Zeitung Heute : Die Notfallhelfer

In Berlin fehlen Hunderte Fachärzte. Immer mehr Kliniken nutzen Zeitarbeit, um Personalengpässe zu schließen.

Immer einsatzbereit. Manchmal muss sich die Narkoseärztin Katja Quade in nur wenigen Stunden auf einen neuen Arbeitsplatz einstellen. Die alleinerziehende Mutter schätzt an ihrem Arbeitsmodell die Abwechslung und die Flexibilität. Foto: Thilo Rückeis
Immer einsatzbereit. Manchmal muss sich die Narkoseärztin Katja Quade in nur wenigen Stunden auf einen neuen Arbeitsplatz...

Katja Quade kennt keine Routine. Sie hat weder feste Kollegen noch einen Spind in der Garderobe, und auch keinen ständigen Parkplatz auf dem Klinikgelände. Jeder Arbeitstag ist neu für die 37-Jährige. Quade ist eine moderne Wanderarbeiterin, eine Ärztin im Einsatz auf Zeit. Die Medizinerin hat einen Vertrag mit dem Berliner Personaldienstleister Anästhesieagentur. Seit zwei Jahren verleiht die Narkoseärztin ihre Arbeitskraft an Kliniken im Umland.

Sie war im Wedding, in Spandau, in Kreuzberg und in Charlottenburg im Einsatz. Zurzeit ist sie für einige Wochen von einer Klinik in Brandenburg gebucht. Meist weiß sie einen Monat im Voraus, wo sie arbeiten wird. Manchmal muss sie sich auch innerhalb weniger Stunden auf eine neue Klinik einstellen. „Gerade in der Ferienzeit steigt der Bedarf“, sagt sie.

Der Einstieg in den neuen Arbeitsplatz verläuft meist unspektakulär: Eine Einweisung in die Arbeitsgeräte, eine kurze Vorstellungsrunde beim Stammpersonal, ein Blick in die Krankenakten. Dann muss Quade zu ihrer ersten Narkose. Die Patienten bemerken meist nicht, dass sie eine Ärztin in Zeitarbeit ist. Wenn sie nicht auf der Intensivstation arbeitet, nehmen die Kranken sie nur kurz vor der Operation wahr. Höchstens im Aufwachraum gibt es noch ein Gespräch. Dass Quade sich erst vor wenigen Minuten mit ihrem neuem Arbeitsplatz vertraut gemacht hat, wissen sie nicht. Für die Patienten mache dies auch keinen Unterschied, sagt die Narkoseärztin. Schließlich habe sie jahrelange Erfahrung.

Allein in Berlin fehlen Hunderte Fachärzte. Für viele Krankenhäuser sind die Zeitarbeiter immer häufiger ein Mittel, die große Lücke an spezialisierten Kräften zu schließen. Michael Weber, Geschäftsführer der Anästhesieagentur, vermittelt die Ärzte im ganzen Berliner Umland. Vor allem Narkoseärzte oder Fachkräfte für die Intensiv- und Rettungsmedizin seien gefragt, sagt Weber. Chirurgen oder Herzspezialisten kämen als Zeitarbeiter weniger in Frage. Sie müssten Patienten über einen längeren Zeitraum betreuen. Auch für Berufsanfänger sei dieses Jobmodell weniger geeignet. „Man muss den Klinikalltag kennen und Fachkompetenz mitbringen“, sagt Weber.

Dass sie als gut ausgebildete Fachärztin einen Job als Zeitarbeiterin annehmen würde – damit hatte Quade während ihres Studiums nicht gerechnet. In verschiedenen Kliniken war sie angestellt, schätzte Kollegen und den geregelten Dienstplan. Doch dann wurde sie schwanger – ihr Familienalltag passte nicht mehr zum Schichtsystem und dem hohen Überstundenpensum. Per Zufall stieß sie auf die Anästhesieagentur. Mediziner sind bei dem Personaldienstleister fest angestellt. Ein gutes Gehalt deutlich über Tarif, eine 50-Prozent-Stelle und die Aussicht auf Fort- und Weiterbildung haben Quade schnell überzeugt. „Das ist der perfekte Job für mich“, sagt sie.

Die Zahl der Ärzte, die sich bei Weber bewerben, steigt. Auch Katja Quade begegnet immer mehr Zeitarbeitern in den Kliniken. Wenn die 37-Jährige auf die Station kommt, herrscht oft eine Notsituation. „Wenn wir nicht kämen, müsste ein Kollege seinen Urlaub abbrechen oder noch mehr Überstunden machen“, sagt sie. „Im schlimmsten Fall muss die Operation ausfallen.“ Nicht nur der Patient leidet: Für die Kliniken bedeutet ein leerer OP einen immensen finanziellen Verlust.

Und wie reagiert das Stammpersonal auf eine Wanderarbeiterin wie Katja Quade? „In der Regel sehr freundlich“, sagt sie. Die meisten können sich nicht vorstellen, jeden Tag in einer anderen Klinik zu arbeiten. Die geforderte Flexibilität erscheint vielen anstrengend und belastend. Doch vor allem junge Ärzte sprechen sie immer wieder auf ihr Arbeitsmodell an. „Viele sind nicht mehr bereit, ihre Lebensqualität zu opfern für das maue Gehalt in den Krankenhäusern.“

Quade sehnt sich im Moment nicht nach einer Festanstellung. Nur ein einziges Mal wäre sie gerne für längere Zeit in einer Klinik geblieben. Sie schätzte das nette Team und die gute Zusammenarbeit. Doch der lange Anfahrtsweg und die mögliche Routine hielten sie davon ab, einen festen Vertrag zu unterschreiben. Zudem sei es gerade als alleinerziehende Mutter enorm schwierig, einen Job zu finden, der sich mit der Familie vereinbaren lässt. Also blieb sie bei der Zeitarbeit.

Am meisten freut sich darüber sowieso ihr dreijähriger Sohn. „Ich habe viel Zeit, ihn aufwachsen zu sehen“, sagt Quade. Ein normaler Klinik-Job würde ihr das kaum ermöglichen.

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