Zeitung Heute : Die P-Frage: Gesine Schwan

Hans Monath

Die Gesine Schwan, die die Menschen in Deutschland seit ihrer Präsentation durch den Kanzler am 4. März kennen gelernt haben, fällt zuallererst durch ihren Optimismus auf. Von der Bürde der Politik, von der Schwere von Entscheidungen ist wenig zu spüren, wenn die Professorin auftritt. Gelacht wird immer, und das ist kein Zeichen von Unernst. Wer ihr nicht begegnet ist, hat nachgelesen, dass sie ihr ganzes Leben umgetrieben wurde von der Frage, wie Menschen zusammenleben und die Welt zum Besseren verändern können. Sie steht dafür: Es kann gelingen. Immer.

Natürlich sagt sie, dass auch der Coup am 23. Mai gelingen kann, gegen die Mehrheit in der Bundesversammlung. Zyniker des politischen Betriebs fragen sich dagegen: Was bekommt die Frau vom Kanzler dafür, dass sie für seine Koalition in ein aussichtsloses Rennen geht? Geld für ihre Uni in Frankfurt an der Oder? Oder darf sie als Lohn für ihre Werbetournee für den 23. Mai wenig später Bildungsministerin Edelgard Bulmahn im Kabinett beerben?

Weniger materialistische Beobachter hören ihren Argumenten zu. Manche fragen sich, warum sie nicht schon früher auf die Politikwissenschaftlerin aufmerksam geworden sind. Nach 14 Tagen Dauer-Auftritten vor Parteigremien und Kameras, nach Zeitungsinterviews und Talkshow-Besuchen schält sich eine Grundbotschaft heraus. Sie lautet: Wer nur über Reformen redet, kriegt die notwendigen Reformen erst recht nicht hin.

Daraus spricht zunächst einmal Verständnis für ein verunsichertes Land, dessen Menschen seit Jahren unter einem Trommelfeuer von Forderungen nach radikalen Veränderungen leben. Vor lauter Reden über den demografischen Faktor, Lohnstückkosten, Innovationen oder Eckrentner sehen sie aber weder das Ziel der Zumutungen noch den Grund, warum sie ganz persönlich auf etwas verzichten sollen. Wenn Gesine Schwan ihre Leitbegriffe „Würde, Selbstwertgefühl, Ehrlichkeit“ intoniert, plädiert sie gegen eine technologische, ökonomische Verkürzung der Debatte dafür, wieder einen erfahrbaren Zusammenhang von Politik in Deutschland herzustellen, in dem die Menschen sich als Handelnde erkennen. Das ist ein ehrgeiziges Programm.

Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie damit auch den Bundeskanzler meint. Sie spricht die Kritik aus, wenn er danebensteht. Und doch ist es kein persönlicher Angriff, denn sie macht ja deutlich, dass für sie nicht nur Gerhard Schröder etwas versäumt. Er leidet nur an einer verbreiteten Krankheit.

Zwar ist sie Sozialdemokratin. Doch ihre Kritik einer Politik, die gegenüber der Ökonomie abdankt, spricht auch Bürgerliche an. Das Publikum lernt eine Kandidatin kennen, an der die Leidenschaft ihres öffentlichen Engagements für Politik, Wissenschaft, Ost-Kontakte wichtiger ist als ihre politische Herkunft. Sie zeigt: Die Demokratie der selbstbewussten Bürger ist nicht nur eine Phrase für Sonntagsreden.

Attraktiv für die Wahlmänner und -frauen von Union und FDP am 23. Mai war das aber nur so lange, wie sie sich nicht in einer Streitfrage für ihre Seite, die politische Linke, entschied. Das hat sie getan mit ihrer Warnung vor dem Zentrum für Vertreibungen. Taktische Rücksichten liegen ihr nicht.

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