• Die öffentlichen Kinder Sie werden im Kindergartenalter zur Therapie geschickt und haben eigene Stylisten. Was fasziniert uns an Leo Blair, Noah Becker und Madonnas Rocco?

Zeitung Heute : Die öffentlichen Kinder Sie werden im Kindergartenalter zur Therapie geschickt und haben eigene Stylisten. Was fasziniert uns an Leo Blair, Noah Becker und Madonnas Rocco?

Harald Martenstein

Vor ein paar Wochen brachte „Bild" in ihrer Klatschkolumne mal wieder einen Bericht über Lourdes und Rocco. Lourdes ist sechs Jahre, Rocco 22 Monate alt. Sie sind die Kinder des Superstars Madonna und damit automatisch selber Stars. Der Bericht war mit zwei Fotos von Lourdes und einem Foto von Rocco illustriert.

„Da sitzen sie im sanften Sommerlicht…Lourdes, irgendwann einmal Erbin eines Vermögens, das auf 600 Millionen Euro geschätzt wird… Das maronenbraun-seidige Haar wohlfrisiert, gewandet in einen maßgeschneiderten Pastell-Fummel (Lieblingsdesignerin: Deborah Bunn) … Mum über ihr verwöhntes Mädchen: Sie ist meine beste Freundin. Und das girligste Girl … Sie ist mein wahres Kunstwerk."

Madonna mag es, wenn Lourdes Miniaturversionen ihrer eigenen Kleider trägt, entworfen von Versace oder Gaultier. Deborah Bunn wird als „Personal Stylist" von Lourdes geführt, also nicht die Lieblings-, sondern eher die persönliche Leibdesignerin. Madonna hat beim Kleiderkaufen für Lourdes einmal auf einen Schwung 40 000 Pfund ausgegeben, die Stühlchen in ihrem Kinderzimmer, natürlich exklusive Designerentwürfe, kosten etwa zweieinhalbtausend Pfund pro Stück.

Lourdes gehört zu den bekanntesten Exemplaren einer Menschensorte, die es vor ein paar Jahren noch nicht gab: die öffentlichen Prominentenkinder. Andere Beispiele: Brooklyn Beckham (4), Sohn des Fußballers David und des ehemaligen Spice-Girls Posh. Prince Jackson (6), Paris Michael Katherine Jackson (5) und Prince Michael II Jackson (vermutlich 2). Oder Damian (1), Sohn von Liz Hurley, Patensohn von Elton John. Und natürlich Noah Gabriel (9) und Elias Balthasar (3), die Becker-Kinder. Eigentlich muss man das noch ungeborene Kind von Verona Feldbusch auch schon dazurechnen. Nicht zu vergessen: Carl Maurice Lafontaine (6).

Sogar für den Nachwuchs mäßig bis schwach prominenter Personen ist ein gewisses Grundinteresse vorhanden. Nele, 3140 Gramm schwer, Kaiserschnitt, Tochter der RTL-Moderatorin Frauke Ludowig, war der „Bunten" einen längeren, detaillierten Bericht wert – einschließlich der Frage an die Mutter, was für ein Gefühl es wohl sei, ein Kind zur Welt zu bringen. Frauke Ludowig bringt es auf den Punkt: „Ein Gefühl, das man schwer beschreiben kann."

In England gibt es eine Studie darüber, welche Kinder am häufigsten in den Medien vorkommen. Platz eins: Brooklyn Beckham, der unter einem künstlichen Glashimmel mit Sternen schläft. Zweiter: Leo Blair, der Jüngste des Premierministers, gefolgt von Damian Hurley und Dylan Douglas, Sohn von Catherine Zeta-Jones und Michael Douglas, der laut „Guardian" in vorbeugender verhaltenstherapeutischer Behandlung war, um zu vermeiden, dass er nach der Geburt seines Geschwisterchens eifersüchtig wird. Die Zahl der Sitzungen? Das Honorar des Therapeuten? Stand alles in der Zeitung.

Im gleichen „Guardian"-Artikel macht sich die Autorin Joanna Briscoe ein paar Gedanken über die Prominentenkinder: Sie gehören, schreibt sie, zu der neuen Art von Berühmtheit, die sich völlig losgelöst hat von der realen Bedeutung oder von den Leistungen einer Person. Man ist, wie Jenny Elvers, Ariane Sommer oder gewisse Friseure sozusagen von Beruf berühmt, obwohl man eigentlich nichts Besonderes getan hat, womöglich nie etwas Besonderes tun wird und auch nicht wirklich wichtig ist.

Die Kinder haben sich, im Gegensatz zu den Friseuren, diese Art von Leben nicht ausgesucht. Leicht werden sie es nicht haben, schreibt Briscoe. Man könne fast garantieren, dass etliche von ihnen später furchtbare Drogenprobleme kriegen, unfähig zu halbwegs normalen Beziehungen sind oder vergeblich versuchen, sich für den Rest ihres Lebens auf einsamen Inseln zu verkriechen.

Um zu belegen, dass die Kinder erst in den letzten Jahren in den Vordergrund der Aufmerksamkeit gerückt sind, vergleicht die englische Autorin die Sprößlinge einer Prominentengruppe, die seit vier Jahrzehnten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks Nachwuchs produziert – die Rolling Stones. Früher hat man als Fan bestenfalls die Namen der Rolling-Stones-Kinder gekannt, noch vor 15 Jahren wusste fast niemand, wie Elizabeth Jagger oder Leah Wood aussehen. Das (mutmaßlich) siebte Kind von Mick Jagger aber, der dreijährige Lucas, ist schon ein Medienstar.

Die prominenten Eltern sind so unterschiedlich wie andere Eltern auch. Manche gehen mit den Kindern auf die Medien zu, andere schirmen sie ab. Einige benutzen die Kinder. Madonna hat Lourdes, wie fast alles in ihrem Leben, zum Teil einer perfekten Selbstinszenierung gemacht. Lourdes und ihr Bruder sind neue Facetten des Gesamtkunstwerks Madonna. Michael Jacksons Vaterschaft dagegen sollte – unter anderem – der Welt beweisen, dass er doch kein Freak ist, sondern ein normaler, erwachsener Heterosexueller. Deswegen wurde anfangs auffällig häufig betont, die Kinder seien „ganz normal" entstanden. Die Jacksonkinder haben eine Doppelfunktion – einerseits sollen sie der öffentliche Beweis sein fürs Erwachsensein ihres Vaters, andererseits sind sie wie Geschwister, die im Gefängnis der immerwährenden Kindkeit seine Einsamkeit lindern. Oskar Lafontaine hat Carl Maurice als Alibi für seinen Rückzug aus der Politik verwendet, Leo Blair dient als Beleg für die jugendliche Frische seines Vaters.

Darüber, was eine öffentliche Kindheit für die Kinder selbst bedeutet, kann man nur spekulieren. Die heutige Form von Öffentlichkeit gab es früher ja nicht. Aber die Starkinder von einst, die noch mit etwas zurückhaltenderen Medien aufwuchsen, sind erwachsen. Maria Riva zum Beispiel, die Tochter von Marlene Dietrich, schreibt in ihrer Biographie über die hoffnungslose Liebessehnsucht eines Starkinds im Schatten einer überlebensgroßen, starken, narzisstischen Mutter – erst umarmt, dann weggestoßen, mal voller Stolz vorgezeigt, dann wieder ignoriert.

Es war schon früher nicht ganz einfach. Die Kinder berühmter Eltern müssen sich fast immer mit dem Gefühl eigener Minderwertigkeit auseinandersetzen, mit der starken Persönlichkeit der Eltern, damit, dass wenig Zeit für sie da ist, mit dem Neid vieler Gleichaltriger. Und nun kommt noch das Gefühl des Beobachtetseins dazu, das Inszeniertwerden, der öffentliche Neid und der Reichtum. Das Verhältnis zum Reichtum hat sich ebenfalls verändert. In vielen älteren Biographien beschreiben die Kinder reicher, berühmter Eltern, dass es bei ihnen zu Hause verhältnismäßig bescheiden zuging, auch bei den Chaplins oder Picassos, sogar bei Sportstars. Das gehörte sich so. Bescheidenheit galt als Tugend. Heute finden die meisten es völlig in Ordnung, den eigenen Wohlstand zu zeigen. Beckham- oder Madonna-Kinder wachsen in demonstrativem Reichtum auf.

Die meisten werden niemals selber genug Geld verdienen können, um sich aus eigener Kraft den Lebensstil leisten zu können, an den sie sich gewöhnt haben. Sie bleiben ewig abhängig. Eine Unternehmertochter kann immerhin die Firma der Eltern übernehmen und weiterführen. Die Firma Madonna kann Lourdes nicht übernehmen.

Die Prominentenkinder müssen einem nicht Leid tun. Aber beneiden muss man sie auch nicht gerade.

Wir leben in einer Celebrity Culture. Berühmtheit und der Kult um das Berühmtsein sind wichtiger als jemals zuvor, weil auch Namen oder Personen eine Art Ware sind. Eine Zeit lang aber schien die Prominentenkinder eine Tabuzone zu umgeben, eine Scheu.

Einer der Gründe dafür war, dass jahrzehntelang eine der größten Medientragödien des 20. Jahrhunderts nachhallte, der Fall Lindbergh.

Charles Lindbergh war der erste moderne Medienstar. Er war der Erste, über den auf der ganzen Welt nahezu live in der Wochenschau berichtet wurde. Lindbergh flog 1927 allein über den Atlantik und blieb bis an sein Lebensende ein Held. Lindbergh war ein eher durchschnittlicher Typ, aber berühmt und reich. Er galt als Symbol für die moderne Zeit.

1931 wurde Lindberghs Sohn entführt. Die oder der Erpresser forderten Geld. Das Kind wurde nach Wochen tot gefunden. 1935 fand in Flemington, New Jersey, vor hunderten von Reportern das bis dahin größte Justizspektakel der Welt statt, der Indizienprozess gegen den mutmaßlichen Mörder des Lindbergh-Babys, den deutschen Einwanderer Bruno Richard Hauptmann. Hauptmann wurde hingerichtet, er bestritt die Tat bis zuletzt. Die Lindberghs aber wurden von dutzenden Verrückten monatelang mit Morddrohungen gegen ihren zweiten Sohn gequält, die Boulevardpresse ließ sie keinen ruhigen Schritt mehr tun – bis Amerikas großer Held endlich nach Europa floh. Das war ein Riesenskandal, und die Medien geißelten sich ausgiebig selber. Die „New York Times" schrieb: „Er nimmt Frau und Kind und sucht für sie in einem fremden Land einen sicheren Zufluchtsort." Der Verleger Randolph Hearst nannte Lindberghs Flucht „höchst ärgerlich umd entmutigend" für Amerika. Seine Zeitungen hatten zu den aggressivsten gehört, wenn es um die Lindbergh-Familie ging.

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