Zeitung Heute : Die Not der Retter

Erfolg ist die beste Werbung: Um beides bemüht sich die US-Regierung derzeit besonders, damit die Öffentlichkeit zu Hause ihr gewogen bleibt. Der Raketenanschlag auf das Hotel Raschid in Bagdad durchkreuzt diese Pläne. Aber Präsident Bush demonstriert vehement Zuversicht.

Matthias B. Krause[New York]

ANSCHLAG IN BAGDAD – WAS TUN DIE USA?

Von Matthias B. Krause,

New York

Wenige Minuten nach dem Anschlag auf das Raschid Hotel in Bagdad schoben Sicherheitskräfte den unverletzten Vizechef des Pentagon Paul Wolfowitz durch die Lobby nach draußen, um ihn in Sicherheit zu bringen. Er habe es sich dennoch nicht nehmen lassen, die wartenden Reporter im Vorübergehen kurz anzulächeln, berichteten Augenzeugen. Bei der Pressekonferenz drei Stunden nach der Attacke, die einen amerikanischen Soldaten tötete und 15 Menschen verletzte, sah Wolfowitz offenbar nicht mehr ganz so selbstsicher aus. Während seines Auftritts im dem Hotel gegenüber gelegenen Kongresszentrum habe er „erschüttert“ gewirkt, notierte etwa der Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press. Dabei wäre ein selbstsicheres Lächeln jetzt so wertvoll gewesen wie selten.

Die acht Raketen, die am frühen Sonntag – zu Beginn des Fastenmonats Ramadan – in das Gebäude einschlugen, mögen klein gewesen sein. Doch Washingtons Werbekampagne trafen sie mitten ins Herz. Darüber können auch nicht die markigen Worte hinwegtäuschen, mit denen Wolfowitz die unveränderte Fortsetzung seines dreitägigen Besuchsprogramms verkündete. „Es gibt ein paar Leute, die die Realität eines neuen und freies Iraks nicht akzeptieren wollen“, sagt der Mann, der als Mastermind hinter den Irak-Plänen Washingtons gilt, „wir werden nicht nachlassen, sie zu überzeugen.“ Doch sein zweiter Besuch in dem besetzten Land seit US-Präsident George W. Bush das Ende der Kampfhandlungen im Mai verkündete, zielt viel weniger auf die geschundene Bevölkerung des fernen Landes als vielmehr auf die Öffentlichkeit daheim in Amerika.

Krampfhafter Versuch

Während der Präsidentschaftswahlkampf bei den Demokraten deutlich an Fahrt aufgenommen hat, basteln die Bush-Helfer mit Hochdruck an der Lösung der Imagekrise des Weißen Hauses. Das betrifft vor allen Dingen die Politik im Irak. So tauchten vor kurzem in vielen Zeitungen im ganzen Land verteilt Leserbriefe von Soldaten auf, die in Bagdad und Umgebung stationiert sind. Darin schilderten sie, wie sich die Lage in dem Land quasi Tag für Tag verbessere und wie falsch das Bild sei, dass in ihrer Heimat gezeigt werde. Nur leider, stellte sich bald heraus, waren die wortgleichen Schreiben nicht authentisch. Statt sich selbst hinzusetzen, hatten die Soldaten nur einen Musterbrief unterschrieben, der ihnen von ihren Vorgesetzen vorgelegt worden war.

Auch die Verschiebung der Verantwortlichkeiten für den Irak vom Pentagon hin zur nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice verlief nicht so reibungslos wie gehofft. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld grollte öffentlich und gab damit viel mehr vom Dauermachtkampf preis, der seit Monaten Außenministerium und Pentagon lähmt, als dem Weißen Haus lieb sein konnte. Die einstimmige Verabschiedung einer neuen Irak-Resolution im Weltsicherheitsrat noch rechtzeitig vor der Geberkonferenz in Madrid war zumindest ein kleiner PR-Erfolg, doch das nächste Fettnäpfchen wartete schon.

In einer Aktion, die ein Insider „Aufstand der getretenen Füße“ nannte in Anspielung auf die vielen Zehen, die Polter-Minister Rumsfeld und sein wichtigster Adjutant Wolfowitz in ihrer Umgebung demolierten, wurde der Presse ein Memo zugespielt, in dem sich der Pentagon-Chef ausgesprochen pessimistisch über die Lage im Irak äußert – in scharfem Kontrast zu dem Bild, das er in der Öffentlichkeit abzugeben versucht.

So heißt es in der internen Notiz unter anderem, es sei zwar klar, dass die Koalitionen in Afghanistan und im Irak auf dem einen oder dem anderen Wege siegen werde, aber es werde „eine lange, schwere Schinderei“. Die Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus und Osama Bin Ladens Al Qaida im besonderen seien „gemischt“. Dabei klagte Rumsfeld insbesondere über das schlechte Kosten-Nutzen-Verhältnis: Die USA bräuchten für ihren Kampf Milliarden, die Terroristen nur Millionen.

Schaden begrenzen

Das Weiße Haus und Rumsfeld selbst hatten alle Mühe, öffentlich zurückzurudern. Der Verteidigungsminister donnerte gar in seiner gewohnt sarkastischen Art: „Ich reise alle Nase lang in den Irak. Und jedes Mal, wenn ich da bin, sieht es schon besser aus.“ Trotzdem munkelt man bereits, Bush habe im Zuge der jüngsten Pentagon-Panne beschlossen, Rumsfeld im Falle seiner Wiederwahl im nächsten Jahr nicht mehr als Verteidigungsminister zu benennen.

Auch die republikanischen Senatoren im Kongress fragen sich mittlerweile, ob sie wirklich noch den richtigen Mann im Pentagon sitzen haben. Hauptkritik-Punkt: Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz versorgten sie ebenso schlecht mit Informationen über den Irak wie die Demokraten. Noch meckern sie nicht öffentlich, aber die „Washington Post“ zitierte vor kurzer Zeit einen hochrangigen Partei-Mitarbeiter mit den Worten: „Das Pentagon ist zweifellos nicht mehr das liebste Ministerium des Capitol Hills. Rumsfeld und Wolfowitz geben uns das Gefühl, sie wüssten alles besser, aber sie müssten auf unsere Fragen nicht antworten.“

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