Zeitung Heute : Die Obama-Show

Eigentlich ist ein Nominierungsparteitag nur ein gut inszenierter Akt der Selbstvergewisserung. Diesmal ist es anders. Was hängt für die Demokraten von der Veranstaltung ab?

Christoph Marschall[Denver]

So hatten sich die Demokraten ihren Nominierungsparteitag nicht vorgestellt. Statt Siegesgewissheit herrscht Verunsicherung in Denver. Voller Zuversicht waren sie im Januar in das Wahljahr gestartet. Das Land war enttäuscht über die Bilanz von Amtsinhaber George W. Bush, die Republikaner machten mit Korruptions- und Sexskandalen von sich reden. Das Personalangebot der Demokraten weckte bei den Menschen mehr Begeisterung. Ob Hillary Clinton als erste Frau oder Barack Obama als erster Schwarzer offizieller Kandidat wird – so oder so sah sich die Partei mal wieder auf dem Weg, Geschichte zu schreiben.

Was also sollte noch schief gehen? Der Sieg bei der Wahl im Herbst sah aus wie eine reife Frucht, die den Demokraten am 4. November beinahe von allein in den Schoß fallen würde. Dieser Optimismus hielt das ganze Frühjahr an. Die Vorwahlen zeigten Staat für Staat, dass die Nation sich für die Demokraten interessiert. Bei ihnen wollten zwei Drittel mitbestimmen, wen die Partei als Präsidentschaftskandidaten nominieren soll, zu den Republikanern gingen nur ein Drittel. Vor allem dank Obama kamen auch Millionen Erstwähler.

Normalerweise ist die „Convention“ eine sorgfältig inszenierte Veranstaltung der Selbstvergewisserung: viertägige Krönungsfeierlichkeiten mit dem Ziel, die Anhänger zu mobilisieren und vor der ganzen Nation Geschlossenheit und Siegeszuversicht zu demonstrieren. Bei der Eröffnung des Parteitages geht diesmal jedoch das Wort „Angst“ um. Die „New York Times“ beschreibt die Stimmung als „nervös“. Erstens sind da die Zweifel, ob Obama eine Mehrheit der Wähler ebenso begeistern kann wie seine treuen Anhänger. Und da ist, zweitens, „diese verdammte Sache mit Hillary“, wie Donald Fowler sagt, Parteivorsitzender von 1995 bis 1997 und einer ihrer Unterstützer.

Von beiden Problemen sind die Clintons das kleinere. Aber auch ihr Destruktionspotenzial reicht, um die Rückeroberung des Weißen Hauses scheitern zu lassen. Der Wettbewerb um die Kandidatur dauerte bei den Demokraten diesmal besonders lang und wurde mit ungewöhnlicher Schärfe ausgetragen, wie man das sonst erst vom Hauptwahlkampf gegen die Republikaner kennt. Obamas Sieg stand schon lange fest, ehe Hillary sich Anfang Juni überwand, ihre Niederlage einzugestehen. Danach forderten ihre Anhänger, Obama müsse sie zu seiner Vizepräsidentin machen. Vergeblich – denn angesichts der Ablehnung, die Hillary in ziemlich genau der Hälfte der US-Gesellschaft entgegenschlägt, wäre der Schaden vermutlich größer als der Nutzen gewesen.

Doch Obamas Entscheidung für Joe Biden hilft auch nicht, das Clinton-Lager zu besänftigen. Laut einer neuen GallupUmfrage sind nur 47 Prozent der Hillary-Anhänger entschlossen, für Obama zu stimmen. Weitere 23 Prozent sagen, sie unterstützen ihn, seien aber unsicher, ob sie ihn wählen werden. 30 Prozent erwägen, für den Republikaner John McCain zu stimmen oder gar nicht zur Wahl zu gehen.

Öffentlich loben sich Clinton und Obama und versichern gegenseitig Respekt und Unterstützung. Aber die Risse sind unübersehbar. Am Mittwoch wird es einen „roll call“, eine offizielle Abstimmung der Delegierten, geben, wen die Partei nominieren soll. Das Clinton-Lager will seine Stärke zeigen – auch um den Preis mangelnder Geschlossenheit. So wird viel davon abhängen, welchen Ton Hillary Clinton als Hauptrednerin am Dienstag anschlägt und wie versöhnlich Bill Clinton als einer der Redner am Mittwoch spricht.

Das größere Problem ist jedoch Obama selbst. Er muss beweisen, dass er auch Amerikaner mitreißen kann, die ihn nicht sowieso schon unterstützen. Viele Demokraten sind beunruhigt, dass er trotz der verbreiteten Anti-Bush-Stimmung nun in den jüngsten Umfragen gleichauf mit John McCain liegt. Der Republikaner hat das Rennen geschickt offen gehalten, indem er Obama ständig attackierte. Die Bürger nehmen zwar wahr, dass McCain weniger mit eigenen Stärken oder politischen Programmen wirbt. 48 Prozent meinen, er führe einen verunglimpfenden Negativwahlkampf gegen den Rivalen. Über Obama sagen das nur 29 Prozent. Umgekehrt halten 64 Prozent Obama zugute, er rücke sein politisches Programm in den Mittelpunkt; von McCain sagen das nur 45 Prozent.

Doch McCain setzt erfolgreich den Rat von Bushs Chefstrategen Karl Rove um, man solle vor allem die Stärken des Gegners angreifen, nicht nur dessen Schwächen. Obamas offenkundige Schwachstellen – seine relative Jugend (er ist 47) und seine geringere berufspolitische Erfahrung mit vier Jahren als US-Senator in Washington – thematisiert McCain schon auch. Aber den größten Erfolg hat er mit Werbevideos, die Obamas Redetalent und seinen Status als Rockstar verspotten. Ob die Massenveranstaltung an der Berliner Siegessäule oder die Entscheidung, seine Rede am DonnerstagaAbend, dem Höhepunkt des Parteitags, in ein Sportstadion mit 76 000 Zuschauern zu verlegen – es wird Obama als Arroganz ausgelegt und nicht als Beleg seiner Anziehungskraft.

Eines allerdings hat sich nicht verändert: Die Aufmerksamkeit der Nation richtet sich auf die Demokraten. Wer Präsident wird, entscheidet sich an Obama. Wenn er die vier Tage in Denver nutzt, um eine Mehrheit der Amerikaner zu überzeugen, dass sie ihm das Schicksal der USA anvertrauen können, zieht er ins Weiße Haus ein. Misslingt es ihm, diese Dynamik zu entfachen, wird McCain Präsident – nicht aus eigener Stärke, sondern wegen Obamas Schwäche.

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