Zeitung Heute : Die Operation Milchstraße

Ein Mecklenburger Bauer rebelliert in Berlin

Sandra Dassler

Er tut es einfach, das Undenkbare, auch wenn Siek Postma vor sich selbst erschrickt. Weil er so rein gar nichts mehr empfindet, als er die Milch aus der grauen Aluminiumkanne auf die Straße kippt. Vor einer Woche hat er noch gedacht, so etwas könne man als Bauer nicht ertragen. Und seine Frau hat geweint, als sie auf dem heimischen Hof bei Bad Doberan zum ersten Mal die Milch vom Melkstand direkt in die Gülle leiteten. In die Gülle!

Siek Postma war 16 Stunden auf den Beinen, als er am Montagabend mit fünf Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern in Berlin, gleich neben dem Gendarmenmarkt ankam. Hier sitzt der Milchindustrieverband. Dem werfen die meisten Milchbauern vor, dass er die Verhandlungen für höhere Milchpreise nur zögerlich führe, während sie ausbluten. Und deshalb sind sie wütend, wütender noch als zuvor. Sie liefern schon seit Tagen nicht mehr und blockieren Molkereien. Sie kaufen die Milchregale in Märkten leer und verschenken die Milch an Obdachlosentafeln oder Krankenhäuser. Oder schütten sie auf Feldern aus oder auf Straßen.

Wie Postma. „Wir können jetzt nicht aufhören“, sagt er, „so eine Solidarität gibt es nie wieder. Und wenn wir es nicht schaffen, mehr Geld für die Milch zu bekommen, gehen wir sowieso früher oder später kaputt.“ Deshalb ist der 61-Jährige an diesem Montag um vier Uhr aufgestanden und von seinem Hof in Lambrechtshagen ins 70 Kilometer entfernte Upahl gefahren. Dort blockieren etwa 70 Bauern seit Tagen die Hansa-Molkerei.

Um acht fuhr er zurück – zur Krisensitzung aller Mecklenburger Protestler nach Hohen Lukow bei Bad Doberan. Aus allen Landkreisen kamen Vertreter, werteten das Wochenende aus, besprachen weitere Aktionen. Einer von ihnen hatte einen vollen Tankzug vor der Tür stehen, den er wegen der Molkerei-Blockaden nicht loswurde. Der hatte die Idee: „Ich fahre damit nach Berlin und lass’ die Milch am Brandenburger Tor ab.“

Postma fuhr mit. Unterwegs kamen ihnen Bedenken. Wie sollten sie mit dem großen Tankzug bis zum Brandenburger Tor kommen? Also fuhren sie zum Kurfürstendamm. Doch bevor ihr Pressebeauftragter die Berliner Medien informiert hatte, war das Ordnungsamt des Bezirks schon da. Also weiter, zum Gendarmenmarkt, in die Jägerstraße. Gegen 18 Uhr kamen Kameraleute und Fotografen. Einen Moment hätten sie noch gezögert, sagt Postma. „Ich hatte Angst, dass uns die Passanten beschimpfen, weil wir die Milch wegschütten, während in der Dritten Welt die Kinder verhungern.“ Aber dann haben sie den Hahn aufgedreht.

Siek Postma, der mit seinem gestreiften Hemd, der kräftigen Figur und den kurzen Haaren das Urbild des mecklenburgischen Bauern verkörpert, wurde nicht beschimpft. Ein Mann, der auf dem Fahrrad an ihm vorbeifuhr, rief: „Jungs, macht weiter! Viel Erfolg.“ Drei Touristinnen waren zaghafter, es sei „schon schrecklich, wenn Milch auf die Straße läuft“. Die Berliner Polizisten waren voller Bewunderung. „Respekt, wie ihr das mit den Blockaden hinkriegt“, sagte einer: „Das ist Logistik! Wir hätten euch beim G-8-Gipfel einsetzen sollen – der Staat hätte Millionen Euro gespart.“

Siek Postma fühlte sich geschmeichelt, dann kam der nächste Anruf: Verstärkung nötig, in Waren an der Müritz! Postma vermittelte zwischen aufgebrachten Blockierern und der Polizei. Um ein Uhr nachts lag Postma endlich neben seiner Frau im heimischen Bett.

5000 Kilometer ist er seit Beginn der Aktionen gefahren, hat Tausende Euro wegen des Lieferboykotts verloren, „Wir Bauern haben keine Streikkasse“, sagt er. Trotzdem will er weitermachen. Zwei seiner drei Söhne studieren Agrarwirtschaft, die sollen eine Zukunft haben.

Dienstag, um vier Uhr, stand er wieder auf. Fuhr wieder nach Upahl zur Molkereiblockade, später zur Krisensitzung. Gestern Mittag verhandelte er mit der Molkerei in Waren. An diesem Mittwoch, sagt er, komme er wieder nach Berlin.

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