Zeitung Heute : Die neue

Schmerzen, Kortisonspritzen, elf Operationen in zwanzig Jahren – doch die Leiden blieben. Jetzt hat

Marc Neller

Sie hatte viel Zeit nachzudenken in der Klinik. Sie fragt sich, ob das wirklich ein Leben war in den vergangenen 20 Jahren. Morgens ist Natascha Schlattner* mit steifen Beinen aufgewacht, kaum in der Lage aufzustehen. Später kam der stechende Schmerz. Sie ließ sich Kortison spritzen, einen Entzündungshemmer, und operieren, als auch die Spritzen nicht mehr wirkten. Dann begann alles von vorne. Das Ergebnis: elf Operationen seit 1988, geholfen haben sie nur vorübergehend. Zuletzt ging Natascha Schlattner nicht einmal mehr kurz einkaufen, ohne sich zwischendurch hinsetzen zu müssen. „Ich konnte fast nichts mehr unternehmen. Man fällt aus seinem privaten Umfeld heraus, und der ständige Schmerz verdüstert die Seele“, sagt sie. Ein Satz in der Vergangenheitsform, einer im Präsens. Sie scheint noch unentschieden, in welcher dieser Zeiten sie sich nun befindet.

Seit ein paar Wochen hat Frau Schlattner, Ende fünfzig, ein künstliches Knie. Derzeit ist sie in einer Reha-Klinik an der Ostsee, um ihre Becken- und Beinmuskulatur aufzubauen und alltägliche Dinge wieder zu lernen: sich ins Auto setzen etwa oder Treppensteigen.

Zwar gilt der Einsatz eines künstlichen Kniegelenks als Standard-Operation, dennoch ist sie die ultima ratio: die Lösung, wenn nichts anderes mehr hilft. Keine entzündungshemmenden Medikamente, keine Bewegungstherapien und keine Umstellungsoperationen, bei denen eine X- oder O-Beinstellung korrigiert wird, um den Knorpel zu schonen.

Rund fünf Millionen Deutsche gelten als arthrosekrank, das heißt, ihre Gelenke sind abgenutzt. Die Experten erwarten, dass diese Zahl weiter steigt. Die Rechnung ist einfach: Je älter die Gesellschaft, desto häufiger die Arthrose. Sie ist einer der Gründe dafür, dass in Berlin jährlich mehr als 3000 Menschen ein künstliches Kniegelenk bekommen.

Mit der Zeit bekommt der Knorpel Risse und nutzt sich ab. Er regeneriert sich nicht selbst, der Schaden nimmt stetig zu. Anfangs bemerken die Betroffenen nur, dass ihr Knie manchmal steif wird, oft machen sich erste Schmerzen beim Treppensteigen bemerkbar. Wenn es soweit kommt, dass die Gelenkknochen aufeinander reiben, verformt und entzündet sich das Gelenk. Die Schmerzen werden stärker, die Beweglichkeit nimmt ab.

So war es auch bei Frau Schlattner. Etliche Male hat sie sich abgeriebene Knorpelreste aus dem Kniegelenk spülen lassen, weil sie Entzündungen verursacht haben. Zuletzt war von dem Knorpel kaum noch etwas übrig. Was der Chirurg bei der Operation aus ihrem Knie holt, ist nur noch ein weißlicher zerfetzter Ring.

Es ist Dienstag, 25. April, 8 Uhr 25. Frau Schlattner liegt auf dem Operationstisch, die Narkose wirkt.

Professor Martin Sparmann, Chefarzt der Immanuel-Klinik in Berlin-Wannsee, setzt das Skalpell an. Vertikaler Schnitt über der Kniescheibe, schließlich durch die Muskelsehne. Die Operation ist akribisch vorbereitet: Untersuchungsdaten und Röntgenbilder ausgewertet, Modell und Größe der Implantate, ihre Fixierung festgelegt. „Sorgfältige Planung ist das A und O“, sagt Sparmann. Seine Abteilung setzt im Jahr etwa 300 künstliche Kniegelenke ein, die Zahl liegt weit über dem Berliner Durchschnitt.

Das Operationsverfahren ist abhängig vom Ausmaß der Schädigung. Wie gut sind die Gelenkflächen, die Gelenkkapsel, die Bänder? Alter, Geschlecht, Knochen, Körpergewicht spielen eine Rolle. Ein 30-Jähriger, der wieder Sport treiben will, braucht eine beweglichere Prothese als eine Frau um die 75, der es genügt, wenn sie ohne Schmerzen zweimal am Tag mit ihrem Hund spazieren gehen kann. Außerdem wird ein 30-Jähriger nicht mit nur einer Prothese durchs Leben kommen. Ein künstliches Knie hält etwa zwölf bis 15 Jahre. Also wird der Chirurg bei ihm eher einen kürzeren Prothesenschaft wählen und nicht so tief in den Knochen hineinbohren, um weniger Knochenmasse zu verbrauchen.

Eine Druckmanschette um Frau Schlattners Oberschenkel unterbindet während der Operation die Blutzufuhr der unteren Beinhälfte. „Der Blutverlust ist geringer, und wir sehen besser“, sagt Sparmann. Frau Schlattner hat einige Wochen vor der Operation zweimal Blut gespendet, das aufbewahrt wurde, für den Fall, dass sie viel Blut verlieren sollte. Ein Patient kann bei solch einer Operation 350 Milliliter Blut verlieren oder anderthalb Liter.

Sparmann entfernt Frau Schlattners zerstörte Knorpel und große Narben von einer früheren Operation. Dann bearbeitet er die Knochen, zuerst den Oberschenkel. Befestigt Spezialschablonen aus Metall und lotet den richtigen Winkel aus. Sägt ein Stück des unteren Knochenkopfes ab, setzt ein Testimplantat darauf. Prüft, ob die Prothese sitzt, Größe, Stabilität. Dann das Schienbein, gleiches Prozedere. Frau Schlattners neues Gelenk schimmert golden, es ist titanbedampft. Sparmann winkelt das Knie mehrmals an und streckt es wieder. Es ist beweglich und Sparmann zufrieden. Kurze Pause. Der Zement, der die Prothese im Knochen befestigt, ist noch nicht fest. Tatsächlich ist der Zement ein schnell aushärtender Kunststoff, dem Antibiotika beigemengt sind, um Entzündungen zu vermeiden.

Ohne Zement, sagt Sparmann, gehe es bei Knieprothesen nicht. Zwar werden die beiden Metallteile mit einem Dorn im Markraum des Knochens verankert. Sie würden sich trotzdem leichter lockern, und der Patient würde durch den Abrieb Knochensubstanz verlieren. Mit Hammer und Meißel schlägt Sparmann Zementrückstände an den Rändern der Prothese ab. Er legt einen Drainageschlauch, um Blutergüsse zu verhindern. Naht, Kompressionsverband.

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