Zeitung Heute : Die Not vor aller Augen

Von der Sturmflut zum Erdbeben, von der Seuche zum Schneechaos: Wie 2005 den Sinn fürs Leben und Überleben schärfte

Peter Becker

Spätestens mit dem 11. September 2001 hat auch den durch Wohlstand, gemäßigtes Klima und überwiegend friedliches Zusammenleben verwöhnten Europäer wieder das Bewusstsein für Katastrophen heimgesucht. Der Atomunfall von Tschernobyl in den 80er Jahren oder der Balkankrieg im folgenden Jahrzehnt erinnerten die Mehrheit der nach 1945 Aufgewachsenen zwar daran, dass die menschliche und technische Firnis unserer Zivilisation viel dünner ist als erhofft. Aber das schienen Ausnahmen zu sein, waren nur noch Störfälle eines Lebens der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, es immer höher, weiter, besser hinaus zu schaffen. Bis mit den Türmen von New York auch diese Zuversicht fiel.

New York, Madrid – und in diesem Jahr nun die Anschläge in London. Wirkt der potenziell allgegenwärtige Terror, zumal durch die neue Pest der Selbstmordattentate, für uns von Lebenslust und Safety-First-Denken in gleicher Weise durchdrungene Zeitgenossen schon unnatürlich genug, so kam im jetzt zu Ende gehenden Jahr auch noch die Unheimlichkeit der Natur hinzu. Nicht alles und alle, aber vieles und viele schienen 2005 verrückt zu spielen. Es war allerdings kein Spiel.

Vom asiatischen Tsunami nach Weihnachten 2004, dessen erst allmählich absehbaren Folgen die Nachrichten und die weltweite Anteilnahme 2005 wie kaum ein anderes Ereignis bewegten, bis zum pakistanischen Erdbeben und den karibischen Wirbelstürmen: Das Jahr, das daneben auch Glück, Triumphe, Freude brachte, war doch grundiert von erschreckendem Unheil. Kaum glaubt man im Fernen Osten die Lungenkrankheit Sars überwunden, rückt bereits die Vogelgrippe mit der Angst vor einer Pandemie näher. Und nicht nur im Golf von Mexiko war 2005 das Rekordjahr der Hurrikans; auch über das Ferienparadies der Kanarischen Inseln fegte ein Tropensturm, gleich einem Vorboten am Rande Europas und Afrikas – während Wissenschaftler, noch näher und bestimmender für unser Klima, eine Besorgnis erregende Abkühlung des atlantischen Golfstroms messen. In der Arktis und in den Alpen schmelzen die Gletscher infolge der 2005 einmal mehr signifikanten Klimaerwärmung. Dies könnte mittelfristig zu Überschwemmungen der europäischen Küstenregionen führen (beispielsweise in den Niederlanden und Norddeutschland), begleitet vom Gegeneffekt einer neuen „Zwischeneiszeit“.

Noch freilich herrschen bei uns keine grönländischen Verhältnisse. Im Gegenteil: Im Zuge der Erwärmung breitet sich, wie schon in der Spätantike, der Weinbau nach Nordeuropa aus, und ein wunderbar goldener Herbst kredenzte den Winzern an Rhein und Mosel einen „Jahrhundertriesling“. Auch das gehört zum Jahrgang 2005.

Eben noch indian summer, schlägt in Teilen Deutschlands mitten im Herbst freilich ein Schneewinter sondergleichen zu. Dass im beschaulichen Münsterland tagelang bis zu 200 000 Haushalte ohne Strom sind, die Menschen also in Kälte und Dunkelheit hocken, das hat es seit den Nachkriegszeiten im reichen, hochtechnisierten Mitteleuropa noch nie gegeben. Doch es passt, einmal mehr, ins Bild.

Im Eiswind tausendfach geknickte Strommasten sind in Deutschland bisher nicht üblich. Dass freilich Frühlings- und Herbstwinde ebenso wie Gewitterböen im Sommer jedesmal Bäume entwurzeln und Häuser abdecken, dass Radiosender nicht nur an der Nordseeküste oder im Gebirge immer häufiger vor Orkanen warnen, daran müssen wir uns in Deutschland nicht mehr gewöhnen. Die vermeintlich gezähmte, in Wahrheit oft genug malträtierte Natur entfesselt ihre Urgewalten offenbar auch (wieder) in unseren eigentlich so gemäßigten Breiten. Als diesen Sommer in Oberbayern die Flüsse über die Ufer traten und es in Garmisch-Partenkirchen kurze Zeit so aussah wie drei Jahre zuvor beim Elbhochwasser, da war grad wieder Bundestagswahl, und die Flut erschien auch als Ironie des Schicksals.

Die biblische Sintflut bezeichnet gewiss ein Urbild menschlicher Existenzangst – und jener durch Kriege, Krimis, apokalyptische Visionen oder Science- Fiction-Filme immer neu geschürten Faszination des Unheils. Neben der Katastrophenangst gibt es von jeher auch die Katastrophenlust. Sie beflügelt selbst die Kulturkritik oder die Philosophie. Der „Untergang des Abendlandes“ gilt seit Nietzsche und Spengler als gern beschworene Variante der Apokalypse; und mit dem weiten Blick vom Römer Lukrez über Herders Geschichtsphilosophie und Jacob Burckhardts „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ hat der Philosoph Hans Blumenberg bereits vor einem Vierteljahrhundert unsere Weltsituation auf den treffendsten Begriff gebracht: „Schiffbruch mit Zuschauer“. Im Angesicht wechselnder Katastrophen sind wir heute allemal mögliche Akteure und Voyeure, sind Täter, Opfer oder global mediale Betrachter – und manchmal alle und alles zugleich. Ob Odysseus oder Robinson Crusoe: Wer Sturm und Beben, wer den Schiffbruch überlebt und wieder an Land gerät, der wird, bis zum nächsten Sturm, ein besseres Schiff bauen, die Natur und die eigenen Kräfte genauer messen, der wird ein Mensch der Erfindungen, des Fortschritts sein. Und die Gefahr nicht vergessen oder verdrängen.

Das ist die Hoffnung – wiewohl Karl Kraus einmal gescherzt hat, es gebe auch Leute, die durch Schaden dümmer werden. So dumm, für 2006 und die weitere Zukunft auf schrankenloses Wirtschaftswachstum und die unbegrenzte Ausbeutung und Beherrschung der Natur zu setzen, ist heute jedenfalls kein verantwortlicher Politiker oder Wirtschaftsführer mehr. Die Frage ist eher, wie skrupellos oder zynisch mancher ist, der das Motto „erst nach mir die Sintflut“ zur Maxime seines Handelns oder Nichthandelns macht. Immerhin ist es 2005 – selbst im autoritären, nachrichtenzensierten China – dank unübersehbarer Natur- und Umweltkatastrophen schwieriger geworden, den Ahnungslosen zu spielen. Oder die Bevölkerung mit dem Zweckoptimismus des unbegrenzt Möglichen oder im eigenen Lande angeblich Unmöglichen zu beruhigen. Das hat, als New Orleans in der Sturmflut versank, auch George W. Bush erfahren.

Vielleicht lohnt es sich, nach diesem Jahr wieder ein Buch zu lesen, das vor knapp 60 Jahren zuerst auf Französisch erschien. Es ist „Die Pest“ von Albert Camus, und der spätere Literaturnobelpreisträger entwirft darin, im Schatten des kaum geendeten Weltkriegs und Holocausts, das Bild einer Großstadt und Gesellschaft, die durch den längst überwunden geglaubten, ins Mittelalterliche entrückten „Schwarzen Tod“ zum Sinnbild des Ausnahmezustands wird. Die Ausnahme aber wirkt zurück auf die trügerische Regel, sie erinnert die Zivilisation an ihre Brüchigkeit – und an die Chance, aufgerüttelt durch die Seuche, die eigene Existenz neu zu wagen. Zu helfen, zu heilen, der Verzweiflung oder faulen Versprechungen zu trotzen. Albert Camus’ Roman wird so zugleich zur Überlebensphilosophie.

Man muss kein Katastrophenliebhaber sein, um das zu schätzen.

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