Zeitung Heute : Die neue Liebe des Trainers heißt Bielefeld

Michael Rosentritt

Hermann Gerland ist wie Bielefeld - mittelgroß, arbeitsam, etwas unauffällig. Mitunter sogar ein bisschen spröde. Jetzt endlich sind sie eins. Gerland und Bielefeld führen eine feste Beziehung. Gerland trainiert seit Saisonbeginn die ortsansässige Arminia. Ob und wie unangenehm sich diese Verbindung für Berlin auswirken kann, wird sich heute Abend zeigen, wenn Hertha BSC auf der Bielefelder Alm Gerlands Mannschaft gegenübersteht (Beginn: 20 Uhr).

Dass die Berliner als Tabellenführer ins Ostwestfälische kommen, interessiert Gerland so gut wie gar nicht. Wohl wissend, dass das 1:1 der Bielefelder vor einer Woche beim FC Schalke 04 ebenso wichtig für sie war wie der 5:2-Sieg Herthas über Rostock. "Mit der kämpferischen Leistung war ich zufrieden. Gegen Hertha müssen wir noch eine Schippe drauflegen und überlegter spielen", sagt Gerland. Zudem hat der Mann noch eine andere hoffnungsstiftende Erinnerung. Als Trainer von Tennis Borussia gelang dem gebürtigen Bochumer im Herbst des vergangenen Jahres ein fast schon legendärer 4:2-Sieg im Pokal-Achtelfinale über Hertha.

Legendär sind auch Gerlands Auftritte außerhalb des Rasens. Sandalen statt Slipper in Lack. Der Mann, der sich einst als eisenharter Spieler jede Mark auf dem Rasen redlich verdiente, schätzt Ursprünglichkeit. Fürs Geschmeide ist er nicht zu haben. Muss er auch nicht. Seine Qualitäten tragen andere Etiketten. Bei ihm zählen noch Muskelkraft, ehrliche Maloche, Disziplin. Hermann Gerland, der sich 40-jährig einen Traum erfüllte und einen Bauernhof mit 20 Pferdeboxen kaufte, fühlt sich hingezogen zum Animalischen. Eine Lehre zum Bankkaufmann hat er früher nur widerwillig abgelegt. Ihn zog es immer schon dahin, wo es nach Arbeit riecht, wo der Schweiß fließen darf. Und wohl auch muss. Von seiner Frau Gudrun ist folgender Satz überliefert: "Hermann, du bist verrückt."

Nun kann nicht jeder ein Rastelli sein, das weiß auch Gerland, aber "jeder muss seine Möglichkeiten ausschöpfen". Wenn nicht, wenn also ein Spieler vor seinem persönlichen Ultimo schlappmacht, lernt er Gerland erst so richtig kennen. Kennen und schätzen gelernt hatte ihn seinerzeit auch Uli Hoeneß. Der Manager des FC Bayern pflegt noch heute ein zweckdienliches Verhältnis zum ehemaligen Jugend- und Amateurtrainer (1990 bis 1995) der Bayern. Unter Gerlands Regie entwickelten sich Spieler wie Nerlinger, Hamann, Gospodarek und Kuffour. Und auch jetzt, da Gerland in Bielefeld tätig ist, lebt diese Querverbindung weiter. Hoeneß schickt junge, talentierte Spieler auf die Alm, wo sich die Azubis bei Gerland den richtigen Schliff holen sollen. Berkant Göktan (18 Jahre), Alexander Klitzpera (21) und Christian Saba (20) befinden sich derzeit in der Lehre des Meisters. Gerland erklärt den neuen Deal schnörkellos: "Bielefeld hat nicht das große Geld, daher kommen diese Spieler für eine Zeit zu uns, helfen uns und gehen dann wieder zurück. So haben beide etwas davon." Gerland ist Praktiker.

Auch Heribert Bruchhagen, mittlerweile 50 und Manager der Arminia, hat das erkannt. "Hermann Gerland ist für uns genau der richtige Mann." Für den Aufsteiger ginge es nicht um die Champions League, sondern um Klassenkampf. Da mutet die Verpflichtung eines jungen Österreichers fast schon als Ausrutscher an. Für Markus Weissenberger (24) hat Bielefeld immerhin 1,8 Millionen Mark ausgegeben. Schon rein figürlich passt der 1,69 m kleine Mann, dem die Bielefelder Fans den Spitznamen "Alpenzwerg" verpasst haben, nicht zwangsläufig ins Gerlandsche Schema. Der ehemalige Spielmacher vom Linzer ASK soll aber laut Gerland "das Spiel an sich reißen, mit seinen Ideen die Offensive beleben". Vielleicht kann er die Lücke schließen, die Giuseppe Reina mit seinem Weggang zu Borussia Dortmund (fünf Millionen Mark) hinterlassen hat. Die Rückennummer "10" hat Weissenberger schon mal bekommen. Aber was haben solcherlei Äußerlichkeiten bei einem wie Hermann Gerland schon zu bedeuten?

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