Zeitung Heute : Die offene Rechnung wird über die Webseiten von "bitterwaitress" beglichen (Glosse)

Ralph Geisenhanslüke

Der Star kam, sah und nahm Platz mit seinem siebenköpfigen Gefolge. Das Restaurant in Manhattan wollte eigentlich gerade schließen. Doch weil man sich geschmeichelt fühlte, murrte niemand. Zweieinhalb Stunden tafelte die Runde und lobte die Küche in höchsten Tönen. Nur als es ans Bezahlen ging, fuhr der Mann im feinen Brioni-Anzug einen strikten Spar-Kurs. 10 Prozent Trinkgeld für die Kellner - in New York entspricht das etwa einem ins Gesicht geworfenen Wischlappen. Und die Gardobiere, die ebenfalls zweieinhalb Stunden länger bleiben musste, bekam von Pierce Brosnan einen ganzen Dollar.

Sie hat sich gerächt. Jetzt kann die ganze Welt nachlesen, wie "00-Cheap" sich in Manhattan benahm. Auf der Internet-Seite " bitterwaitress.com " begleicht das gastronomische Personal New Yorks jene Rechnungen, bei denen nicht genug tip, Trinkgeld also, heraus gesprungen ist. Madonna sei ein "shitty tipper" heißt es dort sarkastisch, aber eine alleinerziehende Mutter habe es nun mal nicht leicht. Auch Sean Penn oder Bürgermeister Giuliani werden für Unterlassungen angeprangert. Damit nicht genug. Medien-Leute, so ist dort zu erfahren, lassen sich gern gratis beköstigen, Konsumenten von Weißwein-Schorle sind grundsätzlich ein pain in the ass, und dem gewöhnlichen Verzehr-Volk möchte ein Kellner gern die fucking faces einschlagen.

Ahnten wir nicht schon immer, dass hinter der professionellen Freundlichkeit vieler Amerikaner psychosoziale Abgünde lauern? Pinkeln sie nicht alle heimlich in die Suppe wie Brad Pitt in "Fight Club"? Plant nicht jeder Ober sein eigenes Littleton, während er den Fisch filetiert? Es wäre kein Wunder. Denn bei Stundenlöhnen um die 3 Dollar kommt die eigentliche Bezahlung vom Gast. Jeder USA-Neuling lernt aus seinem Reiseführer, dass dort der Service nicht im Preis enthalten ist. Es genügt folglich nicht, gönnerhaft von 9,50 auf zehn Dollar aufzurunden und der Bedienung ins Dekolleté zu glotzen.

Europäer, Australier und Kanadier werden deshalb oft für Gastro-Neandertaler gehalten. Aber auch innerhalb der USA gibt es verschiedene Auffassungen. In Los Angeles zum Beispiel werden im Durchschnitt knickerige 10 Prozent gegeben. In New York wird mindestens die doppelte Mehrwertsteuer, also 16,5 Prozent, erwartet. "Jeder, der damit ein Problem hat, soll zu Burger King gehen", schreibt eine Service-Kraft am Rande des Nervenzusammenbruchs. Bei soviel Galle könnte einem der Appetit gleich ganz vergehen. Einen Nutzen aber verspricht die Internet-Seite in jedem Fall: Sie dürfte die Tafelsitten von Brioni-betuchten Männern nachhaltig verbessern. Big waitress is watching you!

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