Zeitung Heute : Die neuen Nachbarn

In Berlin wird über die geplante moderne Ergänzung der Museumsinsel diskutiert. Eine prominent besetzte Bürgerinitiative sieht in dem Entwurf eine Gefahr für das alte Ensemble. Doch für das Nebeneinander von Alt und Neu gibt es gelungene Beispiele. Ein architektonischer Streifzug von London über Paris bis zurück nach Berlin.

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Von Falk Jaeger Mit seinem ersten Entwurf für das Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel ist der Londoner Architekt David Chipperfield unerwartet in die Diskussion geraten. Unerwartet deshalb, weil gerade er als ein Spezialist für derlei delikate Aufgaben gilt.

Im schwäbischen Marbach hat er den Neubau des Literaturmuseums der Moderne errichtet, durch das er das Ensemble auf der Schillerhöhe mit dem neobarocken Schiller-Nationalmuseum um einen weiteren architektonischen Höhepunkt ergänzte. Chipperfield entwarf einen abstrahierten Tempel mit schlanken Betonpfeilern in enger Taktstellung. Es ist der aus dem Berg wachsende Sockel, gekrönt von dem tempelartigen Pavillon, der das Akropolis-Motiv so lebhaft in Erinnerung ruft. Den Architekten bewegen ganz im Sinne Mies van der Rohes die Einfachheit der Form und die Logik des tektonischen Fügens sowie die Kraft des Materials: nichts anderes als die Quintessenz des klassischen Tempelbaus.

Diesen Zugriff auf die ewige Ideengeschichte der Baukunst wünschte man sich auch bei seinem neuen Entwurf für die Museumsinsel, an dem er gerade arbeitet. Hier ist auf ein heterogenes Ensemble zu reagieren, auf Schinkels in Stein gemeißelte Empfangsgeste des Alten Museums, auf Stülers Echo griechischer Klassik der Alten Nationalgalerie und des Neuen Museums, das Chipperfield gegenwärtig selbst in einem subtilen schöpferischen Akt kreativer Denkmalpflege wieder aufbaut. Und dem Marbacher Schillermuseum entspricht in Berlin Ernst von Ihnes wilhelminisches Bodemuseum, flankiert von Messels kraftstrotzendem Pergamonmuseum.

Dieses so vielgestaltige Ensemble, in dem jede Zeit ihre eigenen Zeichen gesetzt hat, gilt es mit einem weiteren, selbstverständlich wiederum zeitgenössischen Element zu ergänzen. Die Bürgerinitiative „Rettet die Museumsinsel“ will das verhindern: 20 000 Unterschriften muss sie sammeln, um ein Volksbegehren gegen das neue Eingangsgebäude zu beantragen, Prominente wie Günther Jauch oder Leah Rosh haben schon unterschrieben. Die wie so oft in Berlin reflexhaft laut gewordenen Rufe nach Imitaten historischer Architektur könnten unhistorischer nicht sein. Vielleicht sind heute die Kriterien und Maßstäbe für die Bauleistungen früherer Epochen einfach nicht mehr präsent, wenn die Museumsinsel als eine unantastbare geniale Komposition verherrlicht wird, der etwas Neues hinzuzufügen einem Kulturfrevel gleichkomme. Jede Generation hat bislang daran selbstbewusst weiter gebaut.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie Alt und Neu in ähnlichen Fällen ein fruchtbares Zwiegespräch führen. Ieoh Ming Peis Umbau des Louvre in Paris samt gläsernen Pyramide ist das vielleicht berühmteste Beispiel, und auch bei seinem Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museums in Berlin wird der Kontrast zwischen der geschwungenen Glaswand des Neubaus und der barocken Zeughausfassade als anregend, nicht als störend wahrgenommen.

Ähnlich ist der Berliner Architekt Volker Staab in Nürnberg vorgegangen, wo es galt, das Museum für zeitgenössische Kunst und Design in die Altstadt einzufügen. Klar geschnittene Sandsteinfassaden einerseits und ein mächtiger gläserner Schwung, der die historische Nachbarschaft reflektiert andererseits bilden die Syntax seines Dialogs. Und seine Anbauten an das Münchner Maximilianeum, das Bayerische Landesparlament, belegen, dass es ihm niemals in den Sinn kommen würde, dem Alten kleinmütig Altes hinzuzufügen.

Auch die Berliner Architekten Rainer Hascher und Sebastian Jehle dachten keine Sekunde daran, sich an ionischen Säulen und Kapitellen zu versuchen, als sie in Stuttgart das neue Kunstmuseum neben die klassizistische Säulenhalle des Königsbaus setzten. Ihr gläserner Kubus ist ein Chamäleon, er wandelt sich je nach Wetter, Licht und Tageszeit. Verleugnet er am Vormittag im Auflicht seine Dreidimensionalität und spiegelt sich uneitel weg, so gewinnt er am Nachmittag Statur, abends leuchtet er geheimnisvoll und wird zum magischen Blickfang. Dieser Bau ist eine Diva, mal brüsk, mal unwiderstehlich anziehend, er behauptet sich einfach durch seine Qualität gegenüber dem mächtig auftrumpfenden historischen Nachbarn.

Der Blick über die Grenzen beweist, dass anderenorts der Weiterbau geschichtsträchtiger Orte mit den Mitteln unserer Zeit nicht in Frage gestellt wird. Wenn Juan Navarro Baldeweg neben die Kathedrale von Salamanca einen Kongresspalast platziert, greift er zwar zu Kalksteinfassaden, formuliert aber präzise, kraftvoll rationalistisch geformte Baukörper. Wenn Lord Norman Foster das British Museum umbaut und den Hof um die berühmte Lesesaalrotunde mit einem gläsernen Himmel überwölbt, steht seine grazile, technizistische Moderne gegen erhabene Tempelfassaden. In den Gewölben wird kein Stuck rekonstruiert, sondern Stahl und herzhaft gefärbte Farbpaneele harmonieren mit den unverputzt roh belassenen Mauerpfeilern.

Im südfranzösischen Nîmes konfrontierte der Brite 1993 den römischen Staatstempel Maison Carrée mit seinem stahl-gläsernen Kulturhaus Carré d’ Art und schuf damit eine schon legendäre baukünstlerische Korrespondenz. Die Berliner verdanken Foster ja die allseits beliebte Reichstagskuppel – auch sie ein wohl nicht mehr umstrittenes Beispiel für Modernes im historischen Umfeld.

Ob Brückner und Brückner im Fränkischen, die aus der Erweiterung einer Kirche oder der Umwidmung eines Hafenspeichers ohne Nostalgiewallungen Funken zu schlagen verstehen, ob Rebecca Chestnutt und Bob Niess, die die gotisierenden Backsteingiebel einer ehemaligen Schlachthofhalle am Prenzlauer Berg mit den Zutaten einer modernen Sporthalle verweben – im Großen wie im Kleinen haben Architekten vielfach bewiesen, dass es nicht klug ist, Gegenwartsarchitektur unter Generalverdacht zu stellen. Wie sagte Günther Jauch, der sich vorschnell vor den Karren der Ewiggestrigen hat spannen lassen auf Nachfrage? Das Neue müsse „auf den Prüfstand“. Wohl wahr, auf Chipperfields neuen Entwurf für die Museumsinsel dürfen wir gespannt sein. Ihn unbesehen zu verwerfen, hat den Ruch des Fundamentalismus.

Der Autor ist Architekturkritiker und Publizist in Berlin.

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