alle anderen auch: Sie lassen sich beraten. Andreas Köhn, stellvertretender Landesbezirksleiter bei der Gewerkschaft Verdi in Berlin-Brandenburg, erhält täglich Anrufe von Berliner Journalisten. Im Monat berät Köhn rund 100 Klienten. Dabei geht es immer wieder um das gleiche: Arbeits- und Honorarverträge sowie urheberrechtliche Fragen. Dem Gewerkschaftsmann fällt auf, „dass die Verlage immer häufiger verspätet zahlen oder die Honorare drücken“. Inzwischen müssen seine Klienten ein oder zwei Mahnungen schreiben, um ihr Honorar zu erhalten.

Auch Klemens Kruse, Jurist des Deutschen Journalisten Verbands (DJV) in Berlin und zuständig für die Mitglieder des Landesverbands, hat alle Hände voll zu tun. „Meine Hauptbeschäftigung ist derzeit die Bewältigung von Kündigungsmaßnahmen von Festen und Freien. Pro Tag sind das ein bis zwei Klientengespräche.“ Dauerbrenner seien bei ihm auch immer wieder die Urheberrechtsverletzungen.

Aber Journalisten sind gewohnt, sich nicht auf ihren Lorbeeren von gestern auszuruhen. Schließlich haben sie tausendfach darüber berichtet: Jammern und Klagen bringt keinen neuen Job. Statt die Hände in den Schoß zu legen, suchen freigesetzte Autoren und Redakteure neue Wege, um ihre Brötchen zu verdienen: Sie erkundigen sich nach Jobs in PR-Agenturen oder bieten sich als Redakteure bei Kundenmagazinen an. Aber auch hier wird die Luft dünner. Zu viele sind im Rennen. Allein der DJV hat in Berlin-Brandenburg rund 3400 Mitglieder, und Verdi zählt 2200 Festangestellte sowie 1800 Freie als Gewerkschaftsmitglieder.

Gut informiert über die Lage der Journalisten ist auch die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV). Die Arbeitslosenzahlen sind dramatisch: In Bayern waren in diesem Sommer 63,9 Prozent mehr Journalisten arbeitslos gemeldet als ein Jahr zuvor, in Hamburg lag der Zuwachs bei 55,8 Prozent, im Saarland bei 33,3 Prozent und in Berlin bei vergleichsweise moderaten 12,2 Prozent – was den 14. Platz auf der Negativrangliste bedeutet. Den traurigen zweiten Rang nimmt die Hauptstadt bei der prozentualen Verteilung arbeitsloser Journalisten auf die Bundesländer ein (Stand 30. Juni 2002). Bundesweit waren zur Jahresmitte rund 6000 Journalisten arbeitslos gemeldet (davon 2670 mit abgeschlossenem Hochschulstudium), die Zahlen für Berlin: rund 900 (davon 470 mit Uniabschluss).

Um in dieser Wettbewerbssituation mithalten zu können, setzen immer mehr Journalisten auf Weiterbildung – um beruflich nicht den Anschluss zu verlieren. Andere denken sogar über den Wechsel in eine andere Branche oder Aufgabe nach. Ohne Weiterbildung funktioniert das auch im Journalismus nicht. Dabei ist es sogar möglich, sich über einen Medien MBA für Führungspositionen zu qualifizieren (siehe Artikel unten). Das kostet zwar viel Geld und Zeit, verschafft aber wertvolle Kontakte und somit auch Perspektiven. In der Medienbranche sind institutionelle und informelle Netzwerke besonders wichtig. Es gibt freilich auch die kleine Lösung. Vielen Freien, die ihr Können nicht breit genug angelegt haben und auch nicht über ausreichend Beziehungen verfügen, bringt die Schreiberei einfach nicht mehr genug ein. Sie verlagern ihre Schwerpunkte und protokollieren jetzt Senatssitzungen, lesen Magisterarbeiten Korrektur, arbeiten als Übersetzer oder texten Webseiten. Andere werden Ghostwriter oder schreiben Bücher.

Damit verbunden ist dann häufig der nächste Schritt: Sparen, sparen, sparen. Statt im Journalistenbüro wird wieder zu Hause gearbeitet. Man geht nicht mehr essen, sondern kocht zu Hause. Und in der Kneipe gibt es nur noch ein Bier pro Abend. Im Café halten sich immer mehr Kreative an einem Glas Wasser fest – statt am Latte Macchiato. Klamotten werden aufgetragen, Taxifahrten sind gestrichen, Lebensmittel werden auch in Billigdiscountern gekauft. Zum Preisvergleich hat man wieder Zeit.

Diese neue Bescheidenheit griff auch kürzlich das Stadtmagazin Zitty mit dem Titel „Faulsein mit Stil“ auf. In einem Selbstversuch testete eine Redakteurin das nicht aus freien Stücken entstandene Mehr an Freizeit. Ihre Überschrift: „Mit Verve in den Müßiggang“.

Wohl wahr. Weniger ackern wird von so manchem Medienangehörigen keineswegs nur als Verlust gesehen. Für viele bedeutet Muße schlichtweg mehr Lebensqualität. Ein Berliner Fotograf findet die „Entdeckung der Langsamkeit“ gar nicht schlecht, denn er kommt selbst mit weniger Aufträgen gut über die Runden: „Früher habe ich hektisch meine Termine abgearbeitet und kam gar nicht mehr zur Besinnung. Heute lebe und arbeite ich viel bewusster.“

Honorar-Recherche im Internet

Gesine Dornblüth und Thomas Franke vom Journalistenbüro „Texte & Töne“ sind ebenfalls gut im Geschäft. Sie haben sich auf Reportagen und Features über Osteuropa und den Balkan spezialisiert und produzieren ihre Beiträge im eigenen Tonstudio. Trotzdem stört sie die momentan angespannte Situation in Berlin, und sie haben daraus Konsequenzen gezogen. „Wir arbeiten kaum noch für Leute aus Berlin, weil hier die Atmosphäre so unerträglich ist.“ Dass das Luxus ist, wissen sie selbst. Wer in guten Zeiten Geld zurückgelegt hat, kann sich so eine Haltung erlauben.

Aber wer hat das schon? Deshalb ist Improvisieren angesagt. Um Geld in die Kasse zu kriegen, durchforsten immer mehr Journalisten das Internet. Sie recherchieren, ob jemand ihre Texte ohne Honorarzahlung auf seine Homepage gestellt hat. Fast immer werden sie fündig und schreiben eine Rechnung.

Bodo Mrozek hat kürzlich in der taz ein Horrorszenario vom sozialen Abstieg eines Journalisten skizziert. Es liest sich amüsant - wenn man nicht betroffen ist: „Ballonseidene Sportbekleidung, Ernährung aus der Flasche und eine lockere Sexualmoral in Wort und Tat“. Bis vor kurzem war Mrozek noch Pauschalist bei den „Berliner Seiten“ der FAZ.

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