Zeitung Heute : Die neuen Opas

Die 68er werden allmählich Großväter – oft sehr engagierte

Barbara Frandsen

Man sieht sie jetzt überall – auf den Straßen und in den Parks, in Bus und Bahn, beim Arzt, vor der Eisdiele, im Kindergarten und vor Schulen: Die engagierten Großväter mit ihren Enkelkindern. Ganz anders als noch die eigenen Väter, von den Großvätern ganz zu schweigen, übernehmen die Alt-68er bei der Aufzucht der Enkel heute immer öfter feste Aufgaben. Sie vermitteln ihnen Erfahrungen und Werte, wollen dadurch aber auch „am Ball“ bleiben, mit ihnen kuscheln und vor allem Liebe und Geborgenheit geben. Das brachte jüngst eine österreichische Studie über Großväter an den Tag. „Alle Resultate treffen auch auf deutsche Großväter zu“, sagt Erika Neubauer, Geschäftsführerin der Senioren-Organisationen (BAGSO). Eine deutsche Untersuchung zu diesem Thema gibt es nicht.

„Wenn meine Enkel mit offenen Armen auf mich zukommen, ist das schon ein unglaubliches Glücksgefühl.“ Geert Müller-Gerbes, Journalist, vielfacher Buchautor, Moderator, Pressesprecher und im Laufe seiner beruflichen Karriere vieles mehr, hat drei Enkelkinder, das vierte ist unterwegs. Er nimmt sich für sie viel Zeit. „Wenn Sie das nicht haben, dann sind Sie kein richtiger Großvater“, meint er. Jüngst hat der „Eisenbahnopa“, wie er von seinen Enkeln wegen seiner Eisenbahnbegeisterung genannt wird, sogar auf den Vorsitz des Bonner Presseclubs verzichtet, um abrufbereit zu sein.

Nicht minder liebevoll über seine Enkelkinder Leon und Elisa spricht Hans-Joachim Gelberg vom Verlag Beltz & Gelberg. Wenn Leon, fünf Jahre alt, jeden Freitag seinen Oma- und Opatag hat, verwandelt sich das helle Wohnzimmer in ein Spielzimmer. Holzklötzchen, mit denen schon Mutter Barbara gespielt hat, ein Piratenschiff, Bücher und Kassetten liegen auf den Tischen, Stühlen und dem Fußboden und mitten zwischen den Klötzchenbergen liegt Opa Gelberg und entführt Leon in die Welt der Bücher – und genau darin sieht der 74-Jährige die Chance für die Großvätergeneration: Den Enkeln die Welt zu erklären.

Jahrzehnte lang hat er Bücher verlegt, die eine Korrespondenz zwischen Erwachsenen und Kindern herstellen. Da ist zum Beispiel „Oh, wie schön ist Panama“ von Janosch. Gelberg lernt viel von seinen Enkelkindern. „Sie formulieren ja Dinge, die wir alle schon gedacht haben und entwickeln Fragen, die wir alle schon meinen gelöst zu haben, aber durch die Fragen der Enkel kommt das alles wieder von Neuem hoch.“ So habe unlängst seine dreijährige Enkelin Elisa gefragt. „Habe ich nur ein Leben?“ Dieses philosophische Fragen ist für Gelberg eine große Bereicherung. Aber der Kinderbuchverleger geht noch weiter. „Wir Erwachsenen haben das Fragen verlernt. Da wird nicht mehr hinterfragt in der Politik, oder nicht in den Ausmaßen, wie es existenziell notwendig wäre.“

Gelberg weiß, dass er mit Leon nachholt, was er bei Sohn und Tochter versäumt hat – und zwar aus Zeitnot. Großväter hätten heute eine ganz andere innere Einstellung zu ihren Enkeln. „Man hat Zeit und Geduld und mehr Verständnis für dieses kindliche Wesen – für das, was Kinder denken, sprechen, sagen und für das, was sie inspiriert“, meint er heute.

Diesen Erlebisbereich mit Leon sucht und genießt der Verleger-Opa, ist aber auch zufrieden, wenn er nach dem Enkelbesuch wieder frei ist für andere Dinge. Alexa und Hans-Joachim Gelberg haben sich von Anfang an entschlossen, nicht Notgroßeltern zu sein, die dann einspringen, wenn die Mutter oder das Kind krank sind.

Dieses Verwöhnen dürfen und sollen Großeltern, meint Walter Bien vom Deutschen Jugendinstitut in München. Mehr noch. Sie sind gleichzeitig Anlaufstelle und Vermittler wenn es innerfamiliär kracht, vor allem wenn die Enkel größer werden. Alle Untersuchungen, so Bien, zeigen, dass es immer nur Probleme zwischen zwei Generationen gibt, also zwischen Mutter und Tochter oder Vater und Sohn. Großeltern sind die Vertrauten, sind da, wenn Enkelkinder Schulprobleme oder auch Liebeskummer haben. Diese Vertrauensrolle kann nicht früh genug eingeübt werden, und zwar durch regelmäßigen Kontakt. „Die Großeltern können sich leicht wieder ausklinken, da sie ja räumlich getrennt sind“, sagt Bien.

Ganz wichtig seien Großeltern für erwerbstätige Alleinerziehende. Selbst wenn die Kinderbetreuung gut geregelt ist, kann immer etwas schief gehen. „Dann sind zuverlässige Großeltern durch nichts zu ersetzen.“ Dass die Großväterrolle sich wandelt, sei folgerichtig – so wie Väter immer mehr Familienarbeit übernehmen und Frauen immer mehr berufstätig sind.

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen in Berlin hat im Jahr 2002 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums eine Längsschnittstudie durchgeführt. Nach der Berufsphase suchen die Menschen demnach wieder verstärkt Kontakt mit der Familie, denn „verlässliche Solidarität, generationsübergreifende Unterstützung ist die Regel.“ Oma und Opa unterstützten Kinder und Enkel vor allem durch Geldgeschenke, größere Sachgeschenke aber auch regelmäßige finanzielle Zuwendungen. Dafür würden Kinder und auch Enkelkinder den Älteren im Haus helfen, Reparaturen und Einkäufe erledigen und auch schon mal die Wohnung putzen.

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