Zeitung Heute : Die Pack station

Bei QVC kann man 24 Stunden am Tag konsumieren – und muss dafür nicht mal das Haus verlassen. Ein Besuch bei echten Verkaufsprofis.

-

Von Esther Kogelboom Es ist Weihnachtszeit, auch beim TeleshoppingKanal QVC. QVC bedeutet „Quality, Value, Convenience“ – Qualität, Wert, Bequemlichkeit. Man sieht ein, zwei oder drei Dinge im Fernsehen, ruft eine kostenfreie Nummer an, wenige Tage später kommt das Paket mit der eigentlich überflüssigen Porzellanfigur, der flauschigen Nerz-Imitat-Sofadecke oder der Anti-Falten-Creme ins Haus. QVC sendet 24 Stunden live aus Düsseldorf über Kabel, darauf kann man sich verlassen. Vielleicht muss man nach Düsseldorf fahren, um zu begreifen, wie das Prinzip Weihnachtsverkauf funktioniert – in einer Saison, in der vielen Deutschen eigentlich die Lust am Konsum vergangen ist.

Das Sendehaus steht grau in grau nahe des neuen Düsseldorfer Medienhafens an der Plockstraße. Die kleine Empfangshalle liegt unmittelbar neben der Kantine, Schleifen und Tannenzweige überall, drei weißhaarige Damen warten darauf, dass sie jemand durch die Studios führt. Sie haben eine Besichtigungstour gebucht und halten große Einkaufstaschen in den Händen, dabei kann man hier im Sendezentrum gar nichts kaufen. Über ihnen hängen Fernseher, auf denen tonlos das aktuelle Programm läuft. Mittagszeit, es duftet nicht etwa nach Tannengrün, sondern winterlich-deftig nach Bratwurst.

Seit Juli sendet die Tochterfirma des US-amerikanischen Konzerns QVC inc. immer am 24. eines Monats rund um die Uhr nur Programme, in denen No-Name- oder QVC-Eigenmarken-Weihnachtsaccessoires angeboten werden. Besonders gut geht die „Thomas Pacconi“-Kollektion mit dem „handbemalten“ Baumschmuck. QVC-Eigenmarken tragen Namen wie „Diamonique“, „Bella Ringella“ oder „Delicata“. Die „Thomas Pacconi“-Anhänger sehen nicht so aus, als würden sie viele Weihnachten überleben.

Die Moderatoren des Senders kennen ihre Kundschaft ganz genau. Sie wissen zum Beispiel, dass ältere Damen im Winter oft kalte Füße haben, außerdem eine nachweisbare Vorliebe für seitlich geschlitzte Blusen (die tragen am Bauch nicht auf), immer alles ganz genau erklärt haben wollen und meistens das Mittagessen vorbereiten, wenn der Paketbote an der Tür klingelt. Sie kennen ihren Humor, ihre Lebensgewohnheiten, ihren Geschmack. Der Beweis sind die 40000 Anrufe, die im Schnitt in den Callcentern Bochum und Kassel pro Tag gezählt werden. 2003 haben die Logistiker im Distributionslager Hückelhoven bei Aachen 7,8 Millionen Päckchen vom Hermes-Versand verschicken lassen. Gut 2300 Menschen arbeiten daran, dass das Programm nie aufhört.

QVC-Moderatoren heißen in der Sendersprache „Hosts“ und sind – das muss in aller Deutlichkeit gesagt werden – extrem begabte Vollprofis in den Disziplinen Multitasking und Verkauf: Es ist ziemlich beeindruckend, wie sie tausend Dinge gleichzeitig tun. Zum Beispiel Verena Bill, eine sympathische Blondine (die rechts außen im Bild im Bett sitzt). Unter ihren langen Haaren hat Bill einen Knopf im Ohr, über den der Aufnahmeleiter ihr sagt, wie viele Exemplare des zu verkaufenden Produktes noch vorrätig sind. Direkt vor ihr stehen zwei Kameras und Monitore, an denen Lämpchen blinken, Assistenten laufen durchs Studio und bringen neue Bettwäsche, begeisterte Anruferinnen werden ins Studio durchgestellt, der Dialog mit der Vertreterin von „Polysoft“, Helga Herrmann, (links im Bild) muss spontan und fröhlich wirken, darf vor allem nicht abreißen.

Bill redet, wie eine Flipperkugel rollt: Sie schnellt blitzschnell zwischen den verschiedenen Vorzügen eines Produkts hin und her. „Backyard selling“ heißt das, hat QVC-Chef Ulrich Flatten mal erklärt – der Verkauf funktioniere wie ein angeregtes Gespräch unter Nachbarn am Gartenzaun. Es ist ein Gespräch unter Menschen, die sich im Idealfall blind vertrauen.

Auffällig viele Damen um die 60 gucken QVC, weil das so ähnlich ist wie eine Kaffeefahrt, für die man nicht einmal in einen Bus steigen und schließlich in einem zugigen Landgasthof ausharren muss. Banal, aber wahr: Wer per Fernseher und Telefon einkauft, muss nicht das Haus verlassen. Man kann es alleine tun oder mit dem Kaffeekränzchen, und immer ist es so, als hole man sich mit der Fernbedienung eine gute Freundin ins Wohnzimmer, die nur ein Ziel verfolgt: einem das Leben bedeutend einfacher und schöner zu machen. Die Damen am Empfang nicken sich in stiller Übereinkunft zu, als die dunkelbraunen, glänzenden Nerz-Imitat-Decken über die Flachbildschirme flackern.

Die Jüngeren, das gibt eine Sprecherin beim Kantinenkaffee ohne Umschweife zu, zappen zu dem Shoppingsender, wenn sie spät in der Nacht von einer Party nach Hause kommen – Teleshopping als „elektronisches Lagerfeuer“, als actiongeladene Alternative zu den schönsten Zugstrecken Deutschlands. Durchschnittlich 50 Stunden hat sich ein Kunde des Shoppingkanals berieseln lassen, bevor er weich geredet ist und zum ersten Mal zum Telefon greift, um etwas zu bestellen. „Es ist ja so, dass die Männer zu ihren Frauen sagen: Komm, ruf’ doch da mal an“, erklärt die Sprecherin. „Schließlich verwalten die Frauen heute immer noch das Haushaltsgeld.“

Wenn Verena Bill niesen, sich versprechen oder in den „Polysoft“-Betten einschlafen würde, würde das alles genau so übertragen werden: Bill moderiert drei Stunden live am Stück. Dafür aber mit dem Aufnahmeleiter im Ohr, der, wenn sie während der sekundenkurzen Einspielerpause einen Schluck Wasser trinkt, sagt: „Na, Schatz, noch ein Schlückchen Wodka?“ Bevor Verena Bill kontern kann, sind sie und ihr professionelles Lächeln schon wieder auf Sendung und preisen die „unschlagbare“ Betten-Kollektion aus Mikrofaser an. Im Büro des Aufnahmeleiters sitzt auch ein junger Mann, der die Anrufe von Zuschauern entgegennimmt und ins Studio durchstellt. Die meisten reden zu lang, deshalb beherrscht Verena Bill ein paar Tricks, um ihre unsichtbaren Gesprächspartner zu verabschieden, ohne, dass die sich unhöflich behandelt fühlen. Welche Tricks das sind, will sie lieber für sich behalten.

Bills Sendung nennt sich „Geschenke für Familie und Freunde“. Verena Bill ist so überzeugend („Wenn Sie zu Hause diese Qualität jetzt fühlen könnten, meine Damen und Herren, hmmm, so weich…“), dass man sofort glaubt, sie wolle sich das „Polysoft“-Set am liebsten selber zu Weihnachten schenken.

Im großen Studio haben die Requisiteure nicht nur das Schlafzimmer aufgebaut, sondern auch ein Wohnzimmer, einen Hobbykeller und eine Gartenszenerie. Ein überdimensionales, etwas unaufgeräumtes Puppenhaus voller Kleiderstangen, Kabel und künstlichem Licht, die Halluzination eines Einfamilienhauses. Was die Zuschauer sehen, ist nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt der QVC-Welt.

Die Garderobe der „Hosts“ zum Beispiel, in der Verena Bill sich von ihrer Sendung erholt und auf die nächste vorbereitet, bleibt für die Kunden verborgen. Hier schminkt sie sich, bügelt ihre Blusen und lernt stundenlang komplizierte Gebrauchsanweisungen auswendig. Auf dem Couchtisch steht eine in Cellophan-Papier verpackte Flasche „Rotkäppchen“-Sekt, daneben ein großes Glas Spreewald-Gurken. Verena Bill hat die Sachen von Fans aus dem Brandenburgischen bekommen, weil sie einmal „nebenbei“ erwähnt hat, dass sie gern Gurken isst. Einem Kollegen, der während einer Sendung gesagt hat, er sammle rein privat alte Postkarten, haben Fans so viele alte Postkarten geschickt, wie in einen mittelgroßen QVC-Karton passen. „Darunter auch echte Sammlerstücke“, sagt sie. Dabei dürfen die Moderatoren gar keine Stars sein. Denn der Star bei QVC – so lautet ein Slogan – ist das Produkt.

Frau Bill, was war Ihre größte Panne?

„Mir ist einmal der Deckel einer Fritteuse weggeflogen, direkt gegen eine Kamera! Warten Sie, da war noch was, ich bin jetzt auch schon seit vier Jahren dabei, ja, genau: Dann ist einem Gast so schlecht geworden, dass er während der Sendung einfach gegangen ist. Da musste ich ganz schön improvisieren, ich meine, er war einfach weg, das merken die Zuschauer ja, und…“

Verena Bill, eine gelernte Schauspielerin, spricht wahrscheinlich auch im Schlaf. Es ist aber sehr lustig mit ihr, sie lacht viel und erzählt von ihrer kleinen Tochter. Und von ihren perfekten Fingernägeln, denn an denen erkennt man auch ihre männlichen Kollegen. Sie sind manikürt, überzogen mit farblosem Lack, der Nagelhalbmond ist blendend weiß. Kein anderes Körperteil wird so oft gefilmt. Immer, wenn etwa Krippenfiguren groß ins Bild kommen, sind auch die wahnsinnig gepflegten Fingernägel der Verena Bill zu sehen.

Frau Bill, schauspielern Sie eigentlich, wenn Sie vor der Kamera stehen?

„Auf keinen Fall, ich versuche immer, möglichst ich selbst zu sein.“

Wie damals beim Moderatoren-Casting. Die Aufgabe war, dem Personalchef ein weißes Blatt Papier zu verkaufen. Er hat es ihr abgekauft. Nein, bei „Hertie“, „Woolworth“ und bei „Karstadt“ trifft man solche Experten nicht. Wenn alle Verkäufer im klassischen Einzelhandel so wären wie Verena Bill, dann wäre in deutschen Innenstädten deutlich mehr los.

Was man als Fernsehzuschauer ebenfalls nicht sieht, ist der Extraraum, in dem die Vorführware von Stylisten in Topform gebracht. Billig ist das Einkaufen bei QVC nämlich nicht – ein Objekt kostet mindestens 15 Euro. Also muss das Objekt auch vor der Kamera möglichst hochwertig wirken. Hier arbeiten Männer, die in einem begehbaren Safe Goldringe polieren und die Federbetten aufschütteln und die Nerz-Imitat-Decke mit einer speziellen Kämmtechnik zum Glänzen bringen. Überall hängen Autogrammkarten des Boxers George Foreman – er kam, um das deutsche Publikum von den Vorzügen seines Low-Fat-Grill zu überzeugen. Von Joy Fleming, die ihre Modekollektion „für die starke Frau“ über QVC anbietet, hängt nirgends eine Autogrammkarte. Auch nicht von Heino und Hannelore, die einst ihre „Partnersonnenbrillen“ loswerden wollten.

Sieht man sich in diesem Extraraum der Stylisten um, bekommt kam eine Ahnung, wie der Effekt sein muss, die bestellten „Polysoft“-Oberbetten zu Hause auszupacken. Ohne Verena Bill und ihre Kollegen sind diese Decken nur ganz normale Decken. Selbst, wenn die Decken in Wirklichkeit genauso atmungsaktiv sind wie versprochen, eine kleines enttäuschtes Gefühl wird bleiben.

Vier Wochen Rückgabefrist gibt es bei QVC, zwei Wochen länger als gesetzlich vorgeschrieben. „20 Prozent der verschickten Ware kommen wieder zurück“, sagt die Sprecherin. Relativ ungerührt. Nur froh sei sie, dass Uschi Glas ihre Creme bei der Konkurrenz verkauft habe.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar