Die neue Botschaft : Ami, come home

Stephan-Andreas Casdorff

Ein Gebäude als Botschaft an das neue Deutschland inmitten Europas – das ist die neue amerikanische Mission am alten Platz im Herzen der Hauptstadt. 1797 hatte an diesem Ort schon der erste Botschafter der USA, John Quincy Adams, seinen Sitz. Also ist es dann doch nicht übertrieben zu sagen: Hier wird ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen.

Monumental, wuchtig, nach außen wenig einladend und nicht einfach zugänglich, im Inneren offener, aber allseits auf Sicherheit bedacht – so ist die Botschaft zu sehen. Dass ein Gerichtsgebäude im fernen Fresno in Kalifornien sehr ähnlich aussieht, ist ein passender Zufall. Und doch: Es kann funktionieren, das Amerika-Haus der größeren Art. Es ragt heraus und passt sich dennoch auf wundersame Weise ein, so dass der Platz, bei aller Unterschiedlichkeit der Architektur, ein freundliches Ensemble bildet.

Das ist, zugegebenermaßen, eine subjektive Sicht, aus einer dem Freund zugeneigten Haltung. Und Freunde sind die Amerikaner den Deutschen lange schon geworden, denen in West wie Ost. Nicht nur, weil es in vergangenen Jahrhunderten bereits Bande über den Atlantik hinweg gab, als Deutschland noch nicht von Kriegen zerteilt war. Sondern besonders, weil es ein Amerikaner war, der Deutschland maßgeblich dazu verhalf, sich nach dem Kalten Krieg wieder zu vereinen: George Bush senior. Seine Haltung hat das, was heute zu feiern ist, möglich gemacht. Die Rückkehr an den alten Platz ist, so gesehen, auch sein historisches Verdienst.

Vom Nutzen der Historie für die tägliche Politik ausgehend lässt sich nun sagen: Die Mission sieht anders aus, ist aber im Grunde dieselbe. Nur muss die Botschaft erneuert werden. In Anlehnung an die Architektur heißt das, dass Amerika sich so präsentieren muss, wie es ihm angemessen ist – der Zukunft zugewandt, liberal und demokratisch und gewinnend. Wurden die USA nicht stets für ihre Offenheit gerühmt? Mit Sicherheit. Das ist die wieder gestellte Aufgabe, die zu erneuernde Mission. Der oberste Geschäftsträger gerade dieser Nation ist darum nie nur Anbahner von Geschäften oder geschäftiger Sachwalter, ergebener Statthalter des Präsidenten. Er repräsentiert, wenn es gut geht, sein Volk als Idee – als die leuchtende Idee der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Die sich nicht hindern lässt von Mauern.

Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, die Botschaft steht und Amerika vor der Wahl. Es erscheint wie eine Ironie der Geschichte, dass der Sohn, dass George Bush junior, derjenige ist, der die lichte Seite seines Landes verdunkelt hat. Kein Präsident war je so unbeliebt, daheim, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Keiner vor ihm hat, im internationalen Maßstab, solche Kritik an seinem Rechtsverständnis hervorgerufen. Weil der Staat, den er führt, foltert und Gefangene ohne Prozess festhält. Auch ist keinem anderen von einem Parteifreund hinterhergerufen worden, dass die Vorstellung, die USA könnten der Welt ihre Vorstellungen aufzwingen, immer „verrückt“ gewesen sei. Wenn der oberste Geschäftsträger, der Missionschef, gleich welcher, eine Aufgabe hat, dann die, verlorenes moralisches und ideologisches Kapital von unschätzbarem Wert wiederherzustellen, so weit es geht.

Die Wirkung der Mission hängt also mit der vertretenen Politik zusammen. Sie baut auf dem auf, was die Mehrheit als Botschaft ausstrahlt. Die Architektur kann deshalb bald auch anders wirken. Sie mag wuchtig erscheinen, aber eben andererseits einladend, wenn ihre Substanz danach ist. Die Amerikaner verstehen sich, schreibt einer ihrer großen Literaten, als außergewöhnliches Volk, vom Schicksal beschenkt mit einem makellosen Land ohne den Schmutz europäischer Sünden, dazu ausersehen, eine Gesellschaft zu schaffen, die alles bisher Dagewesene übertrifft, kreativ, vielfältig, mächtig. Mag einiges davon stimmen – dennoch muss sich ihre Botschaft einpassen in ein Ensemble. Denn nur so kommt sie angemessen zur Geltung: weil auch nur so bei vielen der freundliche Eindruck wirkt.

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