Zeitung Heute : Die P-Frage: Horst Köhler

Seit zwei Wochen sind Gesine Schwan und Horst Köhler jetzt für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Erste Eindrücke gibt es schon. Die Kandidatin von Rot-Grün und der Kandidat von Union und FDP werben für sich – ein Duell auf Distanz. Und viele andere mischen sich ein. Eine Zwischenbilanz.

Robert von Rimscha

Der Horst Köhler, den die Deutschen seit seiner Nominierung am 4. März kennen gelernt haben, ist weit mehr als der Finanz-Technokrat in Diensten Helmut Kohls oder des Internationalen Währungsfonds. Köhler hat versucht, eine Brücke zu bauen. Die von den Erfahrungen, die er in fünfeinhalb Jahren außerhalb Deutschlands gesammelt hat, zu dem, was er nun – so seine Standardfomulierung – dem Land zurückgeben möchte.

Das hat viel mit Reformen und mit Ökonomie zu tun, soll nun aber nicht mehr als Selbstzweck erscheinen, sondern als dringend nötiges Rüstzeug für eine erfolgreiche Zukunft der Republik. Nicht mehr, nicht weniger. Diese Fallhöhe seiner Mission, diese Ableitung aus seiner Biografie hat Köhler am eindringlichsten deutlich gemacht, als es fast Mitternacht war und die Deutschen ihren künftigen Vielleicht-Präsidenten im ZDF begutachteten. Da fielen Sätze wie jener, er bleibe nie bei halben Lösungen stehen, er verlange tatsächliche Problembewältigung, er lehne Politik ab, die Placebos verteile. Er will offenbar etwas sein: ungeduldig.

Im Schwäbischen, wo das rumäniendeutsche Flüchtlingskind eine zweite Heimat fand, gibt es für Fremde die unschönen Etiketten „Reingeschmeckte“ und „Hergelaufene“. Ob die Deutschen nun einen mahnenden Weckruf von außen herbeisehnen, bleibt fraglich. Da war es umso hilfreicher, dass das mögliche Präsidentenpaar seinem möglichen Volk auch Einblicke in jene Aspekte des privaten Lebens eröffnete, die nicht planbar sind, wo ökonomische Effizienz und Rationalität versagen.

So souverän, wie das Paar Schwan-Eigen mit Leid und Reife umgeht, wirkten die Köhlers nicht. Dennoch hörte mancher auf, als sie berichteten: Von seinen sieben Geschwistern, die alle keine Akademiker wurden, von ihrem Lehrerinnen-Leben als SPD-Mitglied, von der erblindeten Tochter, von dem früh Vater gewordenen Sohn. Eine Episode, die ihm „schon ein wenig peinlich“ sei, bekannte Köhler. Weg waren Globalisierung und Strukturreform.

Deren Betonung, wenn immer es um Inhalte geht, dazu vorsichtige Mahnungen für Zuwanderung und für Genforschung haben Köhler den Ruf eines Liberalen beschert. Die FDP ist hoch zufrieden mit ihm. Dass Köhler Angela Merkel zu seiner Wunsch-Kanzlerin ausrief, hat in der CSU für Ärger gesorgt und bei Rot-Grün den Vorwurf der Parteilichkeit herausgefordert. Merkel revanchierte sich mit dem bemerkenswerten Satz, der Kandidat habe doch nur sagen wollen, er könne „unter“ einem Unions-Kanzler ebenso gut leben wie „unter“ dem jetzigen Regierungschef von der SPD. Für Puristen in verfassungsrechtlichen Fragen sind wohl beide Einlassungen, die Köhlers für Merkel wie die Merkels für Köhler unter ihr, ein Affront. So richtig erregt hat sich die Republik indes nicht. Denn für politisch zutreffend halten wohl viele diese beiden Äußerungen.

Die ersten zwei Wochen des Beschnupperns sind vorbei. Der erste, der wichtigste Eindruck – er steht. Und der „Reingeschmeckte“ selbst hat Witterung aufgenommen. Wie es aussieht, hat er Geschmack am möglichen künftigen Job gefunden.

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