Zeitung Heute : Die neue Solidarität

„Heute Bochum, morgen wir“, fürchten die Opelwerker in Polen und planen eine europaweite Initiative

Christoph Marschall[Gleiwitz]

Wie ein Ufo in einer Mondlandschaft liegt es da, das Opelwerk am Rand von Gleiwitz. Hellgraue Montagehallen, fast weiß im Morgennebel. Rings um das eingezäunte Gelände braches Land. In diesem Werk läuft bald der Kombi Zafira vom Band und sichert Jobs, nicht in Deutschland. Überall in Europa baut General Motors, die amerikanische Mutter von Opel, Saab und Vauxhall, Arbeitsplätze ab, mit einer Ausnahme: Gleiwitz in Polen.

Im oberschlesischen Kohle- und Stahlrevier treffen das Gestern und das Morgen als harte Gegensätze aufeinander. Große Teile der Altstadt von Gleiwitz haben den Weltkrieg, der mit dem angeblichen polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz begann, überstanden. Mitten auf den Rathausmarkt mit seinen Renaissancearkaden haben sie eine futuristische Kneipe gestellt: Korbsessel und Palmen in Pflanzkübeln unter sechs Plexiglaskuppeln. Wen auch immer man fragt, auf Opel lassen sie nichts kommen. „Das ist unsere Zukunft: anständige Arbeitsbedingungen, ordentliche Bezahlung“, sagt der 24-jährige Marcin. Und die Opelwerker in Bochum und Rüsselsheim, die jetzt ihre Jobs verlieren? „Könnt ihr Deutschen uns nur als Diebe sehen – erst klauen wir euch Schlesien, dann die Autos und jetzt die Jobs? Natürlich tun uns die Arbeiter in Bochum Leid. Doch wir wollen auch leben.“

In der Stadtverwaltung, einem Funktionsbau aus den 20er Jahren, ist Marek Jarzebowski, Sprecher des Bürgermeisters, immer noch begeistert. Als es 1997 gelang, Opel nach Gleiwitz zu holen, „das war für uns der Durchbruch. Jetzt kommen sogar die vorsichtigen Japaner.“ Ihm geht es nicht allein um die 1900 Arbeitsplätze im Werk. Auf jeden Job dort kommen zwei weitere bei Zulieferern und Dienstleistern. 35 Firmen mit rund 4000 Arbeitsplätzen hätten sich mittlerweile angesiedelt. Und dann singt der 49-Jährige ein Loblied auf die Stadt, seinen Chef Zygmunt Frankiewicz, wirtschaftsliberaler Bürgermeister seit 1994, sowie die „Koalition der praktischen Vernunft“ im Stadtrat. „Das war eine Schlacht um Investoren, Opel hatte hundert Standorte zur Auswahl – und wir haben es geschafft, weil die gemerkt haben, dass wir Wort halten.“ Steuervergünstigungen reichten nicht. Entscheidend waren die pünktliche Erschließung mit Straßen, Energie- und Wasserversorgung, dazu der Binnenhafen und das Eisenbahngleis. Trotzdem liegt die Arbeitslosenrate bei 14 Prozent – aber im Nachbarort Zabrze sind es 25 Prozent.

In direkter Konkurrenz zu Bochum möchte Jarzebowski Gleiwitz nicht sehen. Es sei doch eher so, dass Polen jetzt erst, nach dem EU-Beitritt, die Chance zum geförderten Strukturwandel bekomme. Ihn interessieren die Parallelen zwischen dem Ruhrgebiet in den 60er, 70er Jahren und Oberschlesien heute. Gleiwitz und seine 200000 Einwohner lebten bis in die 90er Jahre von Kohle und Stahl, wie Bochum früher. Dann machte eine Zeche nach der anderen zu, die Panzerbauer bei Bumar reduzierten die Belegschaft von 7000 auf 2000. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf der Polytechnischen Hochschule mit ihren 22000 Studenten und auf den Backstein-Hallen der alten Montanindustrie, die mit 9,5 Millionen Euro aus EU- und Eigenmitteln für neue Aufgaben hergerichtet werden. Als Erstes soll eine Business-Hochschule einziehen.

Im Gewerkschaftszimmer im Opel-Verwaltungsgebäude ist man nicht so begeistert. „So wie den Deutschen heute kann es uns in 15 oder 20 Jahren gehen. Wenn die Löhne steigen, gehen die großen Konzerne in die Ukraine“, fürchtet Karol Rybinski, ein 34-Jähriger mit blonden Haaren und Goldrandbrille. „Opel Polska“ steht auf der Brusttasche des hellblauen Hemds, darunter der Blitz, das Markenzeichen. Rybinski war Rettungssanitäter und Elektrotechniker, jetzt ist er einer von zwei hauptamtlichen Arbeitervertretern. Flachbildschirme stehen auf den Schreibtischen, an der Wand ein Jesus-Bild und ein Poster „20 Jahre Solidarnosc 1980 – 2000“. Manche im Werk hat es verblüfft, dass die Solidarnosc, mit ihrer großen Tradition, am 19. Oktober, dem Aktionstag in allen GM-Werken, zwar zur Solidarität mit Bochum aufrief, nicht aber zum Streik. „Heute gibt es strenge Regeln, wann man streiken darf. Es wäre das Ende, wenn wir die nicht beachteten und schadensersatzpflichtig werden für den Produktionsausfall“, erklärt Rybinski. „Jetzt haben die in Bochum einen Tritt in den Arsch bekommen, übermorgen kann es uns treffen“, mischt sich Janusz ein, ein kräftiger 31-Jähriger im Blaumann mit dunklem Schnurrbart. Er arbeitet bei einem Dienstleister für Opel, für deren Belegschaft die Solidarnosc mit zuständig ist. „Die deutschen Kollegen sitzen auf einem hohen Ross und denken nur an sich. Sie sollten endlich kapieren, dass wir uns europaweit zusammenschließen müssen. Die Konzerne arbeiten auch global. Die Menschen werden erst klug, wenn der Boden unter den eigenen Füßen brennt.“

Vor zwei Jahren, als Opel in Gleiwitz 350 Leute entließ, weil der alte Astra auslief, „da gab es keine Solidaritätsadressen wie jetzt von uns für die Deutschen. Und die Betroffenen bekamen keine 70 Prozent vom letzten Nettolohn für zwei Jahre, sondern nur sechs Monate 350 Zloty, gerade mal 80 Euro.“ Inzwischen hat die Solidarität mit Bochum gelitten, nachdem ein Stillstand der Bänder in Gleiwitz drohte, weil wegen des Streiks in Bochum Zulieferungen ausblieben.

Dann beugen sich die beiden Arbeitervertreter über die Tabellen aus deutschen Medien. 700 Euro brutto verdient ein polnischer Opel-Arbeiter bei 40-Stunden-Woche und 26 Tagen Urlaub im Jahr, 2900 ein deutscher in Bochum bei 35-Stunden-Woche und 31 Tagen Urlaub. Vieles in Polen ist zwar noch billiger, aber nicht mehr viel. Vorsichtshalber macht Rybinski eine Kopie für die Kollegen und nimmt auch gleich noch die Liste aus dem Wirtschaftsteil mit, welche Entlassungen GM in Europa plane: 4400 in Rüsselsheim, 4100 in Bochum, 560 bei Saab in Schweden, 350 im britischen Ellesmere Port – keine in Gleiwitz.

Ja, sie wissen schon, warum sie jetzt den Zafira bauen dürfen. Die spanischen Gewerkschaftskollegen, die vor zwei Tagen da waren, haben ihnen eine Aufstellung der Kosten der GM-Arbeitsplätze hinterlassen: Setze man Bochum als 100 Prozent, dann seien es bei den Briten und im ostdeutschen Eisenach 77 Prozent, bei den Schweden 73, in Portugal 33 und in Polen 15,6 Prozent.

Janusz hat dennoch Angst vor der Zukunft. Anders als viele junge Kollegen hat er Frau und Tochter, würde gerne eine Wohnung kaufen. „Aber wie soll das gehen, 35 Jahre lang Kredit abzahlen, wenn mir niemand sagen kann, wie lange ich noch einen Job habe?“

Mitte November kommen die Gewerkschafter aller europäischen GM-Werke nach Gleiwitz, auch Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz aus Rüsselsheim. Sie arbeiten unter sehr ungleichen Bedingungen. Weder Mitbestimmung noch einen Betriebsrat gebe es in Polen, nur eine überbetriebliche Kommission, die über Löhne, Arbeitsbedingungen und den Solidaritätsfonds verhandele. 620 der insgesamt 2500 Arbeiter bei Opel und den Zulieferern, sind Mitglied der Solidarnosc und zahlen ein Prozent vom Lohn. Erst ab tausend Gewerkschaftern gäbe es einen dritten hauptamtlichen Arbeitervertreter. Die deutschen Verhältnisse sind Luxus für Polen, nicht nur bei den Löhnen. „Wir brauchen supranationale Gewerkschaften, die Mindeststandards für alle Länder festlegen und über die Zuteilung der Produktionsaufträge verhandeln“ – davon sind Karol Rybinski und Janusz überzeugt. „Sonst geht es uns irgendwann wie den Deutschen: heute Bochum, morgen wir.“

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