Zeitung Heute : Die neueste Mitte

Mit jedem neuen Mitgliedsland bewegt es sich: das Zentrum der Europäischen Union. Zuletzt wanderte es nach Hessen, auf einen Acker – Was der Kern über das Ganze aussagt

Deike Diening[Gelnhausen]

Der Mittelpunkt der Europäischen Union ist weder ausgeschildert noch magnetisch, und deshalb steht am Bahnhof von Gelnhausen ein Mann vom Ordnungsamt. Die zwei neuen Schilder am Ortseingang hat jemand sauber aus ihrem Rahmen getrennt, „Diebstahl, kein Vandalismus“. Hinweisschilder sind zwar gedruckt, aber noch nicht gerahmt und aufgestellt, weshalb ein Normalsterblicher kaum hin finden würde zum neuen Mittelpunkt in Hessen, Spessart, von der Hauptstraße ab durch ein Siedlungsgebiet mit Einfamilienhäusern, den Hang hoch, am Wasserwerk vorbei, einen Schotterweg hinauf, bis kurz vor die Waldkante, da ragen die drei Masten hoch, ohne Fahne. Denn die Fahnen haben sie auch schon geklaut.

Man kann es sich nicht aussuchen, vom Mittelpunkt wird man getroffen. Ein Mittelpunkt wird definiert von den Rändern. Jedes Mal, wenn also ein Stück von Sylt abbricht, oder von der Küste Portugals, verschiebt sich die Mitte Europas. Davon muss man ausgehen, auch, wenn das nicht berechnet wird. Réunion und Französisch-Guayana sind übrigens auch nicht berechnet worden, sonst läge der Mittelpunkt im Wasser.

Als aber im Januar Rumänien und Bulgarien der Europäischen Union beitraten, stellte das nationale französische Geografieinstitut wieder Berechnungen an, um ihre neue Mitte zu finden. Alle, vor allem die an Gelnhausen grenzende Gemeinde Hasselroth, waren davon ausgegangen, dass in Hasselroth-Niedermittlau die Koordinaten neun Grad, neun Minuten östlicher Länge und 50 Grad, zehn Minuten, 21 Sekunden nördlicher Breite zu finden seien, hier also die neue Mitte sei. Weshalb am dritten Januar die Presse im falschen Rathaus auflief und die falschen Bäcker im falschen Ort sich ihre verkaufsfördernden Maßnahmen ausgedacht hatten.

„Wir vermieten unseren Balkon“, sagte Eckhard Paul zu seiner Frau, denn vom Balkon aus konnte man bis nach Hasselroth-Niedermittlau herübergucken. Da ahnte er noch nicht, dass die Mitte Europas direkt auf ihn zukam und am Ende alle auf seinem Acker sitzen würden. Gegen drei am Nachmittag des dritten Januar – so hatte er sich seinen freien Tag nicht vorgestellt – erhielt er einen Anruf. Die Mitte Europas, sagte man ihm, die liege jetzt auf seinem Acker. Ob er nicht mal herkommen wolle.

Eckhard Paul lief hin, und da warteten schon der Pulk und die Mikrofone. Und die „Bild“-Zeitung fragte ihn, wie viele Millionen er denn jetzt bekomme und schoss ein Foto, und Bekannte von ihm, die im Zillertal Urlaub machten, schlugen am anderen Morgen die Zeitung auf und sahen dort ihn, Eckhard Paul, Landwirtschaftsmeister, Mitglied im Gesangsverein. Sein Chef sah ihn. Und ein Bekannter, der nach Australien ausgewandert ist, fiel am anderen Ende der Welt fast vom Stuhl, als er ihn im Fernsehen reden sah.

Es ist, wie die Nadel im Heuhaufen suchen, dachte er. Und ich bin die Nadel.

Nur, dass er heute Lkw fährt für Aldi, das erzählte er nicht. Und dass der Boden dort oben auf seinem Acker lehmig-tonig ist, und deshalb viel Wasser speichert, aber auch schwer zu bebauen ist. Wie schwer die Krume aufbricht beim Pflügen und Eggen, bis man den Boden erst einmal klein hat! Und dass er die 1,4 Hektar ja verpachtet hat, und bloß noch der Eigentümer ist, und ein anderer Bauer im Herbst nach dem Raps den Weizen gesät hat. Und dass seine innigste Beziehung zur Europäischen Union ja über die Äcker lief, die 16 Hektar, die er mal bewirtschaftet hat, auch Milchvieh hatte er, als die Europäische Union die Fruchtfolge bestimmte von Mais und Raps und Weizen und auch die Subvention. Eckhard Paul ist drei Jahre jünger als die EU - und die Landwirtschaft war ihr erster Regelungsfall. „Als Landwirte sind wir immer weniger Unternehmer und immer mehr Sozialhilfeempfänger geworden“, so fühlte es sich an. Irgendwann hat es sich nicht mehr gelohnt.

Es erscheint also rückblickend nur folgerichtig, dass die Mitte Europas auf einem Acker und nicht etwa in einer Universität zu finden ist.

Der Acker gehört zum Stadtteil Meerholz, und der zu der Stadt Gelnhausen in Hessen. Auch die Städtischen waren ja nicht vorbereitet auf das Vermessungsergebnis im Januar. Sie trommelten also schnell ein Jugendorchester zusammen, das ohne viel Federlesens und ganz ohne Üben die Europahymne spielte, die Gelnhäuser packten ihre „Festzeltgarnitur“ ein, zu der auch Bierbänke gehören. Sie verankerten drei Fahnenmaste in lehmig-tonigen Boden und hissten die Flaggen des Main-Kinzig-Kreises, der Stadt Gelnhausen und die Europaflagge und stießen an. Und dann wurde ihnen kalt und sie ließen die Sache in einer Gaststätte ausklingen. Es dauerte nicht lange, und die Fahnen waren gestohlen.

Was macht man mit dem Mittelpunkt der EU, wenn er schon mal da ist?

Weil die Bäcker in diesen Dingen immer die Findigsten sind, hing Bäcker Hänsel in Meerholz prompt ein Schild ins Fenster: Brot aus dem Herzen Europas. Er buk ein Brot mit einem Herzen darauf. Nur, dass das Herz ja gar nicht in der Mitte liegt, sondern mehr so oben links.

Der Bäcker Pfeifer am Untermarkt buk ein Mischbrot mit einem Nabel drin, der aus der Mitte herausstakt. Das kam der Sache schon näher, auch wenn die Nachfrage jetzt, nachdem die Sache einmal durch die Presse ging, nicht mehr so rasend ist. Da haben die Gelnhäuser jetzt nicht das dringende Bedürfnis, sich per Brot am Frühstückstisch ihres europäischen Nabels zu vergewissern.

Der Mittelpunkt ist ja nur so was wie ein Wanderpokal, der bei der nächsten Erweiterung weiterzieht, hatte einer gesagt. Trotzdem muss man den Ort gestalten. In Litauen, wo das geografische Zentrum Europas, also nicht das der EU liegt, die ja politische Grenzen hat, haben sie eine Säule aufgestellt. In Kleinmaischeid, Rheinland-Pfalz, nicht weit vom Rhein, wo der Mittelpunkt nach der Osterweiterung 2004 bis Ende 2006 im Wald gelegen hatte, also schwer zu erreichen, hatten sie den Gedenkstein kurzerhand mitten ins Dorf platziert.

Die Gelnhäuser, 100 Kilometer weiter südöstlich, haben erst einmal eine europablau angemalte Bank aufgestellt. Drei leere Fahnenmaste warten auf Beflaggung und erzählen von der Unvollkommenheit der Europäer. Hinter der Bank kämpft sich Weizen ans Licht. Es liegen Pistazienschalen hier, und Kippen. Diese europäische Zentralbank hat keinen Papierkorb. Und jemand hat hier sehr lange gesessen und dabei Pistazien gegessen. Sieht aus, als würde man sich auf dieser Bank nicht nur um Aussicht, sondern auch um Einsicht bemühen.

Es ist reines Glück, könnte der Pistazienschäler gedacht haben, dass die Mitte nicht mitten im Wald liegt, in diesem waldreichen Gebiet. Dass sie auf einem Acker liegt, und auch noch einem mit Aussicht. Von hier aus sieht Europa wirklich friedlich aus.

Aber formt sich Europa nicht an den Rändern?, könnte er gedacht haben, während er eine besonders harte Nuss knackte. An den Außengrenzen riskieren Menschen ihr Leben, um hereinzukommen, die EU hat 2005 die zentrale Agentur Frontex in Warschau gegründet, für das Jahr 2007 mit 35 Millionen Euro ausgestattet, um sie abzuwehren. Der Atlantik vor den Kanaren spült Lebende und Tote an die Küsten, die aus Afrika geflüchtet sind. Das Mittelmeer ist an seinen engsten Stellen zu Afrika mit Überwachungstechnik ausgestattet. Und an Land läuft der kleine Grenzverkehr der Putzkolonien, Zigarettenhändler und Autoüberführer.

Irgendwo zwischen Schengener Abkommen und Rohmilchkäse, zwischen großartiger europäischer Idee und kleinem Gewinnstreben, zwischen kontinentalem Frieden und Putzfrauenkrieg bildet sich Europas äußere Erscheinung heraus. Es ist der hehre Gedanke im Konflikt mit seiner praktischen Ausformung. Die Europäer geben dafür extrem viel Geld aus, die anderen bezahlen mit ihrem Leben.

Und was macht die Mitte? Sie ruht.

Käme die Neue Welt vorbei, sie könnte das Alte Europa hier finden. Weil an dem Mittelpunktsacker ein Ort hängt, der tatsächlich ein Bild von Europa trifft. 1140 hat sich Barbarossa einen schönen Flecken gesucht zur Gründung Gelnhausens. Ein guter Teil der heute 21 400 Bewohner wohnt in aufreizend restaurierten Fachwerkhäusern in der Altstadt, die Frauen schwanken auf ihren Absätzen über herrliches, rotes Kopfsteinpflaster, wie es nur noch in wenigen alten Städten möglich ist. Der rote Stein kommt direkt vom Hang.

Das uralte Rathaus hat 1736 ein Blitzeinschlag das Obergeschoss gekostet, aber es ist schon lange wieder drauf und darin sitzt Jürgen Michaelis, CDU, und erledigt letzte Dinge. Am 12. April räumt er seinen Stuhl, nach 30 Jahren als Bürgermeister, „irgendwann ist auch mal gut“. Kurz vor Schluss erwischte ihn der EU-Mittelpunkt, seitdem rennen sie ihm die getäfelte Bude ein. 30 Jahre in diesem Zimmer, ein Ficus, Aschenbecher in Betrieb, Blick auf das Standesamt, freitags vor dem Fenster Markt.

Er hat sich in den Jahren daran gewöhnt, in die Vergangenheit zu blicken. Nur wegen des Mittelpunktes kann er jetzt nicht damit aufhören: Gelnhausen hatte diese Funktion ja schon einmal inne, sagt er, da war die Stadt zur Stauferzeit Mitte eines Reiches, das etwa so groß war wie die EU. Sie lag an der Via Regia, der alten Ost-West Handelsstraße, und noch immer sieht man, wie eng es war an der engsten Stelle der ganzen Straße, zwischen den Fachwerkhäusern von Gelnhausen. Wer hier nicht durchkam, kam in Leipzig erst gar nicht an.

Bis 1992 waren die Amerikaner da, erzählt Michaelis. Für die Umwandlung der Kaserne zur zivilen Nutzung gab es Gelder der EU. Ansonsten Regulierungswut. Brüssel, sagt Michaelis, mische sich in Sachen ein, die es gar nichts angehe. Kartellrecht, Fusionen, „die Sache mit dem Käse“. – „Lasst doch den Franzosen ihren Käse und den Deutschen ihr Bier.“ Das habe er auch offen gesagt, und man sah das aus gegebenem Anlass gar nicht gern. Wo er doch jetzt der Mittelpunkt von allem ist!

Die erste und üppigste Blüte hatte die Stadt im frühen – ha! – Mittel-Alter. Aber dann kam der 30-jährige Krieg und die Pest. Sie hatten Weinanbau bis Anfang des letzten Jahrhunderts die Reblaus kam. Jetzt haben sie noch die Gummiindustrie. Und Tausende Schüler pendeln täglich aus dem Umland in die Stadt. Das Vereinsleben ist rege und die Umgebung ungeheuer waldreich. Es lässt sich noch immer gut jagen mit dem Spessart im Rücken.

Ist der EU-Mittelpunkt also bloß ein Mittelchen für den Fremdenverkehr? „Früher kamen die Chinesen und Japaner wegen Grimmelshausen“, wegen des Barockdichters, der hier geboren ist. Jetzt kommt das ukrainische Fernsehen, die Chinesen waren auch schon da. Und wenn die Bewohner einmal davon absehen könnten, die Fahnen zu klauen, dann wäre auf den Bildern der Chinesen auch mehr drauf.

Die Bewohner ihrerseits wundern sich, wie nun am Wochenende alle auf den Acker pilgern. Als gebe es da jetzt auf einmal mehr zu sehen, als noch vor ein paar Wochen.

Von Anfang an hat Europa seine Mitte gesucht. Sie lag schon im belgischen Viroinval, nach der Osterweiterung 2004 lag sie in Kleinmaischeid. Auch die Gelnhäuser wundern sich über dieses seltsame Bedürfnis, mittels angreifbarer Methoden immer wieder die Mitte zu finden, in deren Folge Vermessungsingenieure einen Landstrich besuchen und ein bis dahin recht unbekannter Ort zu Berühmtheit gelangt. Als gäbe es kein Gleichgewicht, so lange die Mitte nicht gefunden ist. „Aus der Mitte heraus“, sagt man. „Da, wo die Kraft liegt“, meint man.

Dabei ist es ein Ort, der für die Entwicklung Europas keine Rolle spielte. Und das ist ja gerade das Schöne. Ein harmloser, unschuldiger Ort, so abstrakt wie der Gedanke an ein Europa.

Reiner Zufall also, dass es diesen Acker getroffen hat. Und reiner Zufall, dass jetzt Nicole Jarmer, 32, an diesem Mittag auf der Bank sitzt. Sie sieht den Maschendrahtzaun des Wasserwerkes, die Ortsteile Meerholz und Hailer, Obstbäume, Weidenkätzchen, die Waldkante, einen Hochsitz zur Jagd.

Auch, als dies noch kein Mittelpunkt war, ist sie schon in ihrer Mittagspause bei der Sparkasse mit ihrem Hund hierher gekommen. Die Hündin ist auch ein EU-Bürger, wenn man so will. Bei einem Spanienurlaub hat sie sie in einem Anfall von grenzenlosem Mitleid mitgenommen, entlaust und entwurmt. Sie nannte sie „Aba“ von „abandonada“, die Verlassene. „Aba“ heiße auch „dicke Bohne“, und genauso sieht die Hündin aus. Dicke Bohne mit Fell dran. 2005 musste sie Abas spanischen Tierpass in einen EU-Heimtierpass umtauschen, eine Sache, die obligatorisch für Hunde, Katzen und Frettchen ist.

Dann geht sie zur Arbeit. Drumherum bleibt Landwirtschaft – auch 2007 mit 42,7 Milliarden Euro der größte Haushaltsposten der EU. Hinter der Bank müht sich der Weizen ans Licht.

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