Zeitung Heute : „Die Ölreserven nehmen nicht zu, nur weil wir Krieg dafür führen“

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Nein, und das darf sie auch nicht werden. Wir würden nur den verhängnisvollen Fehler der Amerikaner wiederholen, die seit dem vorigen Golfkrieg bis zu 60 Milliarden Dollar jährlich für ihre Truppen am Golf ausgeben, um die Ölquellen zu sichern. Rechnet man die Militärausgaben ein, dann kostet jedes Barrel Öl aus dem arabischen Raum die Amerikaner 100 Dollar zusätzlich zum Marktpreis.

Hat nicht die ganze Welt davon mit sicheren und billigen Öllieferungen profitiert?

Vielleicht auf kurze Sicht, aber dafür geraten wir immer tiefer in die Ölfalle. Die Rohölreserven nehmen ja nicht zu, nur weil wir Krieg dafür führen. Ressourcen zu sichern heißt heute, die Energiereform vorantreiben. Hätte man diese riesigen Militärausgaben der Amerikaner und Briten, fast eine Billion Dollar seit 1991, für die Förderung der Herstellung von Biokraftstoffen, von effizienten Motoren und Solaranlagen ausgegeben, dann wären wir das ganze Problem der Abhängigkeit vom arabischen Öl längst los.

Werden wir nicht trotzdem noch lange auf Öl und Erdgas angewiesen bleiben?

Schlimm genug, darum sollten wir aufhören, noch mehr Zeit und Geld darauf zu verschwenden, eine wirtschaftliche Sackgasse militärisch zu verteidigen.

Offenbar glauben Struck und seine Berater, dass wir unseren Wohlstand nur auf diesem Weg absichern können.

Das Lied von der Alternativlosigkeit der jetzigen Energiestrukturen dient vor allem denen, die bei einem Umsteuern verlieren würden. Wie wir unsere Energieversorgung betreiben, ist keine Frage der Technologie und bei ehrlicher Rechnung auch nicht der Kosten, sondern nur des politischen Willens.

Die Nato hat 1991 die militärische Sicherung des Ressourcenzugangs zu einem der Kernziele erhoben. Ist es da nicht logisch, dass Struck dies auch auf die geplanten EU-Kampftruppen übertragen will?

Das stimmt, ich habe das auch damals kritisiert. Bisher war das zum Glück aber nur deklamatorisch, jetzt soll daraus ein militärisches Konzept werden. Wenn wir damit bei den EU-Kampftruppen anfangen, kann daraus schnell unglaublich viel mehr werden. Die Amerikaner haben zunächst auch nicht gedacht, wie teuer ihre Strategie eines Tages werden würde.

Stehen Sie mit dieser Haltung in Opposition zur eigenen Partei?

Die Partei hat diesen Vorschlag von Peter Struck nicht beschlossen, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es dafür eine Mehrheit gibt. Stellen Sie sich nur mal vor, eine andere Nation würde mit Blick auf die künftig in Europa betriebene Gewinnung von Biotreibstoffen ein militärisches Konzept dafür vorstellen, wie sie sich diesen Schatz unter den Nagel reißt, wenn Europa einmal nicht mehr freiwillig liefert. Dann erkennen Sie, wie absurd diese ganze Debatte ist.

Die Bundeswehrreform dient dem Aufbau von mobilen Eingreiftruppen. Bekämpfen Sie also Strucks Verteidigungspolitik?

Im Gegenteil, ich halte Strucks Reform im Grundsatz für richtig. Wir brauchen Krisenreaktionskräfte, um zum Beispiel gegen organisierte Vertreibung vorgehen zu können. Aber dazu bedarf es natürlich eines UN-Mandats, und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Sicherheitsrat jemals einem Krieg zur Ressourcensicherung zustimmen würde.

Hermann Scheer ist Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion und deren Fachmann für Energiestrategien.

Das Gespräch führte Harald Schumann.

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