Zeitung Heute : Die Papst-Akte

Schon seit 1974 hat die Stasi Joseph Ratzinger ausspioniert. Peinliche Fehler hat sie gemacht, aber immerhin festgestellt: Der Mann hat Charme

Martin Gehlen Matthias Schlegel

Dieser Tage bekam Marianne Birthler Post vom Papst. Er habe keine Einwände gegen die Veröffentlichung der Stasi-Akten über seine Person, schrieb Benedikt XVI., und würdigte ausdrücklich die Arbeit der viel gescholtenen Stasi-Unterlagenbehörde.

Was die Mitarbeiter bei den Recherchen in ihren 180 Kilometer langen Aktenbeständen auf Antrag der „Bild am Sonntag“ an Berichten über den deutschen Pontifex zutage gefördert haben, ist allerdings auch eher eine sporadische Sammlung von Banalitäten, Gerüchten und Halbwahrheiten. Denn: Dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war es nie gelungen, einen Spion in der Nähe des Münchner Erzbischofs und späteren Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation zu platzieren. Nach Aussagen von Christian Booß, Sprecher der Birthler-Behörde, existieren zwar Berichte über Ratzinger von insgesamt acht inoffiziellen Mitarbeitern (IM). Das bedeute aber nicht, der heutige Papst sei rundum überwacht worden. Interessant für die Stasi war er immer nur dann, wenn er in den Osten reiste oder wenn besondere kirchenpolitische Ereignisse anstanden.

Den ersten Bericht hatte im April 1974 „IM Birke“ aus Erfurt geliefert, damals war Ratzinger noch Theologieprofessor in Regensburg und hielt im Erfurter Priesterseminar Vorträge. „IM Birke“ arbeitete seit 1970 und noch bis zum Fall der Mauer intensiv mit der Stasi zusammen, die meisten seiner Berichte sind jedoch vernichtet worden. Laut MfS-Personalakte war er „persönlicher Sekretär eines katholischen Bischofs in der DDR“.

Alarmiert durch die Wahl von Karol Wojtyla zum Papst 1978, begann sich das MfS dann aber auch für die Kontakte Ratzingers zum polnischen Pontifex zu interessieren. Schon bald meldeten die katholischen Zuträger, Ratzinger habe seit Mitte der 70er Jahre „eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Wojtyla“ verbunden. Das stimmte aber nicht, wie noch so einige andere Details in den Berichten über Ratzinger bis hin zu seinem Geburtsort, der auf einem Blatt mit „Merkl/Inn“ vermerkt ist statt mit Marktl am Inn. In Wirklichkeit waren sich Wojtyla und Ratzinger erstmals auf einer Bischofssynode 1977 begegnet, und näher kennen gelernt hatten sie sich dann auf dem Konklave von 1978, als Wojtyla zum Papst gewählt wurde. Gesammelt wurden solche Informationen von „IMV Georg“, der dann 1979 meldete, im Vatikan werde darüber gesprochen, Ratzinger an die Kurie zu berufen. Allerdings waren diese Personalspekulationen schon vorher in der Presse kolportiert worden. Hinter „IMV Georg“ verbirgt sich der langjährige Generalsekretär der so genannten Berliner Konferenz, Hubertus Guske. Die Berliner Konferenz war eine Vereinigung staatsnaher Katholiken in der DDR. Guske selbst arbeitete zwischen 1959 und 1989 mit dem MfS zusammen, seine voluminöse Berichtsakte wurde im Dezember 1989 ebenfalls großenteils vernichtet.

Ein drittes Mal versuchte die Stasi dann noch 1987, Ratzinger auszuforschen, als dieser zusammen mit elf westdeutschen Bischöfen am Katholikentreffen in Dresden teilnahm. Trotz enormen personellen Aufwands hatte sie keinen Erfolg.

Kompromittierendes findet sich in den Akten der Stasi über Ratzinger nicht, einer der Spione stellte sogar fest, er „verfüge über einen gewinnenden Charme“. Dabei hatte die Staatssicherheit sogar bis in die NS-Zeit zurückrecherchiert, um belastendes Material zu finden. Das war nicht ungewöhnlich: Das MfS verfügte über eine Liste mit 5000 Namen und Biografien der westdeutschen Eliten. Die NS-Akten, die 1945 von den Sowjets beschlagnahmt und in den 50er und 60er Jahren etappenweise zurückgegeben worden waren, wurden dann von der Hauptabteilung IX/11 systematisch nach diesen Personen durchforscht.

Doch nicht nur Benedikt XVI., auch seine Vorgänger Johannes Paul II. und Paul VI. sind von östlichen Geheimdiensten ausspioniert worden. So war es dem polnischen Geheimdienst SB und dem sowjetischen Geheimdienst KGB offenbar in den 60er und 70er Jahren gelungen, in der engeren Umgebung des Papstes verschiedene Agenten zu platzieren. In den MfS-Archiven wurden dazu bislang rund 550 Seiten Material gefunden, darunter vertrauliche Protokolle über Gespräche zwischen Papst Paul VI. und westlichen Politikern, aber auch detaillierte Berichte über Kircheninterna während des Pontifikats von Johannes Paul II., die – anders als das Ratzinger-Material – sehr präzise und kenntnisreich waren. Einer der Spitzel war wahrscheinlich ein polnischer Kleriker, dessen Identität bis heute nicht geklärt ist.

Anders verhält es sich mit zwei westdeutschen Spitzeln im Vatikan, die auch in den Ratzinger-Akten auftauchen: „IM Lichtblick“ und „IM Antonius“. Hinter „IM Lichtblick“ verbirgt sich der 1987 in der römischen Abtei San Anselmo verstorbene Trierer Benediktinerpater Eugen Brammertz; aufgeflogen war das vor etwa fünf Jahren. „IM Antonius“ dagegen war der langjährige KNA-Korrespondent in Rom und KNA-Redaktionsleiter in Wiesbaden, Alfons Waschbüsch. Er hatte unter anderem dem ahnungslosen Prälaten Josef Ender von der deutschen Abteilung des vatikanischen Staatssekretariats, dem heutigen vatikanischen Nuntius in Deutschland, „Hintergrundinformationen“ abgeluchst und sie dann an die Stasi verkauft. Beide Fälle jedoch zeigen, dass es bei der Aufarbeitung innerkirchlicher Spitzeltätigkeit immer noch ein starkes Ost-West-Gefälle gibt. Während im Osten Deutschland bislang 223 IMs enttarnt und teilweise auch bestraft worden sind, sind nahezu alle christlichen West-IMs unentdeckt geblieben und ungeschoren davongekommen.

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