Zeitung Heute : Die Neugierde der Kinder wecken

Der Tagesspiegel

Von Martin Ebner

Prüfungshölle, Leistungsdruck und Erziehung zur Konformität: zu den bekannten Schlagworten, mit denen Nippons Bildungswesen bedacht wird, gehört Kreativitätsförderung nicht gerade. Dabei gibt es über ganz Japan verstreut 143 Clubs, in denen über 100 000 Jugendliche an Erfindungen basteln und sich originelle Lösungen für technische Probleme einfallen lassen.

Organisiert werden die sogenannten „Erfinder-Clubs für Schulkinder" allerdings nicht vom Erziehungsministerium, sondern von Hatsumei Kyokai, dem nichtstaatlichen „Institut für Erfindung und Innovation". Dieses Institut ist 1904 in Tokio von dem damaligen Handelsminister und dem Direktor des Patentamts gegründet worden. Zu dieser Zeit war die „Neuheitenverbotsverordnung", mit der die japanische Regierung noch im 18. Jahrhundert Erfindungen kurzerhand untersagt hatte, längst vergessen.

Seit 1926 veranstaltet Hatsumei Kyokai Erfinderwettbewerbe und vergibt dabei einen „Kaiserlichen Erfinder-Preis"; seit 1941 können sich findige Schulkinder um einen eigenen Preis bewerben. „Wir sind die einzige japanische Organisation, die Geld direkt vom Kaiser bekommt", sagt Takashi Tanaka, Abteilungsleiter bei Hatsumei-Kyokai, stolz. „Unser Wettbewerb für Schulkinder unterscheidet sich kaum von dem für Erwachsene: Wer nach der lokalen Ausscheidung bei einer unserer Filialen in den 47 Präfekturen die landesweite Runde gewinnt, wird mit dem kaiserlichen Preis geehrt. Von den jüngsten Teilnehmern wird nur eine gute Idee und eine Zeichnung erwartet, die älteren müssen auch ein Modell einreichen.

1974, zum 70-jährigen Bestehen des Erfinderinstituts Masaru Ibuka, wurden mit Spenden von Unternehmen die ersten Erfinderclubs für Schulkinder eingerichtet. „Unser größter Club ist in Kariya: In der Toyota-Stadt unterstützen uns die Eltern und Lehrer besonders eifrig.

Außer Firmen helfen auch Museen, Schulen und Gemeinden. Daher sind die Angebote der Clubs gratis", berichtet Takashi Tanaka.

Pro Club sind 30 bis 40 Schulkinder organisiert, meist im Alter von 9 bis 14 Jahren, etwa ein Drittel davon sind Mädchen. Den Clubs gehe es nicht darum, aus jedem Kind einen Thomas Edison zu machen, erläutert Shinji Sekizuka: „Das Hauptziel ist, Kreativität zu fördern und bei den Jugendlichen Interesse für Naturwissenschaften und Spaß an der Technik zu wecken."

Wenn beim Werkeln aber eine „sehr gute Erfindung" herauskomme, helfe Hatsumei Kyokai natürlich, ein Patent zu beantragen: „Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist ein spezielles Fahrrad, bei dem man während der Fahrt mit dem Rücktritt die Reifen aufpumpen kann." Früher sei das Erfinden einfacher gewesen, ergänzt Takashi Tanaka: „Wir hatten keine Fernsehgeräte und keine Playstations. Deshalb mussten wir uns Spielsachen immer selbst basteln. Zum Glück gehören Flexibilität und Neugierde aber immer noch zu den Haupteigenschaften von Kindern."

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