Zeitung Heute : Die Niederlage . . .

NAME

Von Markus Feldenkirchen,

Yokohama

In den Betonkatakomben des Stadions von Yokohama, wo sich tiefschwarze Limousinen für die Vip-Gäste wie Perlen aneinander reihen, analysierte die deutsche Politik-Elite die Niederlage. „Wir brauchen den Kopf nicht hängen zu lassen“, sagt der Versöhner Johannes Rau. Dann kommt Otto Schily, verschwitzt, den Mantel über dem Arm und gibt dem „glitschigen Rasen“ eine Mitschuld. Der Ball sei „sehr seifig“ gewesen, sagt der Innenminister. Im Anschluss verkündet der Bundeskanzler, dass Deutschland stolz sei auf diese Mannschaft und gibt den Staffelstab weiter an seinen Herausforderer Edmund Stoiber. Der zieht zu guter Letzt noch einen Superlativ aus seinem blauen Brustbeutel: Seit dem WM-Titel 1990 habe er keine so gute deutsche Nationalmannschaft mehr gesehen. Aber so sehr sich die Schlachtenbummler auch bemühen, sie kommen nicht an der Tatsache vorbei, dass sie eine Niederlage zu kommentieren haben.

So ist es also doch nichts geworden mit dem Jubel-Auftritt der deutschen Polit-Prominenz. Zumindest die beiden Kanzler-Konkurrenten hätten allzu gerne einen Strahl vom Gold der World-Cup-Trophäe abbekommen. Die vorher heiß diskutierte Frage, wem ein Sieg mehr genutzt hätte, stellt sich um 21.51 Uhr japanischer Ortszeit nicht mehr.

Das vermeintliche Polit-Duell war ohnehin schon vor dem Abpfiff beendet worden. Beim Empfang in der Residenz der deutschen Botschaft in Tokio sind Kanzler und Kandidat ganz fußbball- und gar nicht wahlkampfbegeistert. „Mit Wahlkampf hat das hier alles gar nichts zu tun“, korrigiert Schröder freche Journalistenfragen.

Mit Fahne in den Airbus

Der Kanzler ist froh, endlich seine Frau wiederzusehen und Stoiber ist gut gelaunt, wenn auch ziemlich müde. Der Kandidat war am Samstagabend mit einer Fan-Maschine des DFB zum Endspiel gedüst. Darin habe es etliche Polonaisen und laute „Edmund-Edmund“-Rufe gegeben, berichten seine Begleiter. Stoiber reibt sich die Augen. Zurück wird er wie angekündigt mit Rudis Mannschaft nach Frankfurt fliegen. Während Schröder mit Schilys Regierungsmanschine nach Berlin zurückkehrt.

Dabei hatte sich die deutsche Polit-Prominenz auf dem Hinflug ganz auf Sieg gesetzt. Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Friedhelm Julius Beucher, steigt am Samstag mit schwarz-rot-goldener Fahne in den Airbus der Luftwaffe. Kurz vor dem Start dröhnen bekannte Reporter-Worte aus den Bordlautsprechern: „Deutschland ist vollkommen zu Recht Fußball-Weltmeister 1990“, brüllt die Stimme von Gerd Rubenbauer, ein Ausschnitt aus der legendären Reportage vom letzten deutschen Sieg beim Finale einer Weltmeistertitel. Dann folgt der Song „Es gibt nur einen Rudi Völler“ zur Melodie von „Guantara“ und die meisten Politiker und Sondergäste der Bundesregierung singen mit.

Der Grünen-Politiker Winfried Hermann hat ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft im Gepäck. Als er vergangene Woche vom Kanzler persönlich die Einladung zur WM-Reise bekam, dachte er zunächst: „Da will mich einer verarschen.“ Hermann hatte im vergangenen Herbst bei der Vertrauensfrage im Bundestag noch gegen den Kanzler und den Afghanistan-Einsatz gestimmt. Schröder grollte. Aber weil Hermann sich nun mal sportpolitischer Sprecher der Grünen nennen darf und weil der Fußball dieser Tage alle vereint, darf auch der Abweichler von einst mitfliegen und mitfiebern.

Dann hebt die Schily-Delegation ab. Sie werden mit Hin- und Rückflug 27 Stunden unterwegs sein. Für rund 90 Minuten Fußball. Doch es lag nicht an den Strapazen der Reise, dass viele der eingeladenen Politiker die Einladung des Kanzlers gar nicht erst angenommen hatten. Zuletzt hatten auch noch Außenminister Joschka Fischer und FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt abgesagt. Auch sie scheuten jene Stimmen des Boulevards, die der Delegation vorhielten, sie gönne sich einen Luxus-Reise auf Kosten der Steuerzahler. „Ich kann diese Diskussion wirklich nicht verstehen“, sagt Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf im Flieger. Es müsse doch noch erlaubt sein, auch einmal zu heiteren Anlässen zu reisen. Und dies ist weiß Gott ein heiterer Anlass für sie.

Strenges Protokoll

Dennoch plagt sie in den Stunden vor dem Spiel ein ganz anderes Problem. Eigentlich, sagt Schröder-Köpf beim Landeanflug auf Tokio, habe sie so richtig als Fan kommen wollen. Deshalb hat sie eine riesige Deutschland-Fahne in den Koffer gefaltet, um beim beim Endspiel eifrig zu schwenken. Das geht aber nicht. Und auch den beigen Hosen-Anzug, den sie auf dem Hinflug trägt, darf sie später beim Spiel nicht anhaben. Das strenge Protokoll will, dass sie in der Kaiserloge des Stadions ein schwarzes Kostüm trägt. Und auch die Fahne muss sie im Hotel lassen. „Das kann ich doch nicht machen neben dem Kaiser.“

Von den Fraktionschefs im Bundestag traute sich nur PDS-Mann Roland Claus in den Regierungsflieger. Seine Sozialisten-Kollegen hatten ihn gewarnt, dass es falsch sei, an so einem teuren Tripp teilzunehmen, wo es doch so viele sozialen Probleme im Lande gebe. Aber dann hat sich Fraktionschef Claus gedacht, dass auch arme Menschen fußballbegeistert sein können und dass die PDS nicht als einzige Partei in Yokohama fehlen dürfe. Und weil ja fast jeder Politiker im Vorfeld des Spiels irgend etwas politisches in die Völler-Truppe hineingelesen hat, hat sich auch Claus eine These zu Recht gelegt. Im Grunde, sagt er, sei das Nationalteam ja eine sozialistische Mannschaft, weil es keine Stars gebe, weil alle gleich unauffällig seien und man nur im Kollektiv erfolgreich sei.

Für seine mitreisenden Bundestagskollegen, vorwiegend Mitglieder des Innen- und Sportausschusses, hat Claus während des langen Fluges noch eine weitere Weisheit parat. Es stimme nämlich gar nicht, dass es noch nie eine Partie zwischen Deutschland und Brasilien bei einer Weltmeisterschaft gegeben habe, sagt Claus. Die DDR habe nämlich 1974 gegen Brasilien gekickt. Aber leider verloren.

Zwei Reihen von Claus entfernt sitzt Erwin Marschewski, der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion. Er hat sich sein goldenes Mehrkampfabzeichen ans Jackett gesteckt und freut sich wie ein kleiner Junge auf das Finale. Marschewski ist 62 Jahre alt, aber es ist sein erstes WM-Spiel einer deutschen Mannschaft. Vor ein paar Wochen hatte Marschewski noch den Rücktritt von Otto Schily wegen Fehler im NPD-Verbotsverfahren beantragt.

„Insgesamt glücklich“

Jetzt aber dankt dem Innenminister „ganz herzlich“ für die Einladung. Auch Marschewski hat von der Theorie gehört, dass das erfolgreiche Abschneiden der deutschen Elf womöglich der amtierenden Regierung nutzen könne, weil es die Stimmung in Deutschland hebt. Auch in den Reihen der Union habe er „diesen Unsinn“ gehört. Er glaubt nicht dran. Der Grüne Winfried Herrmann ist dagegen fest überzeugt, dass Rot- Grün die Finalteilnahme nützt. „Es ist verblüffend wie Fußballsiege die Menschen insgesamt glücklich machen können“, sagt Herrmann und tippt 2:1 für Deutschland. Wie Marschewski. Wie Schily. Wie einfach alle in diesem Flieger.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar