Zeitung Heute : Die Oscar-Piraten

Der Tagesspiegel

Von Gregor Wildermann

Wenn in Los Angeles am Sonntag zum 74. Mal die Oscar-Statuen in 25 Preiskategorien verteilt werden, stehen mehrere Premieren an. Denn zum ersten Mal werden die in gut 20 Stunden Handarbeit gefertigten Goldstatuen im neu gebauten Kodak Theatre verliehen und auf jedem der 3 500 Plätze dürfte die Frage diskutiert werden, wer den Preis für den besten Film des Jahres erhält.

Ist es „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe, der „Herr der Ringe“ oder der Baz-Luhrmann-Film „Moulin Rouge“? Für eine Art inoffizielle Premiere sorgen Tausende von Filmfans, die diese Frage schon längst für sich selbst beantwortet haben. Dafür gingen sie jedoch weder ins nächste Kino, noch kauften sie sich die entsprechende DVD oder das Video. Sie suchen ihre Lieblingsfilme unter der Kategorie „Moviez“ auf entsprechenden Webseiten heraus und laden diese auf den eigenen Rechner. Nachdem die Musiktauschbörse Napster und seine Klone für die Musikindustrie zum Alptraum wurden, muss nun auch die Filmindustrie immer mehr Einbußen verzeichnen. Datentauschdienste wie Morpheus, Grokster oder Kaaza erfreuen sich größter Beliebtheit und nutzen die Technologie, die mit Napster ihren Durchbruch feierte.

Andere Anbieter wie eDonkey2000 oder Sharereactor geben lediglich Linkhinweise zu den entsprechenden Downloads und nutzen bewusst eine Rechtslücke, die jedem User einen nahezu kostenlosen Hollywood-Abend beschert. Auch die deutsche Rechtsprechung hat in der Diskussion um die Rechtmäßigkeit von Downloads aus dem Internet eine gravierende Schwäche: Sie erkennt eine Datei nicht als „körperliches Werkstück“ an.

Da viele „Moviez“ auf den entsprechenden Seiten nur als Link zu weiteren Einzelpaketen fungieren, entsteht an der primären Schlüsselstelle des Anbieters der Eindruck, er selber habe den kompletten Film ja gar nicht angeboten. Auch der Anwender könnte sich auf der sicheren Seite sehen, da er ja nur diese Datenpakete einsammelt und erst durch eine spezielle Software wieder zusammenfügt. In der EU ist das Problem schon länger bekannt. Eine Richtlinie hat alle Teilnehmerstaaten dazu aufgefordert, ihr entsprechendes Urhebergesetz auf den neuesten Stand zu bringen.

Das Kinovergnügen aus dem Netz kann aber nicht wirklich mit dem realen Besuch mithalten. Die im Netz erhältlichen Filme sind häufig von durchschnittlicher Qualität, da viele der Zelluloidwerke direkt im Kino abgefilmt wurden, in manchen Fällen sogar das hustende Kinopublikum zu hören ist. Die Verbreitung von DVDs führt jedoch zu immer besseren Raubkopien, die dann trotz Kopierschutz als Download im Netz zu finden sind. Auch hier erlaubt das Urhebergesetz die Erstellung von Sicherheitskopien zur Verwendung von „eigenen Zwecken“. Darin enthalten sind bis zu drei Kopien. Auch der engere Bekanntenkreis fällt unter diese Privatsphäre. Zur straffreien Weiterleitung innerhalb dieses Personenkreises muss gewährleistet sein, dass diese Kopien nicht gegen ein Entgelt weitergereicht wurden. Sonst wird der Tatbestand der Raubkopie-Erstellung erfüllt. Es drohen Geldstrafen oder sogar Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren. Eine Neufassung des Gesetzestextes wird bald beinhalten, dass allein das Angebot eines Downloads der Zustimmung des entsprechenden Urhebers, also des Filmstudios bedarf. Jeder Internetnutzer muss sich im Klaren sein, dass im Netz angebotene Filme mit Sicherheit gegen die Interessen des entsprechenden Filmstudios verstoßen.

Der Verband der US-Filmindustrie MPAA (Motion Picture Association of America) hat mittlerweile eine eigene Abteilung, die Rechtsverstöße im Internet überprüft und versucht dabei, Provider zu rigorosem Durchgreifen gegen bestimmte Netzseiten anzuhalten. So fällt das Newsgroup-Angebot von T-Online schon deutlich schmäler aus als bei kleineren Providern wie zum Beispiel Snafu in Berlin. Gerade in diesen Newsgroups mit Titeln wie alt.binaries.vcd (VCD als Abkürzung für Video-CD) werden entsprechende Downloadseiten oder komplette Filme angeboten. Besonders Fernsehserien werden über diese Newsgroups gerne gehandelt, da die entsprechende Datenmengen durch die kürzere Spieldauer auch entsprechend einfacher in der Handhabung sind.

Hauptmotiv für den Download einer qualitativ schlechten Kopie eines Kino-Blockbusters sind für Filmfans die unterschiedlichen Starttermine, die bis zu einem halben Jahr auseinander liegen. Der Star-Wars-Film „Episode 1“ war schon zum offiziellen US-Filmstart weltweit im Netz zu sehen.

Daraus scheinen George Lucas und die 20th Century Fox gelernt zu haben, denn „Episode 2 – Angriff der Klonkrieger“ kommt wenige Tage nach dem Start in den USA am 23.Mai auch in die deutschen Kinos. Was niemand davon abhalten dürfte, diesen Film in den galaktischen Weiten des Internets schon vorher zu suchen.

Im Internet: www.oscars.org
www.sharereactor.com
www.grokster.com

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