Zeitung Heute : Die Notbremse gezogen

Harald Olkus

Still ruht der See auf dem Kreuzberg. Die betonierten Fundamente auf der verlassenen Großbaustelle im Viktoria Quartier stehen knöcheltief unter Wasser, kein Kran dreht sich mehr. Lediglich ein einzelner Bauarbeiter ist bei einem Besuch damit beschäftigt, eine Backsteinfassade neu zu verfugen. Das 300-Millionen-Projekt an der Methfesselstraße ist Pleite. Die beiden Investoren, die Deutsche Bank-Tochter Deutsche Grundbesitz und die Viterra, haben für die gemeinsame Viktoria Quartier Projektgesellschaft Insolvenz angemeldet.

Das Projekt habe sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen, sagt der Sprecher der Deutschen Grundbesitz, Tim Oliver Ambrosius. Die Schere zwischen den Baukosten und den zu erwartenden Verkaufserlösen für die geplanten 250 Wohnungen habe sich immer weiter geöffnet. Um die davonlaufenden Kosten zu stoppen, habe man die Notbremse gezogen und den Insolvenzantrag gestellt.

Doch das muss noch nicht unbedingt das Aus für das Großprojekt auf dem Kreuzberg bedeuten. Thomas Hölzel, Geschäftsführer der Marketing-Gesellschaft Artprojekt und ursprünglich Mitinitiator des Viktoria Quartiers, hat ein Konzept zur Rettung des Projekts entwickelt. Nach eigenen Angaben ist er bereits mit Investoren im Gespräch, die die Bauarbeiten zu Ende führen würden. Sein Konzept fußt auf der Einschätzung, dass das Land Berlin einiges in Bewegung setzen wird, um den Standort auf dem Kreuzberg für die Berlinische Galerie zu retten. "Es hat zu lange gedauert, bis man endlich ein Gebäude für die Berlinische Galerie gefunden hat. Das kann man jetzt nicht einfach aufgeben", meint er. Jetzt die Standortfrage für die Berlinische Galerie neu zu stellen, sei fatal, denn derzeit herrsche kein Klima, in dem man Museen baue.

Zwar hätten die Arbeiten für die Galerie auch zur Pleite beigetragen, weil die Trockenlegung der Keller die Baukosten in die Höhe getrieben hätte. Für den Erfolg des Gesamtprojekts spiele das Museum aber eine entscheidende Rolle, da sie die Attraktivität und Anziehungskraft des Standorts beträchtlich steigere. Deshalb ist die Nutzung der Brauereikeller als Museumsfläche für die Berlinische Galerie ein zentraler Punkt in Hölzels Konzept. Er schlägt vor, die rund 6800 Quadratmeter Kellerfläche, die das Land für 23,5 Millionen Mark erworben und bereits bezahlt hat, gleich um 2500 Quadratmeter zu erweitern. Museumsdirektor Merkert hatte dies ohnehin längst gefordert, weil ohne diese Fläche seiner Ansicht nach ein vernünftiger Museumsbetrieb nur schwer möglich ist. Die restlichen 5000 Quadratmeter Kellerfläche sollen ebenfalls für die Berlinische Galerie erworben und für die Trockenlegung vorbereitet werden. Diese zusätzlichen Flächen soll das Land Berlin nach Hölzels Ansicht für die symbolische Summe von einer Mark erwerben können.

Die Kosten für die Fertigstellung des Museums veranschlagt Hölzel auf 44 Millionen Mark. Sie sollen zum Großteil durch eine Bankbürgschaft in Höhe von 32 Millionen Mark getragen werden, die das Land Berlin als Sicherheit für den Kaufpreis für das Museum erhalten hat. Eine Bank müsse die Summe dem Land Berlin allerdings als zinsloses Darlehen zur Verfügung stellen. Die dann noch fehlenden 12 Millionen Mark sollen zu gleichen Teilen von einem künftigen Investor, dem Förderverein der Berlinischen Galerie und dem Land getragen werden.

Ob dieses Konzept Zustimmung findet, wird sich zeigen müssen. Schließlich müssten sich die Eigentümer bereit erklären, die Kellerflächen dem Land Berlin zu schenken. Das hoch verschuldete Land Berlin müsste seinen Haushalt mit einer enormen Summe belasten - und das, nachdem es sich beim Tempodrom engagiert hat. Und schließlich müsste eine Bank gefunden werden, die ein zinsloses Darlehen in Millionenhöhe gewährt - eine ganze Reihe von Unwägbarkeiten. Auch die bisherigen Mieter und Käufer der Wohnungen, Lofts und Gewerbeflächen - etwa 100 haben das Gelände bereits bezogen - müssten Fortschritte erkennen können, damit sie nicht wieder ausziehen. Denn wer will schon für viel Geld auf einer Bauruine wohnen. Hölzel hat auch weitere Nutzer zu bieten, darunter einen Betreiber für ein Viersterne-Design-Hotel, einen Veranstalter aus Hamburg, der den Bebelsaal im Brauereigebäude bespielen will, sowie Gastronomen und eine Werbeagentur.

Wie es auf dem Kreuzberg jetzt tatsächlich weitergeht, hängt von der Strategie des eingesetzten Insolvenzverwalters ab. "Wir haben am vergangenen Mittwoch eine Gläubigerversammlung abgehalten, um erst einmal die Handwerker und Mieter zu beruhigen", sagt Marc Fritze, ein Mitarbeiter des Insolvenzverwalters Peter Leonhardt. "Wir werden als erstes die Baustelle sichern und winterfest machen, damit der Schaden nicht noch größer wird." Dafür hätten die Eigentümer Geld überwiesen. "Dann werden wir versuchen, einen Investor zu finden."

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