Zeitung Heute : Die neue Mitte – leer

Der Tagesspiegel

Von Bernhard Schulz

Zehn Jahre lang werden nun bereits Pläne gewälzt und diskutiert, Entwürfe gemacht und verworfen. Nun liegt der Abschlussbericht der Internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlin – wie die „Schlossplatzkommission“ offiziell heißt – vor. Ist jetzt endlich alles klar?

Nein, der Bundesbauminister und der Regierende Bürgermeister halten „Prüfaufträge“ in gehäufter Zahl für unabdingbar. Gewiss, der Bericht ist keine bindende Vorgabe und kann die politische Entscheidung der beiden Autraggeber, des Bundes und des Landes Berlin, nicht vorwegnehmen. Aber die Reaktionen von Kurt Bodewig und Klaus Wowereit hatten schon den Anschein, als gehe es ihnen jetzt erst einmal um Zeitgewinn.

Es wird also, so die beiden Politiker, noch mindestens ein Jahr ins Land ziehen, ehe aus dem Kommissionsbericht die Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs für das Schlossplatzareal hervorgeht. Das mag, nach über einem Jahrzehnt einer fast durchweg fruchtlosen und erst am Ende, dank der Expertenkommission, doch noch ergebnisträchtigen Diskussion über das Für und Wider von „Palast“-Erhaltung, Schloss-Wiederaufbau oder radikalem Neubeginn, als eine hinnehmbare Verzögerung erscheinen.

Es ist aber, betrachtet man nur die derzeitigen politischen Akteure und ihre dem Kommissionsvotum gegenüber durchweg skeptischen bis ablehnenden Haltungen, eine lange Zeit für das gewohnte Ränkespiel, in dem das Gesagte verunklart und das Beschlossene verwässert wird, bis sich am Ende daraus jeder nach Gusto bedienen kann.

Gewiss muss die Politik die Frage insbesondere der Finanzierung klären. Die Kommission hat mit respektabler Aufrichtigkeit dargelegt, dass die jahrelang gehandelten Visionen von der privaten Finanzierung nichts als Träumereien sind – jedenfalls dann, wenn man in der Mitte Berlins eine dem Ort und seiner Geschichte würdige, mithin also öffentliche Nutzung verankern will.

Daraus ergibt sich aber umgekehrt der Auftrag an die Parlamente und ihre Haushälter, eine solche – über alle ästhetischen Widersacher hinweg einmütig befürwortete – Nutzung mit einer entsprechenden Finanzierungszusage zu ermöglichen. Ein solcher Grundsatzbeschluss bedarf nicht der peniblen Kalkulation bis auf den letzten Euro. Das muss ohnedies die „Haushaltsunterlage Bau“ leisten, mit der die Errichtung gleich welchen Gebäudes von den Abgeordneten beschlossen wird, wenn erst einmal der genaue Architektenentwurf vorliegt.

Aber auch der darf nicht mehr – worauf die erbitterten Gegner des Kommissionsvotums bereits hinarbeiten – die Entscheidung für ein Gebäude in den Dimensionen und mit den historischen Außenfassaden des alten Schlosses in Frage stellen, als ob es dem Ingenium eines Baukünstlers anheim gegeben wäre, in welcher Gestalt sich Berlins Mitte künftig darstellt. Ein Grundsatzbeschluss, der die vier essentials des Expertenvotums bekräftigt, würde die nötige Klarheit schaffen, dass diese Essenz der Empfehlungen nicht mehr verwässert wird, sondern dass nur mehr die planerische Feinarbeit bis zu deren baulicher Realisierung auf der Tagesordnung steht.

Die Mitte der deutschen Hauptstadt ist keine lokale Angelegenheit. An diesem Ort verdichtet sich, was das vereinte Deutschland in seiner Hauptstadt will – und in welcher Gestalt. Der Kommissionsbericht – der Sorgfalt und Qualität seiner Empfehlungen nach eine Sternstunde von Expertenberatung – hat den verbissenen Streit um Schloss oder Nicht-Schloss argumentativ aufgelöst. Wohl der Stadt, die einen Baustadtrat vom Kaliber des Kommissionslenkers Hannes Swoboda vorzeigen kann! In Berlin ist derzeit niemand zu sehen, der es ihm gleich tun könnte; und ob der Bund die Verpflichtung erkennt, die ihm diese Lage beinahe schon einseitig auferlegt, ist – jedenfalls fünf Monate vor der Bundestagswahl – mehr als fraglich.

Mag also diese letztgenannte Verzögerung als unvermeidlich eingeräumt sein: Nach der Wahl des neuen Bundestages und der Bestimmung des Kanzlers indessen ist der Zeitpunkt gekommen, mit der Entscheidung über das historische Kerngelände zwischen den Armen der Spree die Hauptstadtwerdung Berlins zu vollenden. Die Kommission hat gesprochen – die Politik möge folgen. Es ist ihre große Chance.

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