Zeitung Heute : Die Partei der Liebe

Darf ein Genosse des DDR-Außenhandels fremdgehen? Darf er dabei pflichtvergessen seine Kampfgruppenuniform fallen lassen? Fragen über Fragen, die der Film „Die Legende von Paul und Paula“ im Jahr 1973 aufwarf und die nur die oberste Staatsspitze beantworten konnte

Lothar Heinke

Nach einem anstrengenden Drehtag sitzt die Schauspielerin Angelica Domröse in Plauen in ihrem kleinen Hotelzimmer und blättert im Skript für einen neuen Film. „Die Legende von Paul und Paula“ soll er heißen. Ulrich Plenzdorf („Die neuen Leiden des jungen W.“) hat das Buch geschrieben, Heiner Carow übernimmt die Regie für seine plötzlich verstorbene Kollegin Ingrid Reschke. Aber so weit ist es an diesem 5. Februar 1972 noch lange nicht. Jetzt wird eine Paula gesucht. Sie soll 22 sein, hübsch, aber nicht zu hübsch, mehr herb, aber nicht zu herb, begeisterungsfähig, so heftig entflammbar wie die erste Raketenstufe beim Start einer neuen Liebe, voll Gefühl, romantisch und dennoch zupackend, mit praller Lebenslust und schlagfertig wie Mutterns Hände. Gibt es so eine überhaupt?

„Ja – ich bin’s!“, jubelt Angelica, gepackt vom Buch. Sie liest es wie einen spannenden Krimi. Am Schluss der Legende vom Glück mit dem traurigen Ende tut sie das, was ihr in den folgenden 30 Jahren Millionen Frauen und Männer nachmachen werden: Sie weint. Paula nämlich stirbt und lässt ihren Paul mit drei Kindern und einer Erinnerung an die größte Liebesgeschichte der Republik allein.

Leider muss Angelica Domröse, die statt 22 schon über 30 ist, erfahren, dass der Regisseur nicht so eine Art Effi Briest im Sinn hat, ihre jüngste Glanzrolle. „Nicht so was Feines, Bürgerliches – Paula sollte die Poesie der Straße haben. Sie sollte auftauchen aus der Anonymität.“ So erinnert sich Angelica Domröse in ihrem Lebensbericht „Ich fang mich selbst ein“ (Gustav Lübbe Verlag) und beschreibt, wie Carow hunderte Frauen und Mädchen aus Schulen und Betrieben wochenlang vor der Kamera hatte – seine Paula war nicht dabei. Dann kehrte er doch zu den Profis zurück und erzählte von Schauspielerinnen, an die er gedacht habe. „Stumm hörte ich die Namen“, schreibt Angelica Domröse, „um dann zu entscheiden: Geht nicht, Heiner, die kannst du nicht nehmen, ich bin nackt besser! Und natürlich muss man nackt gut sein für diesen Film.“ Der Regisseur macht schließlich (bekleidete) Probeaufnahmen, erst zusammen mit Alexander Lang als Paul, dann mit Winfried Glatzeder. Und dabei erlebt Heiner Carow dieses kleine Paula-Wunder: „Sie verwandelte sich, wie ich es vorher noch bei keiner Schauspielerin erlebt hatte. Sie war nicht nur viel jünger, sie war scheinbar eine ganz andere Person. Naiv, zärtlich, voll von Liebessehnsucht und absolut in ihrem Anspruch auf Harmonie und Glück.“ Es passt.

Auch das politische Klima ist dem Vorhaben günstig. 1971, auf dem VIII. Parteitag der SED, hatte Erich Honecker gesagt, dass es in Kunst und Literatur für denjenigen keine Tabus geben sollte, der von der festen Position des Sozialismus ausgeht. „Wir waren allerbester Stimmung“, erinnert sich Ulrich Plenzdorf. „In den Wochen, als gedreht wurde, waren wir innerlich frei und einfach glücklich, und das sieht man dem Film auch an.“

Der Film hatte viele Väter, die es gut mit ihm meinten: Die Produktionsgruppe „Berlin“, die das Projekt in Babelsberg realisierte, begann ihre Inhaltsangabe mit dem verheißungsvollen Satz: „Die große Kraft der Liebe, die Wichtigkeit einer richtigen Partnerwahl für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen – das ist das Thema dieser in der Gestalt einer Legende erzählten Gegenwarts-Liebesgeschichte.“ Auch Hauptdirektor Albert Wilkening vom VEB Defa-Studio für Spielfilme ist begeistert: Am 14. November 1972 tippt seine Sekretärin eine Stellungnahme, in der erklärt wird, „wie Paul durch die Haltung Paulas dazu geführt wird, sich selbst von kleinbürgerlicher Denkweise zu befreien: Trotz des tragischen Endes der Geschichte erhält sich beim Zuschauer der Optimismus aus dem Erlebnis der Entscheidungskraft des Menschen und der Größe der Liebe“. Wilkening lobt seine Mannschaft und die (von den Puhdys gespielte) Musik Peter Gotthardts als „dramaturgisch präzise, emotionell erregend und die Zeit charakterisierend“, und er schließt mit einem Lob für die Schauspieler: „Dennoch ist der Film zugleich ein Film der Domröse.“

Schon nach der Rohschnittvorführung sind die Kollegen des Lobes voll. Regisseur Günter Reisch sagt: „Es sind die schönsten Liebesgeschichten, die ich jemals in unseren Filmen gesehen habe“, und Ralf Kirsten meint, „die Vitalität, mit der der Film gemacht wurde, ist etwas Ungeheures“. Das Ministerium für Kultur gibt am 6. Dezember 1972 im vertraulichen Protokoll Nr. 343/72 den 2902 Meter langen Streifen frei. „Genre: Problemfilm, Thematik: Soz. Gegenwart“. Herstellungskosten: 1710000 Mark.

Dennoch haben die Macher ein mulmiges Gefühl. Sind sie mit einzelnen Szenen zu weit gegangen? „Individueller Glücksanspruch“ – gibt es den überhaupt im Staat der Kollektive? Ist diese Paula vielleicht zu aufgeknöpft? Kann eine Frau einen Mann so freizügig über die Bettkante zerren? Darf ein Genosse vom Außenhandel überhaupt fremdgehen? Und lacht nicht ein ganzer Kinosaal, wenn da einer seine Kampfgruppenuniform fallen lässt? Die Partei versteht in solchen Dingen keinen Spaß. Hatten nicht Carow und Plenzdorf schon ihre Erfahrungen mit „Verbotsfilmen“? Und gab es nicht diese organisierten Störenfriede bei der Premiere der „Spur der Steine“ anno 1966? Gerüchte wabern durch Ost-Berlin: Der Film wird verboten, nix wie hin, und überhaupt soll das ja ein richtiger kleiner Porno sein. Rostocks SED-Chef Harry Tisch bestimmt die Küstenregion schon mal zur Paula-freien Zone. Da muss der oberste Chef handeln: Am Tag der Premiere guckt sich Erich Honecker die DDR-Lovestory an und sagt: Einverstanden. Jedenfalls tobt am 29. März 1973, abends, im „Kosmos“ an der Karl-Marx-Allee 20 Minuten lang der Beifall. Das Kino ist 90 Tage lang ausverkauft: Ungeschminkte Gefühle in dieser Liebesgeschichte zwischen der allein erziehenden Verkäuferin und dem (schlecht) verheirateten Behördenangestellten, den die so resolute wie romantische Paula verzaubert und zu Entscheidungen zwingt, über die das Publikum auch heute noch im Kino jubelt. „Nur eine Einstellung ist später aus dem Film entfernt worden“, erinnert sich Ulrich Plenzdorf, „da schnipste Paula dem Paul die Uniformmütze vom Kopf. Paul hatte sich von der Übung der Kampfgruppe entfernt, um zu Paula zu kommen. Make love not war.“

Im „ND“ gibt es wie in West-Zeitungen kleine Mäkeleien. Das SED-Zentralorgan sieht bei Paula „im Vordergrund biologische Interessen“, der Film trage „Zeichen der Isolation von der Gesellschaft, wird zum Spiel mit naiven Elementen“. Die FAZ findet „manche Traumsequenzen arg tändelnd und nostalgisch kokettierend“. Der West-Berliner Zeitschrift „Frauen und Film“ bleibt es vorbehalten, den Streifen als „frauenverachtende, spießig-lüsterne Schnulze aus der DDR“ mit „männlichem Chauvinismus“ zu geißeln.

Die Defa bekommt, wie Paul und Paula, körbeweise Zuschauerpost, Produzenten und Schauspieler reisen von einem Forum zum nächsten. Die Begeisterung überwiegt, aber es gibt auch Fragen: „Spiegelt der Film wirklich sozialistische Gegenwart wider? Könnte er nicht auch in einem kapitalistischen Land spielen?“, fragt eine Schulklasse aus Merseburg, bei der der Eindruck entstand, „dass der einzige Zweck des Films war, die Kassen der Kinos zu füllen“. „So sind unsere Menschen nicht!“, empört sich eine Dresdner Rentnerin. Ein 32-jähriger Arbeiter meint, solche Filme „bringen Entspannung in unser Leben“, wogegen eine 21-jährige Studentin „so einen Film nicht jeden Tag“ sehen möchte, denn „vieles befremdet mich, nicht nur die freien Szenen“. Und ein Elektroniker aus Pirna ist „ehrlich erstaunt, dass die Defa einen so wirklichkeitsnahen und doch optimistischen Film ohne Pathos“ gedreht hat.

Kein Festival aber hat den Film je gesehen, und als Paul und Paula der DDR den Rücken kehren, verschwindet der Streifen gleich mit. Im Bundesarchiv findet sich das Protokoll 315/85 des DDR-Kulturministeriums, das die Zulassung aufhebt: „Die Kopien sind dem Staatlichen Filmarchiv bzw. der Altstoffverwertung zu übergeben.“ 1987 wird das Verbot widerrufen.

Bis heute läuft der populärste Gegenwartsstreifen der Defa, und wer wissen möchte, wie es (auch) in der DDR war, der sehe sich diesen Kult-Film an – eine Legende ohne falsche, dümmliche Ostalgie, so wahr wie herzzerreißend mit dem Anspruch auf das Glücklichsein und dem mutigen Geheiß: Geh zu ihr! Lass deinen Drachen steigen! Mensch, los, trau dich – und sei frei!

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