Zeitung Heute : Die Ostsee schrumpft für die Insulaner - in 80 Minuten vom südschwedischen Hafen Ystad bis zur Inselhauptstadt

Horst Schwartz

Mit gemischten Gefühlen erwarten die Bornholmer die Schnellfähre, die von April kommenden Jahres an die Inselhauptstadt mit dem südschwedischen Hafen Ystad verbinden wird. Die Überfahrt soll dann nur noch 80 Minuten statt der jetzt zweieinhalb Stunden dauern. Das wäre kaum der Rede wert, würde nicht auch kommenden Sommer die neue feste Verbindung über den Oresund zwischen Dänemark und Schweden ihrer Bestimmung übergeben. Dann beträgt die Fahrzeit von Kopenhagen nach Ystad nur noch 70 Minuten, und die Hauptstädter erreichen in insgesamt zweieinhalb Stunden die vor der schwedischen Küste liegende Insel Bornholm. Derzeit brauchen die konventionellen Direktfähren von Kopenhagen nach Rönne tagsüber sechs und nachts sieben Stunden.

"Das Ende einer psychologischen Barriere", erhofft sich Kaj P. Dinesen, Direktor der staatlichen Reederei Bornholms Trafikkens, die die neue Fähre betreibt: "Bornholm ist dann für die Kopenhagener kein Ort mehr, der weit, weit weg vom Festland liegt . . ." Die Insel kann übers Wochenende bequem besucht werden. Wochenend-Touristen sind es denn auch, die sich Søren Petersen, Marketing-Direktor der Vermarktungsgesellschaft Destination Bornholm, durch die neue Verbindung ausrechnet.

Und diese kann Bornholm in der Nebensaison gut brauchen. "Die einzelnen touristischen Attraktionen auf der Insel brauchen dringend mehr Umsatz in der Nebensaison, um tragfähig zu werden", gibt er zu bedenken, "vom Hochsaison-Pegel allein, der sicher manchmal zu hoch ist, kann die Insel nicht leben." Petersen rechnet damit, dass sich zahlreiche Seeländer und vor allem Kopenhagener Sommerhäuser auf Bornholm kaufen werden, da hier die Immobilienpreise bei weitem nicht so hoch sind wie auf Seeland. Petersen: "Das wiederum wird die kleinen Hafenstädte beleben."

Genau an dieser Stelle setzt die Kritik der Gegner der Schnellfähre ein, deren Stimme auf Bornholm nicht zu überhören ist: Zum einen schießen jetzt schon die Grundstückspreise in die Höhe, zum anderen befürchten sie, dass ihre Landsleute die Insel überrennen. Immerhin kann die 40 Knoten schnelle Fähre 1000 Passagiere und 186 Autos beziehungsweise 118 Autos und zehn Busse transportieren, in der Hochsaison bis zu fünf Mal am Tag. Dass damit Überkapazitäten geschaffen werden, die zum Ausverkauf der Insel führen könnten, bestreitet Petersen: "Im gleichen Maße werden von Bornholms Trafikken die bisherigen Fährkapazitäten abgebaut." Petersen kalkuliert, dass spätestens nach einem Jahr zumindest die Nachtverbindung Kopenhagen-Rønne eingestellt wird.

Die neue Katamaran-Fähre wurde bei einer australischen Werft gebaut. Sie wird von zwei Gasturbinen angetrieben, die als umweltfreundlicher als herkömmliche Dieselmotoren gelten, platzsparender konstruiert sind und weniger Wartung erfordern. Die Turbinen treiben vier "Waterjets" an, die Meerwasser ansaugen und es strahlförmig am Heck mit hoher Geschwindigkeit austreiben. Im Vergleich zu Dieselmotoren arbeiten die Turbinen nahezu schwingungsfrei und erzeugen nur geringen Lärm. Ein "Ocean Leveller-System" soll, so verspricht die Reederei, das Schiff bei starkem Seegang stabilisieren.

Wie die drei konventionellen Fähren der Reederei, "Povl Anker", "Jens Kofoed" und "Peder Olsen" - allesamt nach Bornholmer Nationalhelden aus dem Freiheitskampf von 1658 gegen die Schweden benannt -, wird die Schnellfähre über moderne Sicherheitseinrichtungen verfügen und ähnlich großzügig mit Salons und Restaurants ausgestattet sein.

Die Befürworter der neuen Schnellverbindung erhoffen sich von der gestiegenen Nachfrage einen Innovationsschub zur Verbesserung des Angebots. "Das Produkt Ferienhaus war auf Bornholm bisher sehr homogen", umreißt Bernd Muckenschnabel, Deutschland-Geschäftsführer des Ferienhausanbieters Novasol, die Situation. "Höhere bis hohe Qualität fehlt, und die wenigen Häuser mit Schwimmbad und Whirlpool sind zu teuer." Die höheren Ansprüche der Hauptstadt-Klientel und das auf die Insel fließende Kapital werden, so hofft der Ferienhaus-Manager, zu besserer Qualität führen. Das hoffen auch die Bornholm-Kritiker, die seit Jahr und Tag beklagen, dass die Hoteliers der Insel in ihre Häuser stets nur das Nötigste investieren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben