Zeitung Heute : Die neue Raserei

Romy Uebel

Vega in Kopenhagen, Spy Bar in Stockholm oder All you can eat in London – egal, welchen der hippen Partytempel man dieser Tage besucht, überall knallt’s. Aus den Bässen ohnehin, vor allem aber auf der Netzhaut. Grinsende Smileys, Neonjeans, Metallic-Kleider, gefärbte Augenbrauen, bizarre Frisuren – brav reanimieren die Clubkids alle modischen Attentate der technobewegten neunziger Jahre.

„New Rave“ heißt die Schublade, die britische Gazetten wie i-D oder NME für den Trend schnitzten, bevor er wirklich existierte. Anfang 2006, als allenfalls eine kleine Gruppe versprengter Retro-Kinder in Regenbogen-Kostümen wandelte, kam die PR-Maschinerie ins Rollen. Man fotografierte abstruse Revival-Modestrecken, hievte Bands wie MIA, The Klaxons oder Shitdisco auf die Cover und ernannte sie zu Gallionsfiguren der Bewegung. Jungdesigner wie Material Boy, Gareth Pugh oder Cassette Playa, die schmächtige Knilche in Teletubby-Overalls und Tetris-Spiel-Pullis über die Laufstege schickten, wurden zu modischen Visionären gekrönt. Der Hype wuchs, die Outfits warteten fix und fertig in den Schaufenstern von Topshop und H&M, die Musik klimperte zum kostenlosen Download auf Myspace. Was dann passierte, ist erstaunlich: Der Medienkult wurde Realität. Zumindest für die unter 25-Jährigen, die die echte Rave-Dekade nur vom Hörensagen kennen. Den Minimalhassern ist dabei nichts zu peinlich. Spaß wird inmitten des drögen Mehrgenerationen-Alltagslooks extragroß geschrieben. In Deutschland ist der New Rave bislang nicht angekommen – wahrscheinlich, weil wir uns noch nicht vom Anblick um die Siegessäule hüpfender Kuhfelljackenträger erholt haben. Oder weil wir bedacht, langweilig oder zu alt dafür sind.

Die Bewerbungen um den Austragungsort der Loveparade 2007 laufen. Vielleicht drehen die Wagen ihre Runden ja demnächst am Piccadilly Circus. Wir könnten derweil ungewohnt cool, stylish und fortschrittlich sein, den Trend überspringen und die „Post New Rave“-Ära ausrufen.

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