Zeitung Heute : Die Opposition taucht auf

Wahlkampf in Weißrussland

Thomas Roser[Lepel]

Bei der Frage nach dem Schlüssel zucken die Leute mit den Schultern. Die Einfahrt zum Marktplatz bleibt dem Kleintransporter aus Minsk verwehrt. Ein Vorhängeschloss hängt an der Kette des Tores. Zu Fuß müssen die Wahlkampfhelfer von Alexander Milinkiewitsch den Generator, Kabel und Lautsprecher auf den vereisten Platz tragen.

In den Eiszapfen, die von den Dächern der Holzhäuser hängen, bricht sich die Mittagssonne. Lepel, Weißrussland, 20 000 Einwohner. Leise nimmt die Videokamera eines Milizbeamten in Zivil die Ankömmlinge und Schaulustige ins Visier. Eine Markthändlerin sagt: „Alle haben Angst“, dann zeigt sie auf den mit dem Bürgermeister tuschelnden Polizeichef.

Zwölf Jahre schon regiert Staatschef Alexander Lukaschenko. Mit einem Wahlsieg hofft der frühere Kolchose-Chef, sich am 19. März den Weg zu einer Präsidentschaft auf Lebenszeit zu bahnen. Fernsehen und Radio hat er gleichgeschaltet, die Presse geknebelt. Er pflegt Wahlergebnisse zu fälschen – unter den landesweit 74 000 Wahlhelfern sind nur zwei Mitglieder oppositioneller Parteien – und Widersacher inhaftieren zu lassen. Wohl auch auf Druck Moskaus hat er zur Wahrung der demokratischen Fassade dennoch drei Gegenkandidaten und selbst internationale Wahlbeobachter zugelassen.

Als „Kandidat der demokratischen Kräfte Weißrusslands“ kündigt ein lokaler Oppositionspolitiker Milinkiewitsch an. Kein Beifall, eisiges Schweigen. „Kommt näher, ich kann ja nicht einmal eure Gesichter sehen“, sagt er. Eine Frau mit vergoldeten Schneidezähnen ruft: „Wie viel hat man Ihnen bezahlt, dass Sie unser Land verraten?“ Ein Mitglied des Stadtsowjets: „Wir stimmen hier für Lukaschenko, denn Ihre Ausländer helfen uns nicht!“ Eine Alte: „Wenn Sie an die Macht kommen, steigt die Arbeitslosigkeit auf 100 Prozent!“ Die Krakeeler seien „alle bezahlt“, flüstert eine Frau mit Sonnenbrille.

Einen Stimmenanteil bis zu 80 Prozent für Lukaschenko sagen die staatlichen Meinungsforscher voraus, unabhängige Umfragen kommen auf 55 Prozent. Die Zustimmung für den von den wichtigsten Oppositionsparteien nominierten Milinkiewitsch liegt bei 20 Prozent. Mit jeweils zwei Prozent werden die beiden anderen Kandidaten notiert: der frühere Minsker Universitätsrektor Alexander Kosulin und Sergej Gajdukjewitsch von der Liberaldemokratischen Partei.

Milinkiewitsch, 58, Physikprofessor, ist geduldig, er lässt sich nicht provozieren. Er denke keineswegs an eine „Ausverkaufs-Privatisierung“, sagt er. Er wolle „normale Beziehungen“, antwortet er auf die Unterstellung, er werde das Land in die Nato führen.

Auf 30 000 Dollar ist das Wahlkampfbudget jedes Kandidaten per Gesetz beschränkt. „Wir machen uns keine Illusionen, dass wir die Wahlen gewinnen können“, sagt Milinkiewitschs Wahlkampfleiter: „Für uns ist es ein Erfolg, wenn wir die Angst der Leute brechen können.“

Das Mikrofon ist abgebaut. Ein gutes Dutzend Sympathisanten schart sich zum Abschied um Milinkiewitsch, macht Erinnerungsfotos und bittet um Autogramme. „Wenn wir hier zwei Seelen gewonnen haben, hat sich der Tag gelohnt“, sagt sein Wahlkampfleiter. Mit Lukaschenko könne man nie diskutieren, der halte das Volk „auf Abstand“, sagt eine Frau, sie will Milinkiewitsch wählen. „Er riecht nach Demokratie.“ Kaum ist der letzte Lautsprecher eingeladen, findet sich auch der verschwundene Schlüssel für das Eingangstor wieder. Es steht offen, als die Autokolonne der Opposition durch die Schlaglöcher zum Ortsausgang rumpelt.

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