Zeitung Heute : Die Oper in Wien und Budapest

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Die letzte Stunde unseres dreitägigen Budapest-Besuchs verbrachten meine Frau und ich noch einmal im prächtigen und geschichtsträchtigen Café Gerbeaud und achteten, einmal mehr in Budapest, nicht auf unsere Figur. Da es regnete, saßen wir drinnen, und ich, noch voller Freude über die kakanischen Eindrücke, brillierte vor meiner Frau mit meinen Menschenkenntnissen.

„Schau“, sagte ich zu ihr und zeigte diskret auf einen Herrn, der soeben das Café betreten hatte und den Gang auf mich zukam, „schau“, sagte ich, „solche Menschen findest du nur in Österreich, in Tschechien oder Ungarn. Sie sind typisch für die ehemaligen k.u.k.-Hauptstädte wie Budapest, Prag oder Wien. Unverwechselbar gehören sie hierher. Charakteristisch sind sie. Wie die Cafés oder das Schönbrunn-Gelb der Schlossmauern.“

Der Herr, der einen buschigen weißen Schnurrbart hatte, eine kühne Hakennase in einem braun gebrannten Gesicht und eine kleine braune Lederkappe trug, war inzwischen ein paar Schritte näher gekommen. Leider erkannte er mich, trat auf uns zu, entschuldigte sich, dass er uns begrüße und sagte, er sei aus Dresden und komme schon seit vielen Jahren immer wieder nach Budapest. Meine Frau verzog spöttisch die Unterlippe. Mein Mann, der Menschenkenner, schien ihr Blick zu sagen. Von wegen k.u.k.! Dresden! Sächsisch!

Später habe ich mit dem Herrn aus Dresden, einem Bauingenieur, noch ein paar Sätze gewechselt, und er hat mir etwas bedenkenswert Interessantes erzählt. Dass nämlich Budapest inzwischen auch nur noch eine der üblichen Städte sei. Richtig grau. Ja, er gebrauchte das Wort „grau“. Früher, vor der Wende, ja, da sei Budapest für jemanden aus der DDR das Nonplusultra gewesen. Schön gekleidete Menschen, elegante Frauen, hier und da Neonreklame und die Gebäude an der Donau, mitten in der Nacht fast taghell erleuchtet. Eine Glitzerstadt. „Das Paris des Ostblocks. Nach Paris konnten wir ja nicht!“, sagte er. „Und jetzt? Eine schöne Stadt, gewiss. Aber eben nicht mehr.“

Mir fiel ein, dass Städte immer auch vom Vergleich leben – Dresden gleich Elbflorenz – und dass Ungarn, als es noch den Ostblock gab, als fröhlichste Baracke im Straflager Ost galt. Hier war Freiheit, hier war Leben, Wein, Gulasch-Kommunismus, Zigeunermusik, Mode – eben das Paris des Ostens. Schließlich hat ja, wenn man es recht bedenkt, Ungarn das Ende der DDR eingeleitet und eingeläutet, als es die Grenzen für seine ostdeutschen Touristen nach Österreich öffnete.

Die Ungarn, die ein wunderbares Deutsch sprechen, indem sie die Vorsilben bétonen (das klingt dann wie Betton), lieben Vergleiche und leben von Vergleichen. Diese stolze, unbändige und aufmüpfige Nation hat gegen die übermächtigen Österreicher so lange Aufstände und Revolutionen gemacht (die berühmteste 1848 mit Kossuth an der Spitze), bis es 1867 zum gleichberechtigten, fast gleichberechtigten Teil der Doppeladler-Monarchie aus Österreich und Ungarn wurde. Otto von Habsburg, der im Europaparlament war, soll, als eine Sitzung wegen einer Fußballländerspiel-Übertragung ausfiel, gefragt haben, wer denn spiele. Und als ihm „Österreich – Ungarn“ geantwortet wurde, nachgefragt haben: „Gegen wen?“

Jedenfalls freuen sich die Budapester immer, wenn man Budapest mit Wien vergleicht, und sie nicken, wenn man sagt, es sei eigentlich das schönere Wien. Ganz klar, weil die Donau hier in Budapest mitten durch die Stadt fließe. Und das sei wie mit der Moldau in Prag. Und so weiter.

Auch lieben die Ungarn alles größer und prächtiger, und eigentlich hat ihr unbändiger Nationalstolz sie immer ein bisschen auch über ihre Verhältnisse leben lassen. Jedenfalls auf großem Fuß.

Nehmen wir zum Beispiel das Parlament, das seine gewaltige Kuppel und neogotisch zackige Silhouette in den Himmel über die Donau reckt, wenn man von der Seite Budas auf Pest blickt. Es soll das größte Parlamentsgebäude Europas sein, und als es von 1884 bis 1902 gebaut wurde, durften noch nicht einmal zehn Prozent der Ungarn die Parlamentarier für diesen riesigen, an Westminster orientierten Prachtbau wählen.

Noch lieber erzählen einem die Budapester die Geschichte ihrer Oper, an der übrigens Gustav Mahler Chef war, bevor er die Wiener Oper übernahm. Und bis 1952, als es den Ungarn im Stalinismus besonders dreckig ging, dirigierte hier immerhin Otto Klemperer. Die Oper, ihr wunderbares Orchester, die herrlichen Stimmen, das war der ganze Stolz der Ungarn, neben der Literatur und den Nobelpreisträgern und dem Freiheitsdrang. Bei dem Parlament steht übrigens nicht nur ein Denkmal von Kossuth, sondern auch ein Mahnmal für die Opfer des gewaltigsten Aufstands gegen das Sowjetimperium, der Budapester Revolution von 1956, die blutig niedergeschlagen wurde.

Doch zurück zur Oper und zur Lieblingsvergleichsgeschichte der Budapester. Die Wiener also hatten ihr Hofopernhaus zwischen 1861 und 1869 von den Architekten van der Nüll und Siccardsburg erbauen lassen, ein Prachtbau am Opernring im Stil der französischen Renaissance. 2347 Zuschauer passen da hinein, von den prächtigen Logen hinauf bis zur Galerie, in der die Studenten stehen.

Und so eine Oper wollten die Budapester auch. Mindestens so eine! Und der Kaiser, es war der unendlich lang regierende Franz Joseph, breiteren Schichten auch heute noch als Gemahl von Sissi erinnerlich, war auch König von Ungarn. Und so erlaubte er seinen ungarischen Untertanen huldvoll den Bau einer Oper. Unter einer Bedingung: Sie durfte nicht ganz so groß werden wie die Oper in Wien.

Und so baute der ungarische Architekt Miklós Ybl von 1875 bis 1884, ebenfalls als Neo-Renaissance-Bau, an der Andrássy Prachtstraße die Budapester Oper. Die Deckengemälde sind üppig, alles glänzt golden, 1,4 Kilo Blattgold sollen hier verarbeitet sein – inzwischen ist die Oper in allem Prunk renoviert, große Musik erklingt hier auf großem Fuße.

Und als der Kaiser aus Wien als König von Ungarn in Budapest zur feierlichen Eröffnung kam und in seine prachtvolle Mittelloge schritt, vorbei an den Statuen Ferenc Erkels (des Komponisten der schwerblütigen ungarischen Nationalhymne) und Franz Liszts (des ungekrönten Kaisers der ungarischen Musik mit seiner silberweißen Haarkrone), und als er die gewaltigen Kronleuchter sah und die allegorisch bemalten Decken, da soll er gesagt haben: Nein, größer als die in Wien ist diese Oper nicht! Nein, nicht größer! Aber prächtiger! Aber schöner! Man sieht, welch widersprüchliche Gefühle Kaiser und Könige haben, wenn es um ihre Liebe und Huld zu zweierlei Landeskindern geht.

Verschiedene Budapester haben mir die Geschichte voller Freude und Schadenfreude erzählt, so dass ich sie glauben muss. Und in der Oper, wo Ostern Wagners „Parsifal“ vom heiligen Gral sang, war eine Ausstellung der Geschichte des Opernballs zu sehen. Und ich ahnte, dass er mindestens so prunkvoll sein muss wie der Wiener. Mindestens! Spätestens eines Tages! Und dass hier auf großem Fuß getanzt wird. Walzer und ungarische Tänze.

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